Einsichten & Ansichten

Mein Tag mit Toulouse-Lautrec am Meer… oder: es ist was es ist, und es ist Scheiße

Sprechen wir immer aus was wir denken? Stellen uns mal quer, wenn etwas nicht richtig läuft? Oder fehlt uns dafür oft der Mut und wir schweigen lieber? Dulden das, was um uns herum passiert?

Ulrich B Wagner will uns mit seinem heutigen Beitrag zur Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ Mut machen, die Dinge so auszusprechen wie sie wirklich sind.

 

„I have tried to do what is true, not what is ideal.“

Henri de Toulouse-Lautrec

„Auch der Mutigste von uns, hat nur selten den Mut zu dem,
was er eigentlich weiß.“

Friedrich Nietzsche

Mut und Zivilcourage – deutsche Tugenden?

Mut, Ehrlichkeit, direkte Kommunikation
Toulouse-Lautrecs Ausdruck seines Missfallens: Für AGITANO-Kolumnist Ulrich B Wagner ein Symbol für den Mut, die Lage einmal als das zu bezeichnen, was sie ist: Scheiße. (Bild: Maurice Joyant / Wikimedia Commons [Public Domain])
Irgendwo zwischen den vielen Zeilen habe ich einmal gelesen, dass Zivilcourage dann ein Fremdwort bleibt, wenn im Denken und Fühlen der Menschen die Relation von Macht und Recht gestört ist. Auch wenn diese Störung vielleicht in gewissem Grade auf die äußeren Verhältnisse zurückzuführen sein mag, so ist sie im Inneren des Einzelnen weitaus fataler und folgenschwerer als im Außen.

Untertanengehorsam, Gartenzwerge im Vorgarten, Mut, Aufrichtigkeit, Tapferkeit und die Gradlinigkeit eines Ingenieurs, echte deutsche Tugenden? Tugenden aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Leben vielleicht? Oder doch nur alter Wein in noch älteren Schläuchen. Es war, wenn ich mich Recht entsinne, Bismarck, der einmal sagte, Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.

Zivilcourage war in der damaligen Zeit in Deutschland ein Fremdwort, unbekannt, ungehört und unausgesprochen, bis zu jenem denkens- und bedenkenswerten Ausspruch unseres ersten Reichskanzlers.

Ziviler Mut versus militärischer Mut

Mut und Tapferkeit als besondere Tugenden der Deutschen? Sollten sie wirklich nur in Uniformen, in reinem Untertanengehorsam stecken, diesem gar blind entsprungen und geschuldet sein und nicht im Herzen zu finden?

Sollte der Mut auf den Schlachtfeldern steckengeblieben sein, den gestrigen, den heutigen, im Morast des neoliberalen Krieg des Geldes? Oder ist der zivile Mut vom militärischen, dem kapitalistischen Streben und Kämpfens so verschieden, dass man ihn auch heute noch nur mit einem Fremdwort bezeichnen kann, dass in der Regel jedoch nicht ein Einziger sauber aus dem Stehgreif zu definieren vermag?

Einverstanden, die Fragwürdigkeit militärischen Mutes auf der Grundlage des reinen Untertanengehorsams, steht bei den meisten von uns nicht erst seit den täglichen Bildern aus Syrien, dem Iran, Irak, Afghanistan und so weiter, sondern auch schon seit Stalingrad, Langemarck und Hiroshima nicht wirklich zur Debatte. Aber der Verlust dieser einst (?) militärischen, sehr fragwürdigen Tugend, hat im Gegenzug leider doch nicht zwangsläufig zu Erstrebenswerterem geführt. Das tägliche, zivile Leben scheint dennoch kein Feld für persönlichen Mut geworden zu sein. Auch wenn in unseren Breitengraden, nicht mehr der Krieg, sondern gerade der Frieden und die damit einhergehende Freiheit sich zum alltäglichen Ernstfall und zur Bewährungsprobe für jeden Einzelnen, aber auch für das Gemeinwesen entwickelt hat.

Der Rückzug ins Private

Die Welt hat sich verändert, die Zeit, der Zeitverlauf, Zeitigkeit an sich und mit ihr die Komplexität der Herausforderungen und Anfeindungen.

Dreiviertel der Welt steht in Flammen, befindet sich im Krieg, in Hunger und Not und hält nunmehr über die vermeintliche Hintertür des Asylrechts Einzug in unsere bisher heile Welt, in der alles so berechenbar, kalkulierbar und sicher erschien. Bisher auf jeden Fall. Und doch?

Und doch scheint die Tendenz zum Ausweichen, zum Rückzug, des bloß nicht Auffallens, des Vermeidens von Umständen, von Unannehmlichkeiten und das nicht Aussprechen von unangenehmen Wahrheiten immer abstrusere, immer paradoxere Ausmaße anzunehmen. Glauben wir wirklich, dass dieser Rückzug ins Private reicht? Dass dies die Lösung all dieser lebensbedrohlichen Herausforderungen darstellt, nicht nur der, die schon leibhaftig vor uns stehen, sondern auch der, die schon am Horizont auf uns warten?

Glauben wir das wirklich?

Zivilcourage als Gegenspieler von Willkür

Sollten wir nicht endlich einsehen, dass der Wunsch, die innere Freiheit bei äußerer Unfreiheit, die innere Wahrhaftigkeit und eine wie auch immer geartete, auf den Füßen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verortetete, private Einstellung zu Recht und Ordnung bei verbreiteter Lüge und herrschendem Unrecht auf die Dauer bewahren zu wollen, nicht nur als eine bürgerliche Illusion aus dem Nimmerland der Gartenzwerge, sondern als tödlicher Selbstbetrug begriffen werden muss?

