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Lost Generation! Der Ausverkauf der Jugend.

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

 

Heute: Lost Generation! Der Ausverkauf der Jugend …

„Here was a new generation, shouting the old cries, learning the old creeds, through a revery of long days and nights; destined finally to go out into that dirty gray turmoil to follow love and pride; a new generation dedicated more than the last to the fear of poverty and the worship of success; grown up to find all Gods dead, all wars fought, all faiths in man shaken. . . “ (F. Scott Fitzgerald, this side of paradise, 1920)

 

Folgt man Ernest Hemingways Erzählung „Paris – ein Fest fürs Leben“, so geht der Ausspruch der lost generation auf Getrude Stein zurück. Diese beschwerte sich Anfang der zwanziger Jahre in Paris beim Besitzer einer Autowerksatt über einen der Mitarbeiter, worauf der Besitzer den jungen Angestellten als génération perdue beschimpfte. Getrude Stein bezeichnete in der Folge die jungen Amerikaner um Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald als lost generation, als eine Generation die respektlos sei und zu viel tränke.

Letzte Woche geisterte der Begriff der lost generation im Zuge der Jugendkrawalle in den englischen Großstädten erneut durch die britische Presse. Gewalt, Kriminalität und Vandalismus ist mit Sicherheit keine Antwort. Doch auch wenn unser Bundesinnenminister Friedrich gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagt, er sehe keine Anzeichen für Jugendkrawalle in deutschen Großstädten, sollten wir diese Zeichen der Zeit nicht weiter verharmlosen.

Europaweit steigt die Jugendarbeitslosigkeit von Jahr zu Jahr. Spitzenreiter Spanien verzeichnet mittlerweile eine Jugendarbeitslosigkeit von über 41 %. Im europäischen Mittel liegt der Wert bei ca. 20,4 %, Deutschland verzeichnet mit 9,6 % nach Österreich und den Niederlanden den niedrigsten Wert.

Parallel dazu marschieren wir geradewegs auf den größten Fachkräftemangel nach den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu. Nichtsdestotrotz reduzieren wir im Zuge der Finanzkrise kontinuierlich die Bildungsausgaben und betreiben damit gerade den größten Räumungsverkauf an Zukunfts- und Lebenschancen.

Meines Erachtens ist es jedoch gerade jetzt besonders wichtig, Jugend und Bildung wieder als das anzuerkennen, was sie sind: die Grundfesten unseres (Über)Lebens.

Vielleicht ist es auch wieder an der Zeit, einen Klassiker der modernen Soziologie, Sir Lord Ralf Dahrendorf, neu zu entdecken.

Sein 1965 erschienenes Buch "Bildung ist Bürgerrecht" ist mit "Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik" untertitelt. Als Liberaler war er damit, wie in so vielen Dingen, seiner Zeit meilenweit voraus. Für Dahrendorf ist eine aktive Bildungspolitik überhaupt nur begründbar mit einem Bürgerrecht auf Bildung.

Diese Bildung muss eine reale Chancengleichheit im Sinne der Erlaubnis und Befähigung zur vollen Teilnahme am Leben der freien Gesellschaft ermöglichen, indem sie den Menschen zu eigenen Entscheidungen befähigt. Aus meiner Sicht ist aktive Bildungspolitik deshalb eine zentrale Säule der freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Damit ein Mensch eine solche Ordnung akzeptieren kann, muss es außer Frage stehen, dass er, ungeachtet der gesellschaftlichen und/oder finanziellen Stellung seiner Familie, die gleichen Startchancen hat. Er muss in die Lage versetzt werden, von den sich in einer freien Wirtschaft ergebenden Möglichkeiten zu profitieren. Deshalb sah Dahrendorf zuletzt auch am "unteren Ende“ der Bildungsskala weit dringenderen Handlungsbedarf als in den höheren Bildungsskalen.

Jedem Menschen so weit wie möglich alle Chancen offenzuhalten, unabhängig von seiner Herkunft durch zuvor erhaltene Bildung bis zu seiner Mündigkeit, das ist Aufgabe des Gemeinwesens. Denn es geht um die zukünftige freiheitliche Lebensentfaltung der Menschen.

Eine Bildungspolitik, die allen Kindern gute Startchancen für einen erfolgreichen Lebensweg bietet, ist die zentrale – und in dieser Aufgabe zu sehr vernachlässigte – Basis einer menschenwürdigen und freiheitlichen Gesellschaftsordnung.

Soweit so gut. Was bedeutet dies jedoch für unseren Alltag? Für die Umsetzung im täglichen Leben? Ist die Abschaffung der Schreibschrift und die damit einhergehende Einführung der Grundschrift, wie es derzeitig in Hamburg geplant wird, wirklich die richtige Antwort auf die drängenden Probleme? Ich denke NEIN!

 

Es geht nicht um eine weitere Reduzierung der Bildungsanforderungen und –ansprüche. Dies ist freiheitlich-demokratisch nicht nur gefährlich für das Gemeinwesen, sondern stellt darüber hinaus eine Beleidigung der nachwachsenden Generationen dar, die man damit direkt als zu dumm klassifiziert. Es ist meines Erachtens eher die Ignoranz und Arroganz der Älteren und Etablierten, die wir an den Tag legen, angesichts der Herausforderungen und Probleme, die nicht von den jetzigen, sondern von uns früheren Jugendlichen verursacht wurden, die wir die Verheißungen eines Gordon Gekkos aus dem berüchtigten Hollywoodfilm Wall Street zur Lebensmaxime erkoren hatten.

Schule, Lehre und Universität dürfen nicht zu bloßen Zuchtanstalten von Human Capital für Unternehmen verkommen, dürfen keine Abkürzungen und Ausgrenzungen produzieren. Eine gesunde Wirtschaft benötigt ein gesundes Gemeinwesen. Und dieses beruht nun mal auf mündigen Bürgern.

Wir sollten daher zwar die Türen öffnen für neue Ansätze in der Bildungspolitik, doch den Kanon unserer humanistischen Bildung dabei nicht auf den Sperrmüll werfen.

Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben, hieß in meiner Schulzeit. Ja, heute, rückblickend, ist vieles, was damals leer und unverständlich war, mittlerweile Basis und Antrieb meines Lebens geworden.
Wir lernen jedoch nicht nur für das Leben und die spätere Karriere, sondern Bildung und Wissen ist auch das Grundelement einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Vielleicht sollten wir die Jugendkrawalle daher auch als das verstehen, was sie sind: Hilferufe der Verzweiflung einer Generation, die sich als nicht verstanden und wahrgenommen fühlt.

So gesehen sind Konflikte nämlich keine „dysfunktionale, die gesellschaftliche Ordnung störende Phänomene, sondern eine hervorragende schöpferische Kraft des sozialen Wandels, wie Sir Lord Ralf Dahrendorf einmal schrieb.

In diesem Sinne sollten wir den Heranwachsenden nicht weniger, oder “abgespecktere“ Bildung anbieten, sondern MEHR!

Ihr  Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

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