Einsichten & Ansichten

Paris oder Venedig? Hauptsache Europa! Ein Abgesang

Paris, Venedig, Europa

Der Brexit? Eine Selbstverständlichkeit! Allein das sollte reichen, um zu verdeutlichen, welch gefährlichen Kurs Europa eingeschlagen hat. Im heutigen Beitrag von „QUERGEDACHT & QUEGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ zeigt Kolumnist Ulrich B Wagner anhand zweier europäischer Metropolen auf, wie dringend wir uns um eine Erneuerung des europäischen Traums bemühen sollten.

„Die Atmosphäre der Stadt, diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn so sehr gedrängt hatte, – er atmete ihn jetzt in tiefen, zärtlichen schmerzlichen Zügen. War es möglich, dass er nicht gewusst, nicht bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing?“ fragt sich Gustav Aschenbach, Thomas Manns Protagonist, Sinnbild und Leitmotiv in seiner Jahrhundertnovelle »Tod in Venedig«.

War es wirklich möglich?

Ja, kann es wirklich möglich sein, dass die Gondeln sanft die stillen Wellen der Seine streicheln und der Gondoliere seine Stimme leise mit der nahenden Nacht verschmelzt, die sich im rot der untergehenden Sonne nicht nur ankündigt, sondern gespiegelt, im kalten Metall des Tour Eiffel, sich langsam über dem Land ausbreitet? … .

Spätestens dann mag es Zeit zu sein, aufzuwachen, für den in seinen Träumen und Bildern verlorenen Kolumnisten mit Sicherheit allemal und für den Rest des Alb, wahrscheinlich auch.

Paris ist nicht Venedig und die „zeitgenössischen Türken“ in Gestalt des radikalen Islam der IS stehen nicht vor Wien, Frankfurt, Berlin oder Stockholm. Mit Sicherheit nicht, doch vielleicht verbirgt sich hinter alldem vielleicht doch das Eine oder Andere.

Napoleon und weitere Katastrophen

Venedig, die eigenständige Macht zwischen Orient und Okzident, spätestens seit der Eroberung von Byzanz im Jahre 1204, nicht nur die Brücke zwischen Ost und West, sondern mit dem Sieg von 1380 über Genua auch unangefochtener Herrscher über das Mittelmeer, ist tot. Der Untergang beginnt als sie nach schweren Auseinandersetzungen, nach der Eroberung von Konstantinopel 1453, als die Türken auch noch Zypern, Kreta und den Peloponnes unter ihren Besitz bringen.

Hinzu kommt der wirtschaftliche Niedergang, der sich im Zuge der Entdeckung Amerikas und der damit verbundenen Verschiebung des Welthandels vom Mittelmeer hin zum atlantischen Ozean, aber auch in der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama, der den Portugiesen die Pforten der orientalischen Märkte öffnete, erschließt. Im gleichen Zuge in welchem die Türken ihnen durch die Blockade des Schwarzen Meeres den Zugang zu den selbigen verwehrte. Napoleons Eroberung von 1797 und die spätere Zuschlagung zu Österreich im Zuge des Wiener Kongresses 1815 sollten ihr, der Stadt der Lagunen, den letzten Atemzug herauspressen.

Thomas Manns Venedig (unser aller Venedig?) als Symbol der Décadence. Eine gebrochene Existenz zwischen Schönheit und Verfall, Symbol und Götterbote in einem. Thomas Manns »Tod in Venedig« spielt nicht nur mit dieser Lust an der Darstellung des Verfalls und des Untergangs in allen erdenklichen Spielarten und Differenzierungen, sondern wird für viele von uns wohl, auch im Zuge der eigenen Schullektüre, zum Sinnbild einer Décadence-Literatur, die Erwin Koppen als Komplementärbegriff zu dem bürgerlich-technokratischen Verständnis des Fortschritts sieht.

Thomas Manns Erzählung erscheint 1912, knapp zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der sich damit bis 1945 von kurzen, kurzen Atempausen unterbrochenen, kriegerischen, unruhigen und desaströsen Phasen innerhalb der langen (kurzen) Geschichte der europäischen Nationen.

Venedig ist ein Gespenst

Ein Gespenst, das abends leise meine Couch umspielt, während ich die Bilder der Europameisterschaft aus dem nicht einmal 500 Kilometer entfernten Paris über mich ergehen lasse.

Paris ein Fest für das Leben. Bilder eines erleuchteten, freundlichen, fröhlichen, eines fast als friedlich zu bezeichnenden Paris. Eines Paris, das spätestens seit dem Ausbruch der Französischen Revolution, der Guillotine, Marie Antoinettes Einladung zum Kuchen, ihrer ersten ökologischen Bestrebungen wenige Jahre davor, den Heimholungen der Natur in Form von Hühnern und Kühen in die Gärten Versailles, der Ökologie der Lust des Rokkoko, zum Sinnbild der Freiheit sich emporhob.

Kein Land, keine Nation, aber insbesondere keine Hauptstadt eines Staates steht so für Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit (Brüderlichkeit) wie Paris.

Groß denken, konkret denken, frei sein

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Wird das zurzeit freundliche, fröhliche und friedliche Paris eines Tages das gleiche Schicksal ereignen wie Venedig? (Bild: © Jörg Simon / 2016)

Hemingway schrieb sie, die Unvergessliche, für uns Neuankömmlinge, als Frischlinge des Lebens und des Seins, als Fest fürs Leben in unsere Herzen.

Als Austauschschüler schlenderten wir, Sartre, Beauvoir und Camus in der Hosentasche, über den Montmartre oder saßen als pubertierende Nekrophile, den ersten Joint rauchend ,am Grab von Jim Morrison. Tauschten Impressionen über all die ganzen anderen letzten Ruhe- und Kultstätten von Heine, über Baudelaire bis hin zu dem von Jean Paul, den vermeintlichen Denkmälern einer „überlegenen“ europäischen Kultur der Freiheit und ihrer Künste, aus.

Sarah Bakewell webte mit Gewissheit, als sie vor nicht all zu langer Zeit in einem Essay „Nimm ein Cocktailglas“ für der Freitag einleitend schrieb: „Philosophie Groß denken, konkret denken, frei sein, revoltieren, Liebe machen, kritische Literatur lesen. Warum es heute wieder gute Gründe gibt sich, sich zum Existentialisten zu machen“, an diesem Mythos weiter und versucht ihn, auf ihre Art, hinüber zu retten.

Jeder Einzelne von aus schaut weg

Hinüber, über all das was als Realität durch die Ritzen der Tücher, unserer Abdeckungen, von Leichentüchern an dieser Stelle erst einmal gar nicht zu reden, unserer Verhüllungen des „wahren“ Hier und Jetzt, eines Jetzt des Versäumten, der nicht vollzogenen oder falsch verstandenen Reformen, eines rein auf Basis des Pekunären ausgerufenen Wir-Verständnisses, uns täglich, trotz aller Bemühungen des Vertuschens und Verbergens, als nacktes Grauen mitten ins Gesicht schlägt.

Nicht Deutschland, wir Alle, jeder Einzelne von aus schaut weg. Ein Wegschauen, das dem Versuch der Schülerin, dem Schüler gleicht, der an die Decke blickt oder seine Augen in der Hoffnung in dem vor ihm liegenden Buch vergräbt, dass ihn beziehungsweise sie, der Lehrer oder auch die Lehrerin auch nicht sieht. Wenn sie sie nicht sehen, werden sie auch nicht an die Tafel gebeten.

Der Brexit schon zur Selbstverständlichkeit verkommen. Doch nicht erst seitdem versuchen wir, seit Monaten bereits einen mehr als möglich erscheinenden Frexit zu leugnen. Frankreich brodelt in sich und vor sich hin. Abertausende Menschen demonstrieren und kämpfen erbittert gegen neue Sozial- und Arbeitsmarktreformen und wir schauen weg.

Randmeldungen, zu zwerghaften Miniaturen verkommene Realitätsverzerrungen. Boten des Untergangs eines gemeinsamen Traums: Eines europäischen Traums.

Ein Europa des wirklichen Machens

Eines vielleicht sogar nicht nur falsch verstandenen, sondern jetzt rückblickend betrachtet, sogar auf den falschen Fundamenten aufbauenden Traums, eines friedvollen und für seine Bürger von Armut, Not und Krieg befreiten Europas.

Für mich ist er, wie für viele von uns wahrscheinlich, noch nicht gänzlich ausgeträumt, sondern ist es sogar wert neu entworfen zu werden: Nicht als Traum vielleicht, sondern als Tat, als eines Europas des wirklichen Machens und nicht des Wollens oder des bloßen Scheins.

Oder wie Sergio Agamben es in seinem Essay »Vom Nutzen und Nachteil unter Gespenstern zu leben« formulierte: „Von alldem weiß das Gespenst Venedigs nichts. Es sind weder die Venezianer noch die Touristen, denen es erscheint. Vielleicht erscheint es den Bettlern, die schamlose Verwaltungsbeamte verjagen wollen, vielleicht den Ratten, die, die Nase am Boden, atemlos über die Gässchen huschen, vielleicht jenen wenigen gleichsam Exilierten, die versuchen ihre spröden Lehren daraus zu ziehen. Denn was uns das Gespenst mit seiner Knabenstimme zu bedenken gibt, ist dass in einem Europa, in dem alle Sprachen und Städte nur mehr als Phantasmen fortleben, sich nur dem, der sich darauf versteht, mit ihnen intim und vertraut zu sein, ihre schlichten Worte und Steine durchzubuchstabieren und zu memorieren, vielleicht jene Bresche auftut, durch die plötzlich die Geschichte – das Leben – eindringt, um ihr Versprechen zu erfüllen.“

Paris ist nicht Venedig. Noch nicht! Noch scheinen wir es in unseren Händen zu haben. In diesem Sinne sollten wir bei aller Freude über den Fußball das „wahre“ Europa nicht aus den Augen verlieren.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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