Wirtschaft

Prof. Dr. Heribert Gierl-Interview mit JMS Kurator

Sie sind Professor. Warum haben Sie sich für eine Hochschulkarriere entschieden und was reizt Sie daran?

Professor zu werden, entscheidet man nicht einfach, ich zumindest nicht. Nach dem 10-semestrigen BWL-Studium habe ich noch promoviert, allerdings nicht mit der Absicht, im akademischen Bereich zu verbleiben. Es war mehr Zufall, dass ich dann das Angebot erhielt, eine Professur „Marktlehre des Gartenbaues“ zu vertreten. Ich war dann zwei Jahre und mehr an der TU München in Weihenstephan. Dann ergab sich wieder ein gewollter Bruch mit der akademischen Karriere. Aber 1990 gab es viele Angebote im akademischen Bereich, und ich wurde Gründungsprofessor für BWL an der Bergakademie Freiberg mit einer Reihe von Studenten aus verschiedenen Montanstudiengängen … Dann war die Situation einfach so, dass ich in diesem Bereich verblieb. Was reizt mich daran? Schon vieles: selbstständig arbeiten können, mit jungen Menschen arbeiten können, manchmal klüger werden.

 

Wie gestaltet sich Ihr Tagesablauf als Professor?

Etwa zehn Stunden pro Tag, manchmal auch einige Stunden am Wochenende fallen für berufliche Zwecke an. Einen standardisierten Ablauf gibt es nicht. Sitzungstermine, Vorlesungen und wenn möglich eine Stunde Vorbereitung, Sprechstunde, Doktorandenkolloquium etc. sind erstrangig, zweitrangig, aber nicht nachrangig, ist dann die Arbeit mit den Mitarbeiter(innen) und Doktorand(innen) an Forschungsarbeiten, auch mit den Studenten im Rahmen ihrer Diplomarbeiten.

 

Inwieweit halten Sie Kontakt zur Praxis und welche Aktivitäten führen Sie hier durch?

In der Lehre: Ich setze gern Lehrbeauftragte ein und stelle ab und zu ein Ergebnis aus einer Studie, die mit einem Unternehmen realisiert wurde, vor. Etwa zwanzig Diplom- und Hausarbeiten pro Jahr kommen aus Kooperationen zwischen Studenten und Unternehmen zustande. In der Auftragsforschung: Dies müssen Sie sich so vorstellen, dass Unternehmen einen bestimmten Marktforschungsbedarf haben und artikulieren. Wir beschäftigen dann Projektmitarbeiter an einem gemeinnützigen Verein. In der akademischen Forschung: Hier ist die „Zusammenarbeit“ eher einseitig, da dann ich etwas will.

 

Wie wichtig halten Sie Praxisbezug für Studenten, z.B. in Form von Praktika, außeruniversitäres Engagement, Projekte etc., während des Studiums?

Ein Teil der Studenten übertreibt. Ich verstehe, dass viele Studenten zur Finanzierung der Studiengebühren und des Lebensunterhalts arbeiten müssen. Ob dies nun Praktikum heißt oder anders, spielt dabei keine Rolle. Das Lebensalter zwischen 18-25 ist die Zeit, in der man vieles aufnehmen kann. Studenten sollten den Schwerpunkt auf ihr Studium setzen. Nicht die Zahl der Praktika, sondern nebenbei irgendetwas Besonderes geleistet zu haben, was auch immer das ist, macht Bewerber für Unternehmen interessant.

 

Wie sieht Ihr idealer Student aus und wie würden Sie in diesem Kontext „Erfolg“ definieren?

Ein aus meiner Sicht idealer Student vertieft sich im Studium in einem von ihm gewählten Bereich und versucht, in diesem Bereich möglichst viel in die spätere berufliche Praxis und das Leben allgemein mitzunehmen. Er/sie lernt nicht „Stoff“ oder Powerpoint-Folien auswendig, um dies nach der Prüfung zu vergessen, sondern er/sie arbeitet sich systematisch in „sein Gebiet“ ein. Er/sie entwickelt an etwas Inhaltlichem Interesse. Erfolg im Studium hatte man, wenn man selbst nach zwanzig, dreißig Jahren noch davon, was man sich zu „seinem Gebiet“ erarbeitet hatte, profitiert.

 

Was sind Ihre eigenen Werte und wie setzen Sie diese im Alltag um?

Persönliche Werte klingen hier in Bezug auf den Beruf seltsam. In der Lehre einen permanenten Wandel vorzunehmen und in der akademischen Forschung mit dabei zu sein, ist schon o.k.

 

In Zeiten der Wirtschaftskrise stehen Unternehmensführer und Manager stark in der Kritik. Woran denken Sie bei den Worten „kurzfristiger Erfolg“ versus „Nachhaltigkeit“?

Das ergibt für mich kein brauchbares Unterscheidungsmerkmal. Es gibt Tätigkeiten, deren Erfolg sich kurzfristig einstellen sollte, und es gibt Tätigkeiten, deren Erfolg sich langfristig ergeben wird. Ein Problem entsteht, wenn mit letzteren ein kurzfristiger Erfolg erwartet wird. Ich weiß, diese Antwort ist abstrakt. Aber dafür studiert man ja.

 

Haben Sie ein persönliches Vorbild, falls ja, wer und warum?

Nein.

 

Mit welcher Person würden Sie gerne für einen Tag tauschen und warum?

Würde ich nicht. Aber gewisse Erlebnisse sind sicherlich einmalig (wie „erster Mensch auf dem Mond“). Das wäre schon interessant.

 

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Nicht wichtiger zu scheinen, als ich bin.

 

 

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Kurzprofil:

Vita:

zurzeit 50, Studium, Promotion und Habilitation im Bereich Betriebswirtschaftslehre. Zunehmende Spezialisierung auf Marketing-Themen. Tätigkeit als Professor an bisher vier Universitäten.

 

Profil in der Lehre:

Konzentration auf exemplarisch ausgewählte Themen, Verknüpfung von Theorie und empirischem Arbeiten, permanent große Offenheit für neue Bereiche, Vermittlung der Überzeugung, dass nicht das Generieren von Ideen, sondern das Realisieren guter Ideen Erfolg bedeutet.

 

Profil in der Forschung: wie in der Lehre.

 

 

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