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Planung versus Plan: Warum komplizierte Situationen nicht komplex sind

Erfahrene Projektmanager, genaueste Datenanalyse – und trotzdem setzen Unternehmen immer wieder Millionen in den Sand. Der Plan war gut – allein er scheiterte! Denn: Ein Plan ist detailliert und macht genaue Vorgaben. Eines ist er nicht: flexibel. Dafür braucht man Planung: Ein fundamentaler Unterschied.

Zum Auftakt seiner Themenserie „Entschlossen – Erfolgreich – Entscheiden“ erklärt Thomas Wuttke, Experte für Risiko und Entscheidung, warum man in komplexen Situationen Planung braucht und komplizierte einen Plan erfordern.

 

Genaue Planung ist ein Märchen

Warum gelingen uns einerseits die verrücktesten Vorhaben und warum bekommen wir andererseits die einfachste Jahresplanung nicht in den Griff? Der Grund liegt in einer simplen Verwechslung.
Erinnern Sie sich noch? Im November 2014 landete die Raumsonde Philae auf dem Kometen Tschuri. Jahrelange Planungs- und Vorbereitungsarbeit fand ihren Höhepunkt in einer geglückten, wenn auch etwas holprigen Landung. Nun war es ja nicht so, dass die Raumsonde einfach mal so nach Tschuri flog. Eine jahrelange, unglaublich datenreiche, präzise und komplizierte Detailplanung ist diesem Ereignis vorausgegangen. Ein Meisterstück der Ingenieurskunst. Ohne diese Planung wäre das gesamte Vorhaben unmöglich gewesen.

Im gleichen November 2014 begrub ein DAX-Konzern ein umfangreiches Führungskräfteentwicklungsprogramm nach drei Jahren Laufzeit, viel Ärger, mangelnder Akzeptanz und abwandernden Führungskräften. Und ca. zwei Millionen Euro Gesamtkosten. Es fehlte nur noch der Sündenbock. Als gelernte Lektion wurde vereinbart, im nächsten Anlauf den Planungsaufwand dramatisch zu erhöhen. Dabei war diesem Projekt bereits eine umfangreiche Detailplanung vorausgegangen.

Planung ist alles, der Plan ist nichts …

Warum können wir auf der einen Seite auf Kometen landen und andererseits nicht mal eine durchschnittliche Personalentwicklungsmaßnahme ins Ziel bringen? Die Antwort mag verblüffen: Wir verwechseln in vielen Fällen Komplexität mit Kompliziertheit. Eine Kometenlandung ist kompliziert. Ebenso ein Brückenbau oder eine Motorenentwicklung. Hier ist detaillierte Planung mindestens Grundvoraussetzung für den Erfolg des Vorhabens.

Eine HR-Maßnahme dagegen ist komplex. Komplexität bezeichnet „die Eigenschaft eines Systems, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt.“ (Quelle: Wikipedia)

Der Großteil aller Projekte, Merger, Business Cases, Absatzplanungen und Marketinginitiativen ist komplex – aber eben nicht kompliziert. Das gilt übrigens auch für Militäroperationen. Und aus dieser Ecke kamen schon vor weit über 100 Jahren die weisen Worte des Feldmarschalls von Moltke: „Planung ist alles, der Plan ist nichts.“ In einer komplexen Umgebung ist Flexibilität oberstes Gebot, um der daraus resultierenden Unsicherheit rasch und flexibel entgegenwirken zu können. Da darf eben nicht mit dem Instrumentarium der Kompliziertheit – also mit noch mehr Planung – vorgegangen werden.

Je mehr Planung, desto bessere Ergebnisse?

Und genau hier liegt die Krux. Die unendliche Anzahl von Businessplanungen tun so, als ob ein Mehr an Planung bessere Ergebnisse erzielen würde. Das tut sie meist nicht, beruhigt aber mit Scheingenauigkeit alle Beteiligten ungemein. Das ist wie im Märchen. Eine Geschichte, die fast zu schön ist, um wahr zu sein. Aber alle wollen dieses Märchen hören …

Warum? Nun, es fällt uns spontan (und wahrscheinlich emotional) schwer zu glauben, dass eine Umsatz- und Absatzprognose komplexer sein soll als ein Brückenneubau über der Donau. So ist es aber. Komplizierte Situationen kommen ohne detaillierte Planung nie ins Ziel. Komplexe Situationen kommen ohne Flexibilität nie ins Ziel. Verwechseln Sie diese beiden niemals und erkennen Sie die unterschiedlich sinnvollen Werkzeuge!

Und jetzt? Prüfen Sie doch einmal Ihre Planungen in Ihrem Unternehmen auf diesen Aspekt hin.

Hier ein Schnelltest:

  • Erkennen Sie scheingenaue Planung?
  • Arbeiten Sie mit Bandbreiten?
  • Arbeiten Sie aktiv mit Unsicherheiten?
  • Haben Sie eine Übersicht der möglichen Risiken?

Viermal „Ja“? Dann haben Sie den Flexibilitäts-Schnelltest gewonnen!

Kalkulieren Sie Unsicherheiten mit ein!

Ein aktiver Umgang mit Unsicherheiten ist die einzig richtige Antwort auf komplexe Situationen. Scheingenauigkeit ist es nicht. Der Anspruch, Scheingenauigkeit auch noch zu erfüllen, tötet Motivation, Engagement und aktive Mitarbeit. Und kostet auch noch Unsummen …Genaue Planung als einzigen und wichtigen Erfolgsfaktor für komplexe Situationen ist also ein weit verbreitetes Märchen.

Unser Dasein auf Erden ist definitiv komplex. Sind Sie heute da, wo Sie mit 14 Jahren gedacht haben, sein zu wollen? Hätten Sie das alles haargenau so planen können?
Im nächsten Beitrag sehen wir uns an, was es mit der Risikokultur bzw. dem Kulturrisiko auf sich hat…

Ihr
Thomas Wuttke

 

Über Thomas Wuttke

Thomas Wuttke, Risiken, Risikomanager, Entscheiden
Experte für Risikomanagement Thomas Wuttke. (Bild: © Thomas Wuttke)

Thomas Wuttke ist Speaker, Trainer, Manager, Dozent, Autor und Experte für Risikomanagement und erfolgreiche Entscheidungen. Er hatte über lange Jahre zahlreiche hohe nationale und internationale Managementpositionen inne. Der Herzblut-Unternehmer ist seit Mitte der 80er Jahre selbstständig. Kurz nach dem Studium gründete er seine erste Firma, ein Softwarehaus. Über ein Dutzend Firmen hat er seitdem ins Leben gerufen, gekauft und wieder verkauft. Mit dickem Plus aber manchmal auch mit schmerzhaften Minus. Thomas Wuttke weiß, wovon er spricht, wenn es um Risiken und harte Entscheidungen geht. Ganz nach seinem Motto „Entschlossen – Erfolgreich – Entscheiden“ legt er dar, wie wichtig es ist, Risiken zu erkennen und bewusst einzugehen. Denn: keine Entscheidungen zu treffen bringt garantiert auch keinen Erfolg. Die Zuhörer der Vorträge von Thomas Wuttke schätzen die Kombinationen aus tiefem Erfahrungsschatz, profunder Theorie und eingängiger Darstellung. Ganz ohne PowerPoint und äußerst unterhaltsam! Mehr über Thomas Wuttke unter www.thomaswuttke.com.

Katja Heumader

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