Kolumnen

Luxus-Reduktion oder die Zeiten der Stille

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

    Heute:   Luxus-Reduktion oder die Zeiten der Stille
                  wenn weniger mehr ist…

 

Es geht geisterhaft zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind, dass uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit…
(Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen)

 

Landauf und landab wird es wieder ohne Unterlass geträllert, das mit Abstand wohl bekannteste Weihnachtslied der Welt: Stille Nacht, heilige Nacht.

Dieses an Heiligabend 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführte und von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe ernannte Liedgut des Organisten Franz Xaver Gruber und dem Hilfspfarrer Joseph Mohr ist nicht nur anrührend, sondern verweist auf eine fundamentale Tatsache unseres Lebens und unserer Wahrnehmung, die Sören Kierkeggaard einmal wie folgt auf den Punkt brachte: Ich meinte erst Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur bloß Schweigen ist, sondern Hören.

Stille! Ein stilles und dennoch aktives Zuhören, ein wahrhaftiges Einlassen auf das, was die Welt oder Andere mir zu sagen haben.

Seit langem leiden wir unter einem kollektiven Verlust der Schweigekultur, wie es Michel Foucault bereits in den siebziger Jahren schon angesichts der Dauerberieselung durch Funk und Fernsehen diagnostizierte.

Können wir es überhaupt noch: Schweigen, still sein, wirklich mit uns selbst alleine sein? Lösungen durch Nachdenken, durch eigenes aktives Suchen im eigenen Gehirnstüberl finden? Können wir Stille und Alleinsein überhaupt noch ertragen? Sind wir nicht alle schon zu Online-Junkies verkommen, die bereits nach einer Stunde offline nicht nur einen Phantomschmerz, sondern einen regelrechten Cold Turkey verspüren?

Der erste und letzte Blick des Tages gehört schon wie selbstverständlich dem Blackberry, I-Phone oder dem Androiden. Wir haben die stillen Räume verloren und stattdessen eine neue Form der Angst und Leere gewonnen.

Wir müssen erkennen, dass der Kokon, den wir in kurzer Zeit mittels der neuen Medien um uns gezogen haben, zwangsläufig zum Verlust von Ruhe und Stille in unserem Leben führt.

Einsamkeit und Stille gehören jedoch fundamental zum Erfolg. Auch effektives Arbeiten und Stille gehören zusammen, auch wenn in unserem Arbeitsalltag in der Regel nur noch Hektik, Lärm, Stress und Dauergeplapper um uns herum vorherrschen.

Was macht diese Dauerbeschallung mit uns, unserer Psyche und unseren sozialen Beziehungen?

In den letzten Jahren häufen sich immer mehr die Meldungen über Burnout. Die ZEIT sprach in ihrer letzte Ausgabe schon von einer gefühlten Epidemie, um nur wenige Zeilen später direkt auszuführen, dass das Etikett Burnout heute bereits vielen als sozial akzeptierte Entschuldigung für den Raubbau an den eigenen Kräften dient (DIE ZEIT Nr. 49 vom 1.Dezember 2011)

Der Begriff Burnout wurde jedoch Anfang der 80er im Zuge der Forschungen und insbesondere auch der Entwicklung des MBI (Maslach Burnout Inventory) von Christina Maslach und Susan E. Jackson zur Messung von emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und reduzierter persönliche Leistungsfähigkeit im Umfeld von Heil- und Pflegeberufen in die psychologische Forschung eingeführt.

 

Vielleicht ist daher das, was heute im Volksmund unter Burnout verstanden wird, eher ein Phänomen, das seit längerem unter dem Begriff der Anhedonie im Umfeld der Schizophrenieforschung bei Psychologen und Psychiatern bekannt ist. Der Verlust an Lebensfreude und Lebenslust wird hier mit der Unfähigkeit erklärt, Stimuli auszusortieren. Die damit verbundene permanente kognitive Überforderung führt schließlich in dumpfe Mattigkeit und depressive Verstimmung. Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi führt in diesem Zusammenhang das Beispiel eines depressiven Patienten auf, der diese Überlastung wie folgt beschreibt: Ich versuche, auf alles auf einmal zu achten, und kann mich deshalb auf nichts konzentrieren.

Wir sind längst Getriebene unserer Informationssucht, unserer Angst, nicht mehr dabei zu sein, uns selbst zu verlieren, falls wir nur eine Meldung, ein E-Mail oder ein Posting verpassen.

Der New Yorker Soziologieprofessor Dalton Conley schrieb bereits in seinem 2009 erschienen Buch Elsewhere, U.S.A: How We Got from the Company Man, Family Dinners, and the Affluent Society to the Home Office, BlackBerry Moms, and Economic Anxiety diesbezüglich den bemerkenswerten Satz: Die Bewohner unserer Anderswo Gesellschaft haben aufgrund ihres quälenden Kontingenzbewusstseins (der sozialen Selbstpersönlichkeit des gleichzeitigen hier, dort und woanders sein zu können, der ständigen Möglichkeit des einen und des anderen zugleich) nur dann das sichere Gefühl, am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun, wenn sie auf dem Weg zum nächsten Ziel sind.

Wäre sie tatsächlich still, die heilige Nacht, im Kommunikationsoverload des Jahres 2011, oder wäre die frohe Botschaft nicht bloß eine von unzähligen Postings, Nachrichten und Statusmeldungen auf Facebook am 24. Dezember: 3 Könige, 11 Hirten, Maria und Josef und 6038 Anderen gefällt das. Überholt und überrannt innerhalb von wenigen Minuten?

Vielleicht kann uns die Advents- und die Weihnachtszeit dazu verleiten, wieder ein wenig mehr Stille in unserem Leben eintreten zu lassen. Vielleicht entdecken wir dann auch wieder das Wesentliche, das Besondere und Einzigartige, das unser Leben ausmacht. Und zu guter Letzt empfinden wir als Nebenwirkung vielleicht endlich die Lebenslust und -freude, der wir in unseren virtuellen Welten so unermüdlich nachhecheln.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine stille und besinnliche Adventszeit.

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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