Einsichten & Ansichten

Michel, sag ich … oder: un grand merci

Bearbeitetes Portrait von Michel Houellebecq

Michel Houellebecq wurde dieses Jahr der Schirrmacher-Preis verliehen. Mit seinem dort präsentierten reaktionären Weltbild sorgte er für Aufregung. Unser Kolumnist, Ulrich B Wagner, ist da keine Ausnahme. In seinem heutigen Beitrag zu „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ fragt er sich, Houellebecq und uns: Wer oder was ist dieser Houellebecq?

„Es ist, als ob der amerikanische Fundamentalismus weder gegen den islamischen noch gegen den jüdischen Fundamentalismus stünde, als ob sie alle zusammenspielten aus den verschiedensten Richtungen in Richtung auf ein und dasselbe Ziel, als ob sie alle einem gemeinsamen morphogenetischen Feld entstammten, das sich über diese ganze geschundene Erde zieht und jederzeit zur Strahlung kommen kann, um tausendjährige Reiche zu erzeugen.“

Berkéwicz, U.: Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung im vergleichendem Fanatismus, Suhrkamp, 2002.

Mit Verlaub Herr Houellebecq, Sie sind ein Arschloch …

Ich denke Sie verstehen das schon. Vielleicht schmeichelt es Ihnen sogar. Wer weiß? Die Liebe auf den ersten Blick sind Sie eh nicht. Ob nun von außen oder von innen betrachtet … . Doch darum geht es auch nicht. Man muss Sie nicht lieben.

Sie zulassen? Sie ertragen? Nicht erdulden! Ihre Zeigefinger im Wundpunkt. Den Schmerz. Aushalten bloß? Sich auseinandersetzen. Die Welt in Ihren Worten sehen. Das Gesehene. Das Gelesene. Den Untergang vor Augen. Die Sensibilität auf die Frage schärfen.

Auf die Frage. Das vielleicht.

Sind Sie ein Prophet? Die Auferstehung des Heiligen Sebastian gar? Als ich das Bild meines Freundes Jörg zur heutigen Kolumne zum ersten Mal erblickte, funkelte vor meinem inneren Auge kurz Antonello da Messinas Gemälde „Der heilige Sebastian“, das sich – Treppenwitz der Geschichte – wahrlich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden befindet.
Sie wissen schon, dieses symbolische Renaissance-Stillleben, das von Crowe, 1876 in seinem Kunstklassiker „Geschichte der italienischen Malerei“ wie folgt beschrieben wird:

„Er steht inmitten eines weiten mit Platten gepflasterten Hofes, der von venezianischen Häusern Zinnen und mit hohen Feueressen umgeben und hinten durch eine Verbindungsgallerie mit zwei Bögen geschlossen ist, auf welcher zu beiden Seiten orientalische Teppiche aushängen, hinter denen vier Damen sichtbar sind. Im Vordergrunde rechts liegt ein umgestürzter Säulenstumpf; im Mittelgrunde sieht man rechts einen Offizier, der auf den Heiligen hindeutend zu der vor ihm stehenden Wache spricht, dahinter jenseits der Bogengallerie zwei alte Männer, von denen einer priesterlichen Ornat trägt, mit einander redend, auf der linken Seite liegt ein Kriegsknecht in steiler Verkürzung schlafend ausgestreckt und hinter diesem steht ein Weib aus dem Volke mit ihrem schlafenden Kinde auf dem Arm. Durch die Bögen des Mittelgrundes hindurch blickt man auf ein mit Baumgruppen umstandenes Kloster am Ufer eines Kanals, und auf dem Plan, welcher dieses und die dahinter aufsteigenden Berge von den vorderen Gebäuden trennt, treten links mehrere kleine Figuren aus den Häusern und rechts wandeln zwei Männer in venezianischer Senatorentracht anscheinend in lebhaftem Gespräch vorüber; am Himmel ziehen weiße Wolkenflocken.“

Sei’s drum. Doch dies würde, wäre ich bereit es weiter auszuführen, schon wieder eine andere Geschichte ergeben. Nicht der Schreibungen wegen, sondern der Lesarten, nicht bloß der apokalyptischen sondern auch der von Hoffnung getragenen, der möglichen auf alle Fälle. Doch wem sage ich das.

Ein Prophet sind Sie nicht

Hoffentlich nicht! Ein Heiliger? Auf keinen Fall. Sebastian schon mal mit Sicherheit nicht. Ein Blick in den Spiegel dürfte genügen. Doch … ?!

