Einsichten & Ansichten

Lachen verboten … oder: die spinnen, die Türken!

… aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nachdem Sie in „Neue Dissidenten braucht das Land“ mehr über den Mut zum Anderssein erfahren haben, geht es heute um das aktuell heiß diskutierte Lachverbot für Türken.

Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen.“
Emile Zola

Schlagt mich meinetwegen, aber laßt mich lachen!
Jean-Baptiste Molière

Einverstanden, nicht alle Türken spinnen. Der gute, alte Asterix kannte wahrscheinlich auch den einen oder anderen Römer, der kein Spinner war und schaut man sich auf Twitter und Facebook die Reaktionen junger türkischer Frauen an, scheint dies auch eher ein Phänomen debiler Musilmanen zu sein.

Keusche Frauen lachen nicht!

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Wahre Türken, genauer gesagt, Türkinnen lachen nicht? (Bild: Xemrevîn / Twitter)

Nach Alkoholverbot und Geschlechtertrennung in Studentenwohnheimen der islamisch-konservativen Regierung, legte der derzeitige Vize und aussichtsreiche Nachfolger von Ministerpräsident Erdogan, Bülent Arinc, in den letzten Tagen ordentlich nach: Er will den türkischen Frauen das Lachen in der Öffentlichkeit verbieten.

Was sich im ersten Augenblick wie ein verspäteter Aprilscherz  anhört und auch mich im ersten Moment lauthals loslachen ließ, ist es leider nicht. Die meinen das allen Ernstes, todernst, diese Keller- und Vollburkalacher aus diesem einst so weltoffenen und aufgeklärten schönen Kulturland. Aus und vorbei mit alledem und mit dem Lachen nunmehr auch.

Der oberste verlogene Moralapostel Arinc beklagte im westtürkischen Bursa im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung den Verfall der Moral in seinem Land. Keuschheit ist von kritischer Bedeutung, erhob Arinc seinen welken, moralinen Zeigefinger in Richtung Jugendkultur und säkularisierte Mitbürger. „Scham und Ehre“ seien entscheidende Werte. Keuschheit ist nicht nur ein Wort, sondern eine Zierde für Frauen und Männer, so der stellvertretende Regierungschef. Dazu gehöre nunmal, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht laut lachen oder ihre Attraktivität anderweitig zur Schau stellen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die Türken plaudern zu viel

Doch damit noch nicht genug. Auch unnötiges Herumgefahre weiblicher Autofahrer oder unnötiges Telefonieren sei hochgradig verwerflich. Junge Türkinnen plaudern mit ihren Handys viel zu ausgelassen, tratschen, tauschen Kochrezepze aus und was noch viel schlimmer ist, sie nutzen sie zu allem Überfluss auch noch für „gesellschaftszersetzende“ Talks in sozialen Netzwerken. Der freie und einfache Zugang zum Internet sei daher nicht nur schädlich, sondern den Werten und der Moral abträglich. Aber auch das Fernsehen bekam von Arinc sein Fett ab, denn es mache mit seinen Serien viele Teenager zu Sexbesessenen, sabberte der Vize mit voller Inbrunst in die Menge. „Wo sind unsere Mädchen, die erröten und ihr Gesicht schamhaft verbergen, wenn wir sie ansehen, diese Symbole der Keuschheit?“, fragte er in seiner schon schwer krankhaften Verblendung.

Bitte lass es einen Scherz sein!

Doch nicht nur der Islamgelehrte Ekmeleddin Ihsanoglu, der bei der kommenden Präsidentenwahl am 8. August als Kandidat gegen Erdogan antritt, rief zum Widerstand gegen Vizepremier Arinc auf: Nichts brauchen die Türkei so sehr wie das fröhliche Lachen der Frauen, widersprach Ihsanoglu. „Wahre Frauen lachen nicht?“, steht auf der nackten Brust einer offenbar sehr vergnügten und heiteren türkischen Schönheit. Mit diesem Foto bezieht die türkische Abteilung der Frauenrechtsorganisation Femen klar und deutlich Stellung zu Arincs abstrusen Vorschlag. Die Fernsehjournalistin Banu Güven ruft zu wöchentlichen Lach-Kundgebungen von Frauen auf. Und auch Männer empört die Idee. „Oh Gott, lass das ein Witz sein“, twitterte Fatih Portakal, ein bekannter türkischer TV-Moderator.

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Mit diesem Foto bezieht Femen klar und deutlich Stellung. (Bild: FEMEN Turkey / Twitter)

Sollte der türkische Vizepremier in der letzten Zeit einmal auf Twitter vorbeigeschaut haben, dürfte es dem Moralkasper wohl deutlich die Stimmung verdorben haben. Abertausende junge, starke Türkinnen überschwemmen auf dem Hashtag „#DirenKahkaha“ oder auf „FEMEN Turkey“ das Netz mit lachenden Fotos.

Lachen bis zum Sieg

Danke an Euch, dass Ihr Euch das Lachen nicht verbieten und verderben lasst. Lassen Sie uns mit den mutigen Frauen und Mädchen solidarisieren und lachen wir die Idioten doch einfach in Schutt und Asche. Denn Lachen ist wirklich die einzige Macht, der sich die herrschenden am Endes des Tages wirklich beugen müssen, wie es Zola in meinem einführenden Zitat auf den Punkt brachte.

Lassen Sie uns daher heute alle noch unseren ganz persönlichen Lachkampf auf Twitter, Facebook & Co. Schulter an Schulter mit unseren türkischen Freundinnen aufnehmen und in Che Guevara Manier ausrufen: Lachen bis zum Sieg.

Ihr Ulrich B Wagner

Über Ulrich B Wagner:

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Christoph Schroeder

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