Einsichten & Ansichten

Lebenslinien, Lebensspuren: Formungen und Ausformungen des Körperlosen

Lebenslinien, Lebensspuren, Jörg Simon, Lebensführung, Zeichen, Lesart

Passt wirklich zusammen, wer – oder was – wir sind, und das was uns reizt? Die Gedanken im heutigen Wort zum Freitag in „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET“ beschäftigen sich heute vor allen Dingen mit Schein, Sein und der enormen Differenz zwischen diesen Welten. Und wozu ist unsere Sprache, wofür sind unsere Worte letztlich wirklich gut? Unser Kolumnist Ulrich B Wagner verfolgt die Linien und Spuren, die wir selbst hinterlassen und denen wir folgen, sodass wie letztendlich sind  – und begreifen.

Just a young gun with a quick fuse
I was uptight, wanna let loose
I was dreaming of bigger things
And wanna leave my own life behind
Not a yes sir, not a follower
Fit the box, fit the mold
Have a seat in the foyer, take a number
I was lightning before the thunder
…………..

imagine dragons, thunder, 2017

Reiz und Sein

Das Reine, Bereinigte, Körperlose und Bruchfreie, Geglättete, Begradigte, Lineare wie ein Pfeil auf das Zentrum stoßende, ohne Verortung im vermeintlich Alltäglichen, Banalen und vom Leben verschmutzte, scheint nicht nur, sondern hat mit Gewissheit seit Jahrtausenden einen nicht nur magischen Reiz auf uns, die wir doch bloß schmutzige, zwischen Kot und Pisse (inter faeces et urinas nascimur, wie unser großer Philosoph und algerischer Freund Augustinus von Hippo – 384 in Thagaste in Algerien geboren, an der Schwelle von der Spätantike zum Frühmittelalter – es so treffend formulierte), nicht nur ins Leben Entrückte, bloße Entdrückte, Ausgedrückte sind, wie längst verdautes oder unverdautes von Anbeginn unseres ersten Tons, unserer ersten Äußerung, der mehr ein Schrei, ein Hilfeschrei vielleicht, des ohne Fragen, keinem Nachfragen, ganz ohne freien Willen Ausgeschiedenen.

Wer weiß?

Thunder, feel the thunder
Lightning and the thunder
Thunder, thunder
Thunder

Kids were laughing in my classes
While I was scheming for the masses
Who do you think you are?
Dreaming ‚bout being a big star
You say you’re basic, you say you’re easy
You’re always riding in the back seat
Now I’m smiling from the stage while
You were clapping in the nose bleeds


(Quelle: YouTube)

 

Das Scheinen im Hamsterrad

Haben wir allen Ernstes bereits davor geleuchtet, vor dem Ausgeschiedensein, dem Ausgeliefertsein in eine Weltlichkeit, konstruierter Wirklichkeit, Realitäten? Doch sind wir es überhaupt oder wollen nur Sie, Sie, die das vermeintlich Reine als Monstranz, als Schwert ihres eigenen Unvermögens, Ihrer eigenen zum Himmel schreienden Scheiße und Pisse als Instrument der Ausgrenzung des Anderen und Ihrer bloßen egoistischen Selbstermächtigung, als Medium unserer täglichen, alltäglichen, fast selbstverständlichen Veralltäglichung und Erniedrigung instrumentalisieren?

Wer weiß?

Also glätten wir uns, unseren Schein, den Schein, den wir von uns erscheinen lassen, für uns (?), für uns selbst (?) oder doch nur um im Wiederschein der Anderen wieder (wider?) Teil eines Größeren, eines Ganzen zu sein?

Einer Gemeinschaft, die Sinn ins Sinnlose pflanzt, uns in den Anderen, mit dem Anderen Sinn und Wert verleihen soll und uns dann doch aufs Neue bloß ausscheidet und separiert.

Verkörperlichung des Körperlosen in Lebenslinien

Auch unsere Sprache, der Ausdruck, die versuchte Verkörperlichung unserer Seele, unserer Gedanken, unseres Fühlens und Seins, nur Ausscheidung, nur unreines Produkt des Unbenennbaren?

Die Sprache, jene eigenartige Vorrichtung, die uns wie unser Leib mehr gibt, als wir hineingesteckt haben, wie es Maurice Merleau-Ponty einmal so treffend formulierte.