Ein Unrecht, das nicht angegriffen, eine Unwahrheit, die als solche nicht bezeichnet wird, falsche Vorurteile, die nicht aufgeklärt werden, verbreiten sich weiter und gelten schließlich als gerechtfertigt.

Macht, die als Willkür über die Stränge schlägt, erfordert als Gegenspieler die freie Ohnmacht, die als Zivilcourage über die Stränge schlägt.

Haben wir genug davon, genug demokratische Gesinnung, genug Liebe zur Freiheit? Lieben wir unser Leben, unser Zusammenleben, unsere Gemeinschaft wirklich so, dass wir all das tatsächlich erhobenen Hauptes als das bezeichnen können, was es ist?

Der Mut Dinge auszusprechen

Die Weimarer Republik ist 1933 nicht deshalb zusammengebrochen, weil das System versagte, sondern weil es nicht zu überzeugen in der Lage war. Weil niemand da war, der es aussprach. Der es genug liebte, um, wie Churchill, ehrlich und offen einzugestehen, dass die Demokratie zwar die schlechteste Form des Zusammenlebens darstellt, er aber leider keine einzig bessere kenne, und nur wenige Einzelne den notwendigen Mut zum Widerstand und zur positiven Veränderung aufzubringen in der Lage waren, sondern stattdessen wie Lemminge den totalitären Versuchen der Nazis nachfolgten.

Ist es heute nicht wieder so? Lange ist es her, dass ein Chef zu einem Bewerber beim Einstellungsgespräch sagte, dass die Pflicht zum Widerstand und zivilen Ungehorsam im Gehalt inbegriffen ist, so wie es der ehemalige, erste Bundespräsident der noch jungen Republik Theodor Heuss in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts tat. Als bestes Beispiel muss man sich nur in diesem Kontext den VW-Skandal ansehen, das kollektive Verschweigen, die kollektive Mitwisserschaft in Reihen der Belegschaft bis hoch in die höchsten Managementebenen. Das was Luhman einmal als die „nützliche Illegalität“ bezeichnete, ist tägliche Routine im deutschen Wirtschaftsleben, bis in viele Bereiche des Privaten geworden.

Stillschweigende Duldung?

Vieles gilt als offenes Geheimnis, doch keiner wagt es, es auszusprechen. Denn diese Auswüchse, Verstöße und Betrügereien sind „nützlich“ und brauchbar im Sinne der über alles stehenden wirtschaftlichen, pekunären Zwecke und Zwänge. Sie verkürzen die Abläufe, sie sparen Geld und huldigen den ausgerufenen Unternehmenszielen. Es sind zwar viele einzelne Menschen darin eingebunden: alle wissen sie zwar, ahnen sie irgendwie dumpf, doch dulden sie alle stillschweigend, wie wir alle auf die eine oder andere Art und Weise.

So scheint es für die drei Affen in uns und anders als im Märchen am Ende des Tages keine eindeutigen Schurken mehr zu geben, denn alle meinten es ja irgendwie nur gut. Doch gut gemeint ist…

Klare, statt offener Worte

Auch Angela Merkel dürfte wie DER SPIEGEL gestern schrieb, die Umbrüche, die sich jetzt in der Welt abzeichnen, spüren. Die Frage ist jedoch nur, ob wir Alle, wir Deutschen, aber insbesondere Europa, geschlossen und entschlossen, aber vor allem auch schnell genug darauf reagieren können. Die Reden jedoch, die Merkel und Hollande vor dem Straßburger Parlament hielten, lassen befürchten: Das wird nicht gelingen. Merkel wählte zwar für ihre Verhältnisse klare Worte, sie sagte viel Richtiges – aber wenig Mutiges.

Wobei wir auch wieder beim Thema wären.

Es fehlt uns der Mut, die Lage einmal als das zu bezeichnen was sie ist: Scheiße.

Und insbesondere auch deshalb, weil uns der Mut fehlt, der Mut es zu benennen, uns einzugestehen, dass wir nicht wissen, wie die Lösung aussieht. Der Mut anzuerkennen, dass die Antworten und die Rezepte von gestern nicht mehr helfen, sondern mehr schaden.

Der Mut auch einmal wieder das Unmögliche zu wagen, das Neue nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. Doch das geht natürlich nicht, wenn man ohne Unterlass nicht nur die eigenen Bedenken bedenkt, sondern auch noch die Bedenken der Anderen bedenkt und die unbequemen Tatsachen nicht zu erwähnen wagt, weder sich selbst gegenüber noch den Anderen.

Neues wagen

Es wird Zeit aus diesem vermeintlichen Selbstbetrug, diesem verlogenen Netz der gegenseitigen Rücksichtnahme zu entfliehen. Wir müssen das Neue wagen, auch auf Kosten der Vorrechte derer, die es es sich in ihrem Rückzug bequem gemacht haben, gegen ihre Vorurteile, gegen ihre Mutlosigkeit. Denn es wird sich ändern, mit uns oder uns!

Wir haben es noch in der Hand und im schlimmsten Fall in unseren Gedärmen, um dem großen Henri Toulouse-Lautrec nachzufolgen, der es 1898 vor der Kamera seines Schulfreundes und Galeristen Maurice Joyant in am Strand in Picardie als Ausdruck seines Missfallens tat.

Für unsere Zwecke tut es dagegen auch der Rasen vor dem Kanzleramt, wenn wir dabei auch klar für uns anerkennen, dass Freiheit, Friede, Demokratie und Menschenrechte auch eine persönliche Verantwortung bedeutet, die mit Zivilcourage und Mut zum Widerstand verknüpft ist.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

 

Über Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie &

Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching,
Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Claudia Zesewitz

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