Doch es gibt in ihrem Leben mit Gewissheit sehr interessante Koinzidenzen, wie Sie selbst in Ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises 2016, vor wenigen Tagen in Berlin betonten. Ihr Buch „Unterwerfung“ erschien in Frankreich beispielsweise am selben Tag an dem auch die Anschläge auf Charlie Hebdo verübt wurden oder nehmen wir nur das von Ihnen selbst zitierte Interview zu ihrem auf ihren ersten Achtungserfolg „Elementarteilchen“ erscheinendem Buch „Plattform“, in dem der Journalist Alan Riding befand, sie übertrieben die islamistische Bedrohung wahrscheinlich enorm: Erscheinungstag in der New York Times: Der 11.September 2011.

Sei’s drum. Im Rückblick erscheint vieles anders. Klüger sind wir alledem – oder auch nicht. Nehmen Sie nur die von mir eingangs, von der auf den ersten Blick mit Sicherheit liebreizenderen (Person) Ulla Berkewicz, geschriebenen „Orientierung im vergleichendem Fanatismus“.

Was haben wir damit, aber auch daraus gemacht?

Nicht viel gerade, wenn man sich ohne ideologische Scheuklappen in der Welt umblickt oder? Berkéwiczs Orientierung kennen die wenigsten. Es ist ein anderer Ton. Ein fast intellektueller, den Sie mit Blick auf die mit Sicherheit sehr spezielle französische intellektuelle Elite, so sehr verabscheuen, Sie Schriftsteller, Sie (!).

Ja, es sind vielleicht gerade die nicht moralinen Schrifsteller, die Denkanstöße, die Verwirrung, Aufregung, aber auch Mut zum Querdenken, zum Perspektivenwechsel, zu Neu-und Umbewertungen liefern.

„Der Schriftsteller kennt keine Moral“, schrieb Robin Detje in DIE ZEIT vom 27.09.2016 als Antwort auf Ihre Dankesrede und weiter: „Die Behauptung der Unmoral ist seine Moral. An der Läuterung, die sein Werk bewirken, wirkt er nicht aktiv mit, das macht sein Werk ganz ohne ihn, und wenn er Pech hat, frisst das Asoziale ihn bei lebendigem Leibe auf.“

Ein Intellektueller sind Sie mit Sicherheit nicht

Detje spricht von Ihrem reaktionären Swingerclub, von altmännergeiler Weltdeutung. Er verortet Ihr Schreiben, Ihr Denken in Untergangsphantasien eines Mannes kurz vor dem ultimativen Kontrollverlust, den wir auch Tod nennen.

Midlife-Crisis? Beileibe nicht Ihre! Sie hängen ja schon in der Altmännergeilheit ☺ … Nein, Detje. Sei’s drum. Sie brauchen sie nicht, meine Verteidigung. Beileibe nicht Sie, der sie nicht müde wurden, immer wieder und wieder im Zuge Ihrer Dankesrede zu betonen, dass sie eines mit Sicherheit nicht sind: Ein Intellektueller. Doch vielleicht sind doch gerade Sie im Moment auf alle Fälle einer der herausragendsten einer. Doch wie sähe es aus, wenn Sie es dann gerade wären, der „die Intellektuellen“ dazu aufrief, ein neues Denken hervorzubringen?

Bearbeitetes Portrait von Michel Houellebecq
Auch mit einem Gesichtsausdruck, der nicht auf den ersten Blick schon vom Absinth gezeichnet ist, bleiben Sie sich, Michel Houellebecq, selbst treu. (Bild: © Jörg Simon / 2016)

So bleiben Sie sich auch mit neuer Frisur, mit Lesebrille, mit Sakko anstatt Parka und einem Gesichtsausdruck, der nicht auf den ersten Blick schon vom Absinth gezeichnet ist, sich selbst treu. Sich selbst in dem, schon zu Ihren Lebzeiten zur Ikone gewordenen Bildes, des mit aller Macht an seinem Körper Raubbau treibenden Schriftstellers verhaftet.

Im Grunde mag ich keine Zukunftsgeschichten, keine Science-Fictions oder dystopische Romane, die sich auch noch zu allem Überfluss seit längerem schon der Raserei des Sozialen anpassen. Man nehme in diesem Kontext auch nur den neuen Roman „Null K“ von Don DeLillo, über den DER SPIEGEL schrieb: „Der dystopische Roman passt sich der Beschleunigung der Welt an. Früher war die Zukunft weit weg. Heute enthält die Gegenwart Bereiche, die eben noch Zukunft waren, vor allem durch Technologien. Es liegt daher nahe, gegenwärtige Zukunftsromane zu schreiben. DeLillos Roman handelt von Transhumanismus oder Progressivismus, den Sie auch häufig als Gefahr betont haben. Er ist ein Bericht aus der Menschenfabrik, ein Bericht über die Ewigkeitsindustrie, wie sie insbesondere auch mit Hochdruck von den Tycoonen des Silicon Valley aufgebaut wird: die Ausdehnung des menschlichen Lebens an die bereits im digitalen Leben vorherrschende Ewigkeit.“