Heinrich von Kleist, der vom ach so reinen Goethe nicht gemochte, nicht verstandene vielleicht, schrieb einmal in einem Brief an einen Freund, es wäre dem Dichter am liebsten, an sich (auch an sich selbst) ohne Worte übertragen, um dann in Klammern anzumerken: (Welch seltsames Geständnis).*

Wie es fast 100 Jahre später der Philosoph Ludwig Wittgenstein, wohl wissend, dass es Gedichte, Lieder und Liedzeilen ohne Worte nicht geben kann, in seiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit der Sprache dann tat.

Ist es quasi eine Verunreinigung des Sinnes, fragt sich Wittgenstein, dass wir ihn in einer bestimmten Sprache mit ihren Zufälligkeiten ausdrücken und nicht gleichsam körperlos und pur (rein vielleicht?)?

Lange Zeit, heute vielleicht fast unbemerkt, doch mit einer unbewussten Energie und Wucht, die sich auf alles, allen Ausdruck, alle Lebensbereiche auswälzt und diese plattwälzt in ihren und mittels ihrer vor Selbstherrlichkeit strotzenden Dampfwalzen der egozentrierten Kultur- und Heimatverbundenheit.

Dieser Forderung nach Kristallklarheit, der Reinheit des Wassers, das selbst verschwinden, ja aufzulösen drohte, sollte sie erhöht werden.

Das Glatte erwehrt sich des Griffes

Geglättete Spuren, Spurenloses, spiegelglatt, Rutschfläche, planierte Oberfläche der Identität(en), des Selbst und der Möglichkeit des Anderen, des AndersSEIN, Weltlichkeit oder doch nur Schein des Virtuellen, der Scheinbarkeit des Wissens, der Offenheit und nur im TUN, im Reiben, in den zwischen den Linien, den vermeintlichen Brüchen, erspürbaren Antwort, die mit der Formung im Wort schon fast verschwindet, es nicht greift und greifen kann.

Wittgenstein beschreibt es so:

Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird ihr Widerstreit zwischen ihr und unserer Forderung ….
Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt,
also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind,
aber wir eben deshalb auch nicht gehen können.
Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauen Boden!

(Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen)

Falten, Linien, Spuren ….

Reibung des ICH, des Selbst, des Anderen, im und am Anderen, Spuren des Gelebten, Angefassten und Begriffenen und kein DETOX-aufgespritztes Täuschen. Ein Täuschen der bloßen Enttäuschung entsprungen, aus den verloren geglaubten Gewissheiten der nicht ergriffenen, aus purer Angst vor der eigenen Nichtigkeit erfolgten Ausgrenzung des Andersartigen und dem Verschwinden des Selbst geschuldeten Einplanetierung echter Lebendigkeit.

Nicht eine Verschmelzung der Kulturen, echte Reibung, gelebte Andersartigkeit.

Same, same but different. 

Ihr

Ulrich B Wagner

*Wenn ich beim Dichten in meinen Busen fassen, meinen Gedanken ergreifen, und mit Händen, ohne weitere Zutat, in den deinigen legen könnte: so wäre, die Wahrheit zu gestehn, die ganze innere Forderung meiner Seele erfüllt. Und auch dir, Freund, dünkt mich, bliebe nichts zu wünschen übrig: dem Durstigen kommt es, als solchem, auf die Schale nicht an, sondern auf die Früchte, die man ihm darin bringt. Nur weil der Gedanke, um zu erscheinen, wie jene flüchtigen, undarstellbaren, chemischen Stoffe, mit etwas Gröberem, Körperlichen, verbunden sein muss: nur darum bediene ich mich, wenn ich mich dir mitteilen will, und nur darum bedarfst du, um mich zu verstehen, der Rede. Sprache, Rhythmus, Wohlklang usw., und so reizend diese Dinge auch, insofern sie den Geist einhüllen, sein mögen, so sind sie doch an und für sich, aus diesem höheren Gesichtspunkt betrachtet, nichts, als ein wahrer, obschon natürlicher und notwendiger Übelstand; und die Kunst kann, in Bezug auf sie, auf nichts gehen, als sie möglichst verschwinden zu machen. Ich bemühe mich aus meinen besten Kräften, dem Ausdruck Klarheit, dem Versbau Bedeutung, dem Klang der Worte Anmut und Leben zu geben: aber bloß, damit diese Dinge gar nicht, vielmehr einzig und allein der Gedanke, den sie einschließen, erscheine. Denn das ist die Eigenschaft aller echten Form, dass der Geist augenblicklich und unmittelbar daraus hervortritt, während die mangelhafte ihn, wie ein schlechter Spiegel, gebunden hält, und uns an nichts erinnert, als an sich selbst.
Heinrich von Kleist, Brief eines Dichters an einen anderen, 1811.

Ulrich B Wagner

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