Wirtschaft

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz – Glücksspiel mit unserem Planeten

Kommentar von Joseph E. Stiglitz, Professor der Columbia University New York und Wirtschaftsnobelpreisträger (abgedruckt in der Financial Times Deutschland – Copyright: Project Syndicate, 2011).

 

Die Finanzkrise und die Atomkatastrophe von Japan: Wir haben in den letzten Jahren zwei Desaster erlebt, die zeigen, dass wir zu wenig getan haben gegen Risiken, die die Welt ins Unheil stürzen können. Das Zocken muss ein Ende haben.

Die Folgen des japanischen Erdbebens – insbesondere der anhaltenden Krise im Kernkraftwerk von Fukushima – werden bei vielen Beobachtern des amerikanischen Finanzcrashs, der der Großen Rezession voranging, mit einem Gefühl der Erbitterung aufgenommen. Beide Ereignisse halten drastische Lehren über Risiken für uns parat, und wie schlecht Märkte und Gesellschaften mit diesen umgehen.
Natürlich sind das tragische Erdbeben – bei dem mehr als 25.000 Menschen ums Leben kamen bzw. immer noch vermisst werden – und die Finanzkrise, der man kein derart akutes physisches Leid zuordnen kann, in gewissem Sinne nicht vergleichbar. Doch was die Kernschmelze in Fukushima angeht, zieht sich ein gemeinsamer roter Faden durch diese beiden Ereignisse.
Experten aus der Atom- wie aus der Finanzindustrie versicherten uns, dass das Risiko einer Katastrophe durch neue Technologien so gut wie beseitigt werde. Die Ereignisse haben gezeigt, dass sie Unrecht hatten: Nicht nur bestanden diese Risiken, sondern ihre Folgen waren so enorm, dass sie mit Leichtigkeit jeden angeblichen Nutzen der Systeme, den die führenden Kopfe dieser Branchen versprochen hatten, auslöschten.
Vor der Großen Rezession prahlten Amerikas Wirtschaftsgurus – vom Chairman der Federal Reserve bis zu den Titanen des Finanzsektors -, wir hätten gelernt, die Risiken zu beherrschen. "Innovative" Finanzinstrumente wie etwa Derivate und CDS würden die Streuung der Risiken innerhalb der gesamten Wirtschaft ermöglichen. Heute wissen wir, dass sie damit nicht nur dem Rest der Gesellschaft etwas vorgemacht haben, sondern sogar sich selbst.
Diese Zauberer der Finanzwelt, so erwies es sich, verstanden die Komplexität der Risiken nicht – von den Gefahren so genannter "endlastiger Verteilungen" (ein Begriff aus der Statistik für seltene Ereignisse mit enormen Konsequenzen, die manchmal auch als "schwarze Schwäne" bezeichnet werden) gar nicht zu reden. Ereignisse, die sich angeblich einmal alle hundert Jahre – oder sogar einmal während der Lebensdauer des Universums – ereignen sollten, schienen alle zehn Jahre zu passieren.
Schlimmer noch: Nicht nur die Häufigkeit derartiger Ereignisse wurde maßlos unterschätzt, sondern auch der astronomische Schaden, den sie verursachen würden – so etwa wie bei den Kernschmelzen, die die Atomindustrie immer wieder heimsuchen.
Die wirtschaftswissenschaftliche und psychologische Forschung hilft uns, zu verstehen, warum wir beim Management dieser Risiken derart schlechte Arbeit leisten. Wir haben kaum eine empirische Grundlage für die Einschätzung seltener Ereignisse; daher ist es schwierig, gute Schätzungen zu erhalten.
Unter diesen Umständen kann mehr als nur Wunschdenken ins Spiel kommen: Ggf. haben wir kaum Anreize, genau nachzudenken. Im Gegenteil, wenn andere die Kosten begangener Fehler tragen, begünstigen die bestehenden Anreize Selbsttäuschungen sogar. Ein System, dass die Verluste verstaatlicht und die Gewinne privatisiert, ist von vornherein zum Risiko-Missmanagement verurteilt.
Tatsächlich wimmelte es im Finanzsektor nur so von Agency-Problemen und Externalitäten. Die Rating-Agenturen hatten Anreize, die von den Investmentbanken, die sie bezahlten, begebenen hochriskanten Wertpapiere mit hohen Ratings auszustatten. Die die Hypotheken verbriefenden Banken trugen nicht die Folgen für ihre Unverantwortlichkeit, und selbst wer unlautere Kredite vergab oder Wertpapiere herausgab und vermarktete, die von ihrer Konzeption her zu Verlusten führen mussten, tat dies auf eine Weise, die ihn vor zivil- oder strafrechtlicher Verfolgung schützte.