Terror und Krieg fegen heute überall über unseren Planeten

Es ist ein umfassender Kampf um das ewige Leben. Größenwahn, hüben wie drüben. Auf der einen Seite warten die Jungfrauen, auf der anderen die Kälte der Labore oder wie es in DER SPIEGEL hieß: „Seitdem der religiöse Trick in der westlichen Welt nicht mehr richtig zieht, klafft eine unheimliche Lücke am Ende des Lebens. Dieser Trick schafft ewiges Leben durch die Behauptung des Paradieses: es geht halt in anderer Form weiter. Sollte Dauerleben technologisch möglich werden, wäre auch ein Vorteil der islamistischen Kämpfer ausgeglichen. Ihrer Hoffnung auf die Jungfrauen setzen wir die nicht mehr körperfixierte, eher geistige Ewigkeitsexistenz entgegen. Da ist dann nicht die Frage was lustiger, sondern was wem möglich ist.“

Die Betreiber der Ewigkeitszentren haben Argumente gegen ein Leben in unserer Zeit: „Terror und Krieg fegen heute überall über unseren Planeten. Und worauf läuft das hinaus? Eine groteske Art von Nostalgie. Primitive Waffen, der Mann mit Bombenweste in einer Rikscha.“

Der nach tiefstem Mittelalter riechende Islamische Staat (IS), der sich in Gewaltorgien verliert, die Kriege rundum, die Horrorszenarien der virtuellen Welt, die Ruchlosigkeiten des Turbo-Kapitalismus. Die ganzen mit dem Begriff des Neoliberalismus eng verbunden Untergangsszenarien.

Wir frönen „unserer“ Konstruktion der Wirklichkeit

Unsere Gegenwart oder das, was wir als solche bezeichnen folgt dieser Dehnung: Mittelalter bis Zukunft. Zu Verstehen? Zu Begreifen? Gar Auszuhalten? Mit Sicherheit kaum.

Wir bewegen uns in Echokammern, hüben wie drüben. Wir schotten uns ab. Entwerfen geschlossene virtuelle Räume, in denen wir „unserer“ Konstruktion der Wirklichkeit frönen. Wir müssen uns mit den Rändern beschäftigen, den Randzonen, den Überschneidungen und Mehrwerten. Mit den Rändern beschäftigen Sie sich. Mit den Rändern, die in die Mitte tendieren. Sie fast zu beherrschen drohen. Alles ist in Bewegung. Das neue Denken fehlt.
Die ehemals leuchtenden gläsernen Türme der Bankenmetropole vor meinem Fenster erodieren von Innen. Von Außen kommt das Andere. Gehört werden die Lauten, die extremen Ränder.

Doch es ist Zeit sich ans Denken zu machen. Ich gebe Ihnen Recht. Wir sollten es dann auch wirklich gefälligst tun. Der Djihadismus wird ein Ende finden, denn die Menschen werden des Gemetzels müde werden, lautet Ihre jüngste Prophezeiung. Es wird wieder einen entradikalisierten Islam geben und vielleicht eine neue Form von sozialer Marktwirtschaft vielleicht? Wer weiß?

Es gibt Hoffnung. Auch in Ihren Büchern. Jeder von uns, jeder Einzelne entscheidet beim Blick in ein Buch, genauso wie beim Blick in das Leben, ob sich Hoffnung lohnt.

Ja, es gebe Stellen in Ihren Büchern, aus denen sich „radikal entgegengesetzte Schlüsse ableiten ließen“. Ja, das kam aus Ihrem eigenen Mund. Stimmt und ich bin froh dafür, dass Sie uns noch als frei denkende Menschen einschätzen, denen man das Richtige und Wahre nicht vorbeten muss, sondern uns das Denken noch selbst überlässt. Wie anstrengend es auch sein mag. Mit Ihnen ganz Gewiss. Aber gerade darin besteht auch der besondere Reiz, und auch die besondere Anregung: In der Anstrengung in der Auseinandersetzung mit Ihnen.

Jetzt gilt es bloß noch es in die Tat umzusetzen … . Vielleicht finden wir dann eine gemeinsame Antwort auf die Frage: Wie geht es weiter? Danke nochmal.

Ihr Ulrich B Wagner

„Ich ging zu Michel, seine Tür war noch verschlossen.
Da ging ich weiter, lief ich hinters Dorf, raus auf sein Feld raus, setzte mich da auf die frische Erde.
Die regte sich, und alter Saft kam hoch und schoss in längst erfrorene Triebe.
Ich sah zum Frankfurt-Ufer rüber.
Wo früher hohe Häuser standen, Spiegeltürme,
stand jetzt die Mittagssonne und schien übern Main.

Da kam er.
Michel, sag ich.
Ja, sagte er.“

Berkéwicz, U.: Michel, sag ich, Suhrkamp, 1984

Ulrich B Wagner

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