Kolumnen

Nostalgie: Früher war alles besser… über Vergangenheit 2.0 oder heute ist morgen schon gestern

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner „Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus“

Heute: Früher war alles besser… – über Vergangenheit 2.0 oder heute ist morgen schon gestern

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„Früher war selbst die Zukunft besser
(Karl Valentin)

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Früher war Alles besser…

Heutzutage sind es nicht mehr nur die Altvorderen, die senilen Spießer und dementen Reaktionäre, die, angesichts angeblichen Kultur- und Sittenverfalls, die guten alten Zeiten beschwören und die geistige Verengung des Blickfelds in der Rückschau zur ultimo Ratio verklären.

Mittlerweile trifft man nämlich in den Metropolen der Nation gerade halb flügge gewordene Mittzwanziger, die mir nichts, dir nichts in die Litanei der guten alten Zeit einstimmen, einer Welt, in der Alles wie von Geisterhand noch seinen angestammten Platz hatte und das Leben angenehmer, freudiger und unbeschwerter schien.

Deutschland ein Wintermärchen. Ein Land voll von trunkenen, den Kopf in der rosarot verklärten Vergangenheit steckender und mit dem Allerwertesten in Richtung Zukunft marschierender Nostalgiker. Nostalgie ist hip.

Doch es ist so ein Ding mit der guten alten Nostalgie. Erstmals taucht der aus dem Griechischen stammende Begriff Nostalgie (griechisch: nóstos – Rückkehr, Vergangenheit; álgos – Schmerz), also die Sehnsucht nach dem Vergangenen, in der Beschreibung eines Krankheitsbildes des Schweizer Arztes Johannes Hofer auf, das er bei Schweizer Söldnern in Auslandseinsätzen beobachtet hatte.

Darüber hinaus hat die neuere psychologische Forschung in den letzten Jahren gezeigt, dass Menschen gerade dann nostalgisch werden, wenn sie traurig oder einsam sind. Anders ausgedrückt, sie bemühen in der Regel die Nostalgie, um mit einer ganzen Reihe psychologischer Probleme fertig zu werden. Nostalgie ist also so etwas wie Schmierseife für das Gehirn, stimmungsaufhellend und, zumindest für einen kurzen Moment, kultur- und generationenübergreifend Trost spendend oder für den einen oder anderen Lacher sorgend. Die Vergangenheit zu verherrlichen, sich an ihr gedanklich und emotional festzuklammern, führt jedoch mit Gewissheit nur zu einem: nämlich Unglück.

Ich glaube es war der amerikanische Schriftsteller P.J. O’Rourke, der einmal schrieb, man brauche nur ein Wort, um die Mär von der guten alten Zeit zu widerlegen: Zahnheilkunde.

Ich denke jeder von uns, der alt genug und noch in der Lage ist, ohne die rosarote Brille der Nostalgie dreißig oder vierzig Jahre zurückzufühlen und zu blicken, kann sein Lied davon singen.

Früher war halt alles besser. Die Lebenserwartung der Menschen sorgte automatisch dafür, dass es in unserer schönen Nation zu keinem Pflegenotstand kam. Von der Rentenproblematik ganz zu schweigen, die Leute hatten immerhin genug Anstand nach wenigen Rentenjahren den Löffel abzugeben und freiwillig in das damals selbstverständlich noch grünere Gras zu beißen.

Auch das Fernsehen war weniger banal, versprach Kultur und mit solchen Showgrößen wie Rudi Carel und Konsorten schier unendlichen Spaß. Doch Scherz beiseite. Wer von uns möchte sich wirklich in Abwandlung des Rio Reisers Song „König von Deutschland“ 24 Stunden mit Paola und Kurt Felix „Verstehen Sie Spaß“ reinziehen?

Die Leute waren geselliger, pflegten echte Nachbarschaftshilfe, bespitzelten sich halt ein wenig, denunzierten sich wechselseitig bei der Stasi oder anderen staatlichen Organen und sorgten so nebenbei für die Aufrechterhaltung der Sitte und Moral in Deutschland.

Oder nehmen wir das Problem der Alleinerziehenden. Ledigen Müttern wurde früher, als alles besser war, das Leben auf Dauer halt so zur Hölle gemacht, dass es für alle anderen zur Abschreckung gereichte, oder sie freudig in das Martyrium der Ehehölle trieb, bis ihr letzter Funken des Aufbegehrens erlosch.

Es würde daher allen Berufsnostalgikern und Zukunftsapokalyptikern ganz gut zu Gesichte stehen, den mittlerweile hippen Wackeldackel dorthin zu treten, wo er hin gehört, nämlich in die Tonne. Denn der Wackeldackel war kein Designobjekt, sondern ein Gesinnungszeichen ewig Gestriger, Hut und Mantel tragender Audi 80 Fahrer, die heimlich noch das Horst Wessellied summten während sie ihre hilflosen Kinder oder Frauen verprügelten.

Wie reagiert man nun jedoch auf Aussagen wie die, dass in besseren Zeiten die Tomaten noch nach Tomaten geschmeckt haben, die Frauen noch wie Frauen aussahen, Männer echte Männer waren und deutsche Außenminister noch mit „Mutti“ und nicht mit ihrem Lebensabschnittsgefährten ins befreundete Ausland reisten?

Ich für meine Person kann es angesichts dieser ganzen Nostalgiefarce nur mit Max Liebermann halten und es mit seinem allseits bekannten Ausspruch auf den Punkt bringen: „Ich kann gar nicht soviel fressen wie ich kotzen möchte“.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen weniger Nostalgie und mehr Freude und Dankbarkeit für das Hier und Jetzt.

Ihr Ulrich B Wagner   

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Über den Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare. Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

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