Dies bringt uns zur nächsten Frage: Gibt es noch weitere "schwarze Schwäne", deren Eintreten nur eine Frage der Zeit ist? Unglücklicherweise sind einige der wirklich großen Risiken, vor denen wir heute stehen, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal seltene Ereignisse. Die gute Nachricht ist, dass sich derartige Risiken auf preiswerte oder völlig kostenlose Weise steuern lassen. Die schlechte Nachricht ist, dass wir dabei auf starken politischen Widerstand stoßen – denn es gibt Leute, die vom Status quo profitieren.
Wir haben in den letzten Jahren zwei dieser großen Risiken erlebt, aber kaum etwas getan, um sie unter Kontrolle zu bringen. Manche behaupten sogar, dass die Art und Weise, wie die letzte Krise gemanagt wurde, möglicherweise das Risiko eines künftigen Finanzgaus erhöht hat.
So wissen jene Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen – und die Märkte, in denen diese agieren – jetzt, dass sie darauf zählen können, dass man sie retten wird, wenn sie Probleme bekommen. Infolge dieses Fehlanreizes können diese Banken zu günstigeren Bedingungen Kredite aufnehmen, was ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafft, der nicht auf erhöhter Leistung, sondern auf politischer Stärke beruht.
Während einige der Exzesse im Bereich der Risikoübernahme eingedämmt wurden, gehen die unlautere Kreditvergabe und der unregulierte Handel mit obskuren, außerbörslich gehandelten Derivaten weiter. Die Anreizstrukturen, die zur Übernahme übermäßiger Risiken ermutigen, bestehen praktisch unverändert fort.
Auch hat zwar Deutschland einige seiner älteren Atomreaktoren stillgelegt, doch in den USA und anderswo bleiben sogar Kraftwerke mit demselben fehlerhaften Design wie in Fukushima weiter in Betrieb. Dabei hängt schon die Existenz der Atomindustrie an versteckten staatlichen Subventionen: den von der Gesellschaft getragenen Kosten im Falle einer nuklearen Katastrophe und den Kosten der nach wie vor ungeklärten Entsorgung nuklearer Abfälle. So viel für uneingeschränkten Kapitalismus!
Für den Planeten gibt es ein weiteres Risiko, das wie die beiden anderen fast mit Sicherheit eintreten wird: globale Erwärmung und Klimawandel. Falls es andere Planeten gäbe, auf die wir im Falle ihres von der Wissenschaft vorhergesagten, nahezu sicheren Eintrittes preiswert umziehen könnten, ließe sich argumentieren, dies sei ein Risiko, das einzugehen sich lohnt. Aber es gibt sie nicht, und daher lohnt auch das Risiko nicht.
Die Kosten der Emissionsreduzierung verblassen im Vergleich zu den möglichen Risiken, vor denen die Welt steht. Und das gilt selbst, wenn wir die nukleare Option (deren Kosten schon immer unterschätzt wurden) ausschließen. Sicher, die Kohle- und Ölgesellschaften würden leiden, und die großen Verschmutzerstaaten – wie die USA – müssten offensichtlich einen höheren Preis zahlen als jene mit weniger verschwenderischem Lebensstil.
Letztlich verliert, wer in Las Vegas zocken geht, mehr, als er gewinnt. Als Gesellschaft zocken wir mit unseren Großbanken, unseren Kernkraftwerken und unserem Planeten. Wie in Las Vegas werden möglicherweise ein paar Glückliche – die Banker, die unsere Wirtschaft in Gefahr bringen, und die Eigentümer der Energieunternehmen, die unseren Planten in Gefahr bringen – ein Vermögen machen. Aber durchschnittlich und so gut wie mit Sicherheit werden wir als Gesellschaft wie alle Glücksspieler verlieren.

Das leider ist die Lehre aus der japanischen Katastrophe, die wir auf eigene Gefahr weiter ignorieren.
 

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