Panorama

Prof. Ulrich Walter, Diplom-Physiker und D2-Astronaut, im Interview

Welche Bedeutung haben die Bereiche MINT (Mathematik, Naturwissenschaften und Technik) aus Ihrem Erfahrungsbereich in unserer Gesellschaft?

 

Die Wertschätzung für Naturwissenschaften und Technik ist in unserer Gesellschaft äußerst gering. Das hat tiefe und lange Wurzeln in unserer Geschichte, das hat aber auch mit unserer Religion zu tun. Unsere Lehre, unsere Schulen sind humanistisch geprägt. Die Raumfahrt z.B. genießt nicht das gleiche Ansehen wie die Werke von Schiller oder Goethe. Meine amerikanischen Kollegen nennen dieses Phänomen „two cultures“. Junge Menschen kommen heute in der Regel erst nach dem Abitur mit Naturwissenschaften und Technik in Berührung. Unter dem Druck von „G9“ auf „G8“ zu kommen, wird auch überlegt, ob nicht Physik und Chemie weiter gekürzt wird, da hier sowieso Lehrer fehlen, gute Lehrer erst recht und so bewegt man sich in einem Teufelskreis. Junge Menschen lernen rein humanistisches Denken. Kaum ein junger Mensch kann die Frage beantworten, warum bei gleicher Raum-emperatur sich Holz warm anfühlt, Metall aber kalt.

Man spricht davon, „einen Blick zu werfen“, dabei  ist es physisch gerade umgekehrt. D.h. von klein auf lernen wir entgegen den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu denken und zu handeln. Deswegen kann man mit MINT-Erziehung gar nicht früh genug beginnen. Unsere Gesellschaft muss umdenken. Das wird noch Jahrzehnte dauern, allerdings muss man anfangen, alle Kräfte in dieser Richtung zu bündeln. Deshalb halte ich die Initiative „MINT Zukunft schaffen“ für einen richtigen und wichtigen Baustein.

 

Bedeutet Umdenken auch, dass wir mehr MINT-Philosophie brauchen?

 

Mit dieser Frage haben Sie mein Steckenpferd angesprochen. Kaum ein Philosoph beschäftigt sich wirklich mit naturwissenschaftlichem Denken, weder Plato noch Aristoteles. Tradition in der Philosophie ist es, sich mit dem reinen Denken zu befassen. Erst Galileo und Karl Popper haben die naturwissenschaftliche Denkweise und Methodik definiert. Naturwissenschaftliche Theorien müssen durch Experimente untermauert werden, genauer nach Popper falsifiziert werden. Das Newtonsche Gesetz gilt heute noch genauso, Einstein hat das Wissen um dieses Gesetz durch seine Gravitationstheorie erweitert.
Wenn ein Philosoph über Technik Aussagen machen will, muss er diese naturwissenschaftliche Denkweise durchdringen. In der Philosophie wird häufig vom freien Willen gesprochen: Ich kenne keinen Philosophen, der sich in diesem Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Neurologie auseinandersetzt. Philosophie als Weltanschauung sozusagen, was im übrigen auch für andere sog. Wissenschaften gilt, die sich nicht den strengen Regeln der naturwissenschaftlichen Denkweise unterordnen.

Wir müssen unseren jüngeren Menschen begreiflich machen, dass sie sich nicht nur in einer von Naturwissenschaften dominierten Welt befinden, und zwar in jeder Sekunde Ihres Lebens, sondern wir müssen Ihnen das naturwissenschaftliche Denken vermitteln.
Leider sind wir – nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den „yellow press“ – daran ge-wöhnt angeblich wissenschaftliche Aussagen als „hypes“ zu erfahren:

Heute ist Butter als Ernährungsmittel gut, weil …und morgen schlecht, weil …

Heute leider wir unter BSE, morgen ist es in Vergessenheit geraten.

 

Wie schafft man es, mehr junge Menschen für mathematisch – naturwissenschaftlich – technische Berufe zu begeistern?

 

Zuallererst ist es wichtig, bei  jungen Menschen Ihre Talente zu spüren, zu entdecken und zu fördern. Der Markt selbst, Angebot und Nachfrage regelt auch die Berufswahl.

Was mir unglaublich viel Freude in meinem Leben gebracht hat, war junge Menschen durch Förderung ihrer naturwissenschaftlichen Talente für diese Bereiche, für die Denkweise, die einem so viel mehr am Erleben der Umwelt eröffnet, zu begeistern.

Mentor junger Menschen zu sein und Ihnen diese Welt der Naturwissenschaften nahe zu bringen.

 

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Prof. Dr. rer. nat. Ulrich Walter

Diplom Physiker, D-2 Astronaut

Herr  Dr. Ulrich Walter, Jahrgang 1954, ist Ordinarius für Raumfahrttechnik an der Technischen Elite-Universität München. Nach  dem Studium der Physik an der Universität Köln verbrachte er ein Jahr am US Forschungslabor Argonne National Laboratories, Chicago, danach ein Jahr als Postdoc an der University of California, Berkely. Von dort wurde er im Jahr 1987 ins Deutsche Astronauten-team berufen und trainierte bis zu seiner Shuttle Mission D-2, 26. April bis 06. Mai 1993, am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, in Köln-Porz und am Raumfahrtzentrum der NASA in Houston.Seit März 2003 leitet er den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München und lehrt und forscht im Bereich Raumfahrttechnologie und Systemtechnik. Seine Schwerpunkte sind Satelliten-Kommunikations-Technologien und Rechnerarchitekturen, insbesondere für Robotik im Weltraum und Systemmodellierung und –optimierung. Herr Walter ist Präsident des Hermann-Oberth-Museums in Feucht, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats und des Kuratoriums des Deutschen Museums, München und Vorsitzender des BMW Scientific Awards. Er ist Autor mehrerer Bücher und in internationalen Zeit-schriften veröffentlicht, publiziert Raumfahrtartikel und moderierte von 1998 bis 2003 die Wissenschaftssendung MaxQ beim Bayerischen Fernsehen. Herr Walter ist Träger des Verdienstkreuzes erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland und der Wernher-von-Braun-Medaille. Jedes Jahr besucht Prof. Walter Gymnasien im Landkreis München und Umgebung um junge Menschen durch seine eigenen Erlebnisse zu mehr MINT zu ermutigen.

 

Welche Bedeutung haben die Bereiche MINT (Mathematik, Naturwissenschaften und Technik) aus Ihrem Erfahrungsbereich in unserer Gesellschaft?

 

Die Wertschätzung für Naturwissenschaften und Technik ist in unserer Gesellschaft äußerst gering. Das hat tiefe und lange Wurzeln in unserer Geschichte, das hat aber auch mit unserer Religion zu tun. Unsere Lehre, unsere Schulen sind humanistisch geprägt. Die Raumfahrt z.B. genießt nicht das gleiche Ansehen wie die Werke von Schiller oder Goethe. Meine amerikanischen Kollegen nennen dieses Phänomen „two cultures“. Junge Menschen kommen heute in der Regel erst nach dem Abitur mit Naturwissenschaften und Technik in Berührung. Unter dem Druck von „G9“ auf „G8“ zu kommen, wird auch überlegt, ob nicht Physik und Chemie weiter gekürzt wird, da hier sowieso Lehrer fehlen, gute Lehrer erst recht und so bewegt man sich in einem Teufelskreis. Junge Menschen lernen rein humanistisches Denken. Kaum ein junger Mensch kann die Frage beantworten, warum bei gleicher Raum-emperatur sich Holz warm anfühlt, Metall aber kalt.

Man spricht davon, „einen Blick zu werfen“, dabei  ist es physisch gerade umgekehrt. D.h. von klein auf lernen wir entgegen den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu denken und zu handeln. Deswegen kann man mit MINT-Erziehung gar nicht früh genug beginnen. Unsere Gesellschaft muss umdenken. Das wird noch Jahrzehnte dauern, allerdings muss man anfangen, alle Kräfte in dieser Richtung zu bündeln. Deshalb halte ich die Initiative „MINT Zukunft schaffen“ für einen richtigen und wichtigen Baustein.

 

Bedeutet Umdenken auch, dass wir mehr MINT-Philosophie brauchen?

 

Mit dieser Frage haben Sie mein Steckenpferd angesprochen. Kaum ein Philosoph beschäftigt sich wirklich mit naturwissenschaftlichem Denken, weder Plato noch Aristoteles. Tradition in der Philosophie ist es, sich mit dem reinen Denken zu befassen. Erst Galileo und Karl Popper haben die naturwissenschaftliche Denkweise und Methodik definiert. Naturwissenschaftliche Theorien müssen durch Experimente untermauert werden, genauer nach Popper falsifiziert werden. Das Newtonsche Gesetz gilt heute noch genauso, Einstein hat das Wissen um dieses Gesetz durch seine Gravitationstheorie erweitert.
Wenn ein Philosoph über Technik Aussagen machen will, muss er diese naturwissenschaftliche Denkweise durchdringen. In der Philosophie wird häufig vom freien Willen gesprochen: Ich kenne keinen Philosophen, der sich in diesem Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Neurologie auseinandersetzt. Philosophie als Weltanschauung sozusagen, was im übrigen auch für andere sog. Wissenschaften gilt, die sich nicht den strengen Regeln der naturwissenschaftlichen Denkweise unterordnen.

Wir müssen unseren jüngeren Menschen begreiflich machen, dass sie sich nicht nur in einer von Naturwissenschaften dominierten Welt befinden, und zwar in jeder Sekunde Ihres Lebens, sondern wir müssen Ihnen das naturwissenschaftliche Denken vermitteln.
Leider sind wir – nicht zuletzt durch die Berichterstattung in den „yellow press“ – daran ge-wöhnt angeblich wissenschaftliche Aussagen als „hypes“ zu erfahren:

Heute ist Butter als Ernährungsmittel gut, weil …und morgen schlecht, weil …

Heute leider wir unter BSE, morgen ist es in Vergessenheit geraten.

 

Wie schafft man es, mehr junge Menschen für mathematisch – naturwissenschaftlich – technische Berufe zu begeistern?

 

Zuallererst ist es wichtig, bei  