Interviews

Perspektiven 2025: Zukunftsforschung über die Hightech-Textilien von morgen (2)

Textil, Stoff, Himmel, Wolke, Cloud, Zukunft
[Bild: Rainer Sturm / pixelio.de]

Teil 2 des Interviews mit dem Zukunftsforscher Dipl.-Ing. Thomas Strobel über das enorme Potenzial von Textilien amlässlich der Studie „Perspektiven 2025“, die soeben vom Forschungskuratorium Textil e.V. herausgegeben wude. Die Anwendungsmöglichkeiten für moderne Hightech-Funktionstextilien gehen dabei weit über den Bekleidungsbereich hinaus. Einen interessanten Einblick in die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von morgen hat Thomas Strobel bereits im ersten Teil des Interviews angesprochen. Im zweiten Teil geht es nun weiter ins Detail.

6. Sie haben als weiteren Anwendungsbereich für Hightech-Textilien auch den Bereich Ernährung genannt. Textilien und Ernährung – wie passt das zusammen?

Für Ernährung erwarten wir grundsätzliche Veränderungen in der Lebensmittelproduktion. Sie wird bei landwirtschaftlichen Produkten aus Gründen wie Transportkosten, Frische und Qualität näher am Verbraucher stattfinden. Damit werden Konzepte des Vertical Farming in Städten und Wohngebieten zu Anwendungsfeldern für Textilien. Grüne Fassadenverkleidungen mit textiler Grundstruktur oder grüne Raumteiler zeigen, dass Textilien dann Designelemente mit Pflanzbehältern und integrierter Wasser- und Nährstoffversorgung sein können. Bei der Massentierhaltung nach heutigen Standards werden wir in naher Zukunft an Grenzen stoßen. Nach der Grundlogik „mehr Fleisch mit weniger Tieren“ werden künftige Generationen wahrscheinlich auch Kunstfleisch essen, das durch Zellwachstum an textilen Grundstrukturen hergestellt werden könnte. Für die Produktion von Leder mit gezüchteten Hautzellen gibt es hier schon Laborverfahren.

7. Ein weiterer Punkt, den Sie in Bezug auf die Textilien der Zukunft erwähnt haben, ist die Mobilität. Den fliegenden Teppich kennen wir aus Märchen – aber wie wird die Realität aussehen?

Der fliegende Teppich hat bisher unbefriedigende Ergebnisse bei Crash-Tests. Und die Montage der vorgeschriebenen Sicherheitsgurte ist noch ungelöst.

Aber ganz im Ernst: Mobilität wird sich gegenüber heute grundlegend wandeln. Einerseits ist das Auto bei nachfolgenden Generationen bereits auf dem Weg seine Rolle als Statussymbol zu verlieren. „Benutzen statt besitzen“ wird hier vielfach ein prägender Trend sein. Andererseits werden wir zukünftig ein integriertes Mobilitätssystem nutzen, das verschiedenste miteinander vernetzte Verkehrsmittel anbietet. Über unsere Smart Phone Apps werden wir durchgängig geplante Routen buchen und nutzen. Erst dadurch werden die entfernungsbezogenen Vorteile unterschiedlicher Verkehrsmittel effizient und zeitsparend nutzbar. Neue Mikromobilität für kurze Strecken wird helfen Ballungsgebiete vor dem drohenden Verkehrskollaps zu bewahren. „Je kürzer die Strecke, desto elektro“ dürfte hier ein Leitgedanke sein.

8. Gesundheit aber auch Energie – was wird sich in diesen Bereichen tun?

Im Gesundheitsbereich wird sich das Erfassen und überwachen von Körperparametern mit integrierter Sensorik stark verbreiten. Die Anwendungsfelder reichen von der Gesundheitsvorsorge, über die Betreuung von Risikopatienten bis hin zur Unterstützung älterer Menschen in ihrer Unabhängigkeit bei Leben und Wohnen. Die vielfältigen Möglichkeiten textiler Anwendungen in der Medizintechnik beginnen bei antibakteriellen Stoffen und Filtern. Beiträge für Knochen-, Bänder-, Sehnen- oder Hautersatz zeigen weitere Potenziale auf. Implantate auf Basis textiler Verfahren hatten wir bereits angeschnitten.

Bei Energie beinhalten die Ideen zahlreiche neue Anforderungen an dezentrale Energiegewinnung und –speicherung, oft auch verbunden mit Energy Harvesting, der Ernte kleiner Energiemengen, beispielsweise aus Körperbewegungen oder Temperaturunterschieden. Zusätzlich bieten auch Wellenkraftwerke, Algenzucht für synthetische Kraftstoffe oder künstliche Photosynthese zur Erzeugung von Biomasse Raum für neue Textilmärkte.

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Marc Brümmer

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