Kolumnen

Neue Antworten braucht das Land!

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

     Heute:    Neue Antworten braucht das Land!
                   
… über geistiges Vegetieren im Jahre Sechs nach Lehman  

 

„Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden.“
           (Werner von Siemens, Tüftler, genialer Erfinder und Gründer der Siemens AG)

 

Vor einiger Zeit habe ich bei Freunden eine bemerkenswerte Geschichte zu hören bekommen. An einer renommierten Hochschule lässt ein Professor von seinen Dozenten die Abschlussklausur verteilen. Plötzlich entsteht im Saal eine Mischung aus Verlegenheit und ängstlichem Raunen. Einer der Studenten erhebt sich schließlich und gibt seiner Verwirrung Ausdruck: „Herr Professor, Ihnen muss ein Fehler unterlaufen sein. Dies sind doch die gleichen Fragen wie bei unserer letzten Klausur, oder?“ „Trefflich bemerkt“, antwortet der Professor, „aber es sind andere Antworten!

Willkommen im Jahr 2012. Oder, nach der neuen Zeitrechnung, im ‚Jahre Sechs nach Lehman Brothers‘. Juhu, wir leben noch, möchte der Kolumnist an dieser Stelle rufen. Oder haben wir es uns einfach nur, nach alter guter deutscher Manier, in der Krise gemütlich gemacht? Was bleibt sind Fragen. Fragen über Fragen, und am Ende doch nur wieder der gleiche alte Wein in neuen Schläuchen frisch verpackt?

Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an diese wundervolle Geschichte aus Paul Watzlawicks Bestseller ‚Anleitung zum Unglücklichsein‘: Der verlorene Schlüssel, oder „mehr desselben“:

Ein Betrunkener sucht unter einer Straßenlaterne seinen Schlüssel. Ein Polizist hilft ihm bei der Suche. Als der Polizist nach langem Suchen wissen will, ob der Mann sicher sei, den Schlüssel hier verloren zu haben, antwortet jener: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten — aber dort ist es viel zu finster.“  

Nein, wir haben es uns nicht gemütlich gemacht, sondern sind einem sehr viel gefährlicheren ‚sozioökonomischen Autismus‘ erlegen. Ärzte und Forscher bezeichnen Autismus als eine Wahrnehmungs- und Informations-Verarbeitungsstörung des Gehirns, oder als abweichenden Informationsverarbeitungsmodus, der sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation sowie durch stereotype Verhaltensweisen bemerkbar macht.

Warum sonst sind wir nicht in der Lage einzusehen, dass unsere alten Modelle, Theorien und Schemata einfach nicht mehr passen? Dass es längst überfällig ist, von volkswirtschaftlichen Theoremen Abschied zu nehmen, die immer noch dem goldenen Kalb des Homo oeconomicus huldigen? Anzuerkennen, dass es die ‚unsichtbare Hand‘ des Adam Smith, die angeblich immer zu einem Gleichgewicht der Märkte führe, nicht gibt, diese stattdessen lediglich über die Jahre den verlogenen Handschuh darstellte, mit denen Irrationalität, Egoismus, persönliches Profitstreben und Raffgier verdeckt und legitimiert wurde?   

 

 

Vielleicht tue ich dem Papst der Ökonomen an dieser Stelle auch Unrecht, und er war tatsächlich und wahrhaftig  von der Rationalität, der Effizienz und der gesunden Ausbalancierung der Märkte durch Konkurrenz, Angebot und Nachfrage überzeugt?

Sei es drum. Andere waren schließlich auch in der Lage anzuerkennen, dass ein weiterer großer Denker (Karl Marx) zwar beeindruckende Theorien aufstellen konnte, diese sich in der Lebenswirklichkeit jedoch als Irrtum bzw. als schlicht unverwirklichbar mit der menschlichen Natur herausstellten.

Wir waren Ende der 80er Jahre Zeitzeugen des Abgesangs auf den Kommunismus. Und nur knapp zwei Jahrzehnte später müssen wir schmerzhaft erkennen, dass auch die zweite große Glücksformel der Menschheitsgeschichte, der Kapitalismus, wie wir ihn bisher dachten, in seinen letzten Zügen liegt. Es ist der Treppenwitz der Geschichte, dass beide Theorien, die über Jahrzehnte die Welt in ihrem Würgegriff hatten und sie in Gut und Böse zu trennen glaubten, wie Konfirmationsanzüge in einer daraus erwachsenen Welt erscheinen.

Wir sollten daher 2012 endlich den Mut haben uns einzugestehen, dass wir, milde ausgedrückt, derzeitig keinen blassen Schimmer haben, wie wir auf dieses gesellschaftliche Monster Finanzkrise reagieren sollten, geschweige denn, welche theoretischen Modelle diese auch nur ansatzweise erklären und begründen können. Und die Reihe derer, die sich mit ihren schönen Modellen und Vorhersagen im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise bereits die Finger verbrannten, verläuft durch Hochschulen und Kompetenzzentren aller Herrenländer.

Wir sollten schleunigst akzeptieren, dass wir aus unseren geistigen Elfenbeintürmen herabsteigen müssen, interdisziplinär und insbesondere ganz ohne Scheuklappen und Vorurteile und miteinander nachdenken und arbeiten müssen, um schlussendlich neue Antworten auf die brennenden ungeklärten Fragen unserer Zeit zu finden.

Anstatt in ausgeleuchteten Räumen zu suchen, sollten wir es uns Wert sein, unser eigenes Licht in den uns eigenen Gehirnen wieder zu entzünden, und aufhören, gebetsmühlenartig alte und lange abgedroschene Weisheiten zum Besten zu geben.

Es ist mehr als an der Zeit, denn, wie Aldous Huxley einmal so treffend formulierte: Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.

In diesem Sinne wünsche ich uns Allen eine spannende, mutige und gleichzeitig zuversichtliche Zeit.

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

 

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