Wirtschaft

Lebensmittelspekulation: „Die Hungermacher“ – „Hände weg vom Acker, Mann!“

Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert in ihrer neuesten Studie „Die Hungermacher – wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren“ die weltweit ausartende Spekulation mit Lebensmitteln und Rohstoffen. Foodwatch beschuldigt dabei explizit Finanzinstitute für den weltweiten Hunger mitverantwortlich zu sein. Durch die rein kurzfristigen Spekulationen vor allem von Investmentbanken werden die Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben, zulasten der Ärmsten weltweit, die sich ohnehin schon kaum ihr Überleben leisten können. Foodwatch nennt auch zwei Namen: Die Deutsche Bank und Goldman Sachs.

Thilo Bode, Chef von Foodwatch: „Der massive Strom von Kapital, der jetzt in diese Rohstoffbörsen fließt, treibt die Preise für Geschäfte in der Zukunft, also in sechs Monaten, hoch. Und da sich die Lebensmittelpreise in der Gegenwart an diesen Zukunftspreisen orientieren, sind auch die Preise in der Gegenwart für Mais oder Weizen viel höher als sie es ohne diesen Kapitalzufluss wären. Und dadurch wird auch Hunger verursacht.“ So sind allein 2010 die Nahrungsmittelpreise um ein Drittel gestiegen.

Die Deutschen Bank dementiert wie gewohnt, hüllt sich über ihre Geschäftspraktiken im Investmentbankingbereich ins Schweigen und macht unter anderem das Wetter für den zunehmenden Hunger verantwortlich, hinzu käme die gestiegene Nachfrage und teurere Energiekosten. Mit Spekulation habe der Anstieg der Lebensmittelpreise dagegen nichts zu tun.

Dem widerspricht jedoch die Studie „Die Hungermacher“, die genau diesen Zusammenhang zwischen gestiegenen Nahrungsmittelpreisen und der Spekulation durch Banken aufzeigt: „Das ist offensichtlich und ich wundere mich, dass die Banken hier die Unverfrorenheit haben zu sagen, das habe nichts miteinander zu tun. Die besten Wissenschaftler sagen, es gibt einen Zusammenhang.“ Dabei haben die Finanz-Deregulierung vor rund zehn Jahren und die Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten im Zuge der Finanz- und Schuldenkrise (unsichere Aktienmärkte) die Geldmenge in diesen Agrarmärkten vervielfacht. Dadurch hat sich das Verhältnis von echtem Handel und Spekulation umgedreht: Waren früher 30% der Geschäfte eine spekulative Wette, seien es heute, so Foodwatch, erschreckende 80%. Thilo Bode fordert daher, dass große institutionelle Anleger (Banken, Versicherungen, Fonds) nicht mehr auf den Rohstoffmärkten investieren dürfen, damit es nicht mehr zu diesen Preisverzerrungen kommt. Entsprechende Schritte dürften allerdings noch länger auf sich warten lassen: „Der Ausblick ist so, dass sich die Situation noch krisenhafter zuspitzen muss, damit die Politik endlich die Kraft bekommt, die Finanzmärkte, die völlig außer Rand und Band geraten sind, zu regulieren.“

Unter dem Motto „Hände weg vom Acker, Mann!“ ruft Foodwatch zu einer Protestaktion gegen den Chef der Deutschen Bank auf, mit der Verbraucher persönlich beim Vorstandsvorsitzenden protestieren können. Dabei heißt es: „Josef Ackermann ist als Präsident des Weltbankenverbandes IIF der mächtigste Lobbyist der Finanzwirtschaft und als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Chef einer der größten Investmentbanken der Welt. Von ihm fordern wir: Die Deutsche Bank soll aus der Spekulation mit Agrar-Rohstoffen aussteigen. Und die Bankenlobby soll nicht länger eine effektive politische Regulierung der Spekulation blockieren. Die Zockerei im globalen Rohstoff-Kasino muss gestoppt werden.“

Den Kampf gegen die Rohstoff-Spekulation hatte sich auch der französische Präsident Sarkozy für seine derzeitige Präsidentschaft der G-20-Gruppe führender Wirtschaftsnationen als zentrales Ziel gesetzt: Die zunehmenden Preisschwankungen an den Märkten seien eine akute Gefahr für das Wirtschaftswachstum. Die Spekulation mit Agrarprodukten im Besonderen trifft vor allem die Ärmsten weltweit. In Bezug auf die Spekulation mit Agrarprodukten äußerte Sarkozy bereits Anfang Juni 2011: „Diese Märkte sind ein Witz. (…) Die Deregulierung der Finanzmärkte hat die Welt an den Abgrund geführt. Ein Markt ohne Regeln ist kein Markt mehr.“ Die Argumente der Finanzjongleure, dass europäische Handelsplätze nicht durch Regeln beeinträchtigt werden dürften, die an anderen Orten nicht bestehen, wies er entschieden zurück: „Wenn ein Land die Mafia nicht bekämpft, sollen wir alle deswegen die Mafia nicht mehr bekämpfen?“ Sowie: „Wir können uns nicht immer am Schlechtesten orientieren, der die wenigsten Regeln will.“ Europa habe daher die Pflicht, ein Modell für die Regulierung der Rohstoffmärkte zu entwickeln. Diesen Ankündigungen ist er allerdings bislang die Umsetzung schuldig geblieben, obwohl ihm auch Bundeskanzlerin Merkel schon mehrfach ihre Unterstützung zugesichert hat.

Die Süddeutsche Zeitung hat einen Crashkurs auf ihrer Internetseite, der den Unterschied zwischen Spekulation und Investition erklärt. Darin heißt es: "Es ist einer der größten Skandale in der Wirtschaftswelt, dass hemmungslose Spekulation mit Grundnahrungsmitteln möglich ist. "

Die Geschäftspraktiken der Deutschen Bank stehen auch in einem anderen Zusammenhang stark in der Kritik: Ein Untersuchungsbericht des US-Senats vom Frühjahr dieses Jahres hat die Schuld führender Geldinstitute an der Finanzkrise 2008 untersucht. Der 650 Seiten starke Untersuchungsbericht listet die Deutsche Bank als „Fallbeispiel“ für die düsteren Machenschaften, die zur Finanzkrise geführt haben: Gemeinsam mit dem Branchenprimus Goldman Sachs, der Bank Washington Mutual, den umstrittenen US-Ratingagenturen Moody’s und S&P und der US-Bankenaufsicht OTS sei die Deutsche Bank eine Hauptschuldige der bislang größten Finanz- und Wirtschaftskrise gewesen. Fazit des Senatsunterausschusses: „Die Krise war keine Naturkatastrophe, sondern das Resultat hochriskanter, komplexer Finanzprodukte, verdeckter Interessenskonflikte und des Versagens der Aufsichtsbehörden, der Rating-Agenturen und des Markts selbst.“ Die Deutsche Bank bekam in dem Bericht sogar ein unrühmliches eigenes Kapitel: Die Deutsche Bank war zusammen mit Goldman Sachs im Vorfeld der Finanzkrise einer der führenden Akteure im globalen CDO-Markt. Das sind hochriskante synthetische Finanzprodukte, die als Mitauslöser der Finanzkrise gelten.

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