Wirtschaft

Nobelpreisträger Paul Krugman: Europa begeht ökonomischen Selbstmord

Es mehren sich die Reihen der führenden Wirtschaftswissenschaftler weltweit, die ein Umdenken in der derzeitigen Ausgestaltung des Kapitalismus fordern. Bereits letzte Woche hatten sich einige führende Köpfe zu Wort gemeldet und scharfe Kritiken geäußert, darunter:

  • Der US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz 

  • Deirdre McCloskey, Professorin an der University of Illinois (Chicago) für Ökonomie, Wirtschaftsgeschichte, Anglisitk und Kommunikationswissenschaft 

  • Der habilitierte Ökonom Ulrich Thielemann, im Beirat des Ökosozialen Forums Deutschland und ehemaliger Vizerektor des Instituts für Wirtschaftsethik der renommierten Universität St. Gallen

  • Der US-Starinvestor und Multimilliardär George Soros 

  • sowie auch Erbprinz Alois von Liechtenstein mit einem unerwarteten Abgesang auf die Steueroasen dieser Welt 

Nun hat auch Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger 2008 und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University sowie Centenary Professor an der London School of Economics das Wort ergriffen. Krugman bezeichnet sich dabei selbst als „free-market Keynesian“ – also einem Keynesianer und zugleich Befürworter freier Märkte. Er möge freie Märkte, befürworte aber gleichzeitig Staatseingriffe, um Marktversagen zu korrigieren und Stabilität zu bieten – und somit überhaupt erst freie Märkte zu erzeugen, die auf einer Chancengleichheit der Marktteilnehmer beruhen und nicht auf zementierten Monopolen und uneinholbaren Vorsprüngen.

In diesem Sinn hat Krugman beispielsweise in „Conscience of a Liberal“ die zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit kritisiert. Er legt da, wie diese durch die neoliberale Ideologie und deren politischen Umsetzung seit Ronald Reagan zu Beginn der 1980er Jahre stetig an Schärfe gewonnen hat – Reagan hatte den Spitzensteuersatz bei der Einkommenssteuer auf 28% reduziert. Entsprechend gebe es vier große Phasen in der US-Geschichte:

1. The Long Gilded Age
2. The Great Compression
3. Middle class America
4. The great Divergence

Dabei habe die 4. Phase seit den 1980er Jahren – verstärkt durch den Wegfall der Systemkonfrontation 1990 (Fukuyama „Das Ende der Geschichte“) – bis zum heutigen Tag zu einer noch größeren Einkommens- und Vermögensungleichheit geführt als selbst am Anfang des 20. Jahrhunderts, als ein JP Morgan die Bankenwelt kontrollierte und ein Rockefeller das Ölgeschäft – beide Imperien wurden wegen ihrer Größe zerschlagen, die Bruchstücke sind dennoch die größten ihrer Branche unserer Tage.

In der New York Times hat Paul Krugman nun ein bemerkenswertes Statement veröffentlicht, das „Der Standard“ (Wien) übersetzt hat. Unter der Überschrift „Europa begeht ökonomischen Selbstmord“ führt Krugman aus, warum die rigide Sparpolitik der EU den Kontinent in den Abgrund zu reißen droht. Dabei sei das gerade in Deutschland verbreitete Bild, das Schuldenland Spanien sei ein „Verschwender“ geradezu hirnrissig: „Spanien war kein ‚Verschwender‘ – am Vorabend der Krise waren die Schulden niedrig und das Budget im Plus.“ Vielmehr seien Spaniens Fiskalprobleme die Konsequenz der Depression und nicht deren Ursache.

Dennoch laute die Vorgaben aus Berlin und Frankfurt „noch mehr Sparen“. „Das ist, ungeschminkt gesagt, einfach hirnrissig.“ Das Ergebnis sei das, was geschichtskundige Forscher stets vorhergesagt haben: Eine Verschärfung der Depression.

Krugman zieht das Fazit: „Was wir derzeit erleben, ist der Inbegriff von Unflexibilität: Im März unterzeichneten die EU-Regierungen eine Fiskalpakt, der die Sparpolitik als vermeintliches Allheilmittel für alle Probleme einzementiert, während gleichzeitig die EZB-Manager keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit lassen, schon beim leisesten Anzeichen einer Inflation die Zinsen zu erhöhen. Angesichts dessen bleibt einem tatsächlich fast keine andere Möglichkeit als in Verzweiflung zu verfallen. Statt einzugestehen, dass sie auf dem Holzweg sind, scheinen Europas Führer fest entschlossen, ihre Wirtschaft – und damit die Gesellschaft – in den Abgrund zu stürzen. Und die ganze Welt wird den Preis dafür zahlen.“

Der Beitrag ist in voller Länge in der Onlineausgabe der Tageszeitung „Der Standard“ nachzulesen. Den Originalbeitrag in der NYT finden Sie hier.
(mb)

 

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