Einsichten & Ansichten

Neue Dissidenten braucht das Land

[Titelbild: Bild: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM) / pixelio.de]

(mit Video, s.u.) … aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nachdem in „Gauchos, Buletten, Sonnenschein: Über Gutmenschen am Strand“ unter anderem mehr über den mangelnden Mut zu sich selbst erfahren haben, heißt es heute „Es gibt immer was zu tun… Neue Dissidenten braucht das Land.“

Wer immer tut was er kann, bleibt immer das, was er schon ist.“

Henry Ford

In der Idee leben, heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre.“

Johann Wolfgang von Goethe

Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“

Che Guevara

Nein, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, die heutige Kolumne ist, auch wenn es meinem Konto gut getan hätte, nicht von einer der größten deutschen Bau- und Heimwerkermarktkette gesponsert.

Irgendwo in den Weiten seines eindrucksvollen Werks schrieb der französische Dichter Molière einmal die treffenden Zeilen: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

Was tun in einer Welt ohne Grenzen?

Wir leben nicht nur im Kommunikationszeitalter, sondern wir laufen auch Gefahr uns um Kopf und Kragen zu kommunizieren. Wir telefonieren, reden, posten, mailen, simsen, treffen uns in virtuellen Räumen und doch, was tun wir wirklich am Ende des Tages und was tut es vielleicht auf diese Weise mit uns, unserem Selbstwertgefühl, unseren Träumen und Zielen?

„Was tun?“, fragte sich auch bereits vor über 150 Jahren der russische Schriftsteller, Revolutionär und große Visionär Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski in seinem gleichnamigen Roman. Was tun, in Zeiten in denen vieles, ja dem Anschein nach alles in Bewegung ist, pulsiert und niemals zu schlafen scheint, in einer Welt „ohne Grenzen“ und die sich doch am Ende des Tages selbst begrenzt?

Was tun, in einer Welt, in der bei aller scheinbaren Veränderung, doch alles beim Alten bleibt? Einer sedierten Lebenswirklichkeit, der das Schicksal droht aus permanenter Lethargie in eine finale Phase der Agonie abzudriften.

Wo sind sie hin die Dissidenten?

Wo sind sie hin die Andersdenkenden, die Querdenker, Provokateure, Aufwecker und Aufrüttler, die Dissidenten? Nicht nur Gesellschaften, sondern jeder einzelne von uns in seiner kleinen Lebenswelt braucht sie, wie die Luft zum Atmen, zum Wachsen, zum Weiterkommen, für das physische und psychische Leben und Überleben.

In seinem Roman „Was tun“ ging unser russischer Dissident Tschernyschewski der Frage nach, wie idealistische Menschen die Welt im Kleinen verändern und gestalten können. Die darin entwickelten Gedanken bewegten nicht nur einen anderen Russen beziehungsweise Dissidenten so sehr, dass er zu Ehren Tschernyschewskskis sein Hauptwerk ebenso„Was tun?“ nannte: Wladimir Illjitsch Uljanow, genannt Lenin, sondern waren so provokant, dass er bereits 1864, nur ein Jahr nach Fertigstellung seines Romans, zunächst zu einer Scheinhinrichtung geführt und anschließend zur Verbannung nach Sibirien verurteilt wurde, welches er erst 19 Jahre später wieder verlassen durfte.

Wahre Dissidenten verändern die Welt zuerst im Kleinen

Nicht die großen Taten, die großen revolutionären Akte verändern nämlich die Welt nachhaltig, sondern es sind gerade die vielen kleinen Taten. Es ist das mutige und dissidentenhaftige Andersdenken, Querdenken, idealistischer Menschen wie du und ich, welche die Welt im zuerst im Kleinen, aber durch ihre Beständigkeit schließlich auch im Großen und Ganzen zu verändern vermag. Hierin, in dieser Einsicht lag die Sprengkraft dieses Buches, das nicht nur von der russischen Intelligenzja lebhaft diskutiert wurde, sondern Dichter und Denker, von Dostojewski, über Karl Marx bis hin zu Vladimir Nabakovs Arbeit „Die Gabe“ beinflusste und prägte.

Nichts brauchen wir in der heutigen Zeiten mehr als dieses Tun. Ein Anfang kann es sein, den großen Dissidenten, Träumer und Poeten Andrè Heller wieder aus der Mottenkiste zu holen und sich sein unvergängliches Lied zu Herzen zu nehmen und unseren Kindern und Kindeskindern zu zurufen, seid mutig, seid anders: Sei Poet!

Video: Andre Heller – Sei Poet

(Quelle: musicloveraustria2 / YouTube)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mal wieder ein wenig mehr Mut zum Anderssein.

Ihr Ulrich B Wagner

Über Ulrich B Wagner:

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Christoph Schroeder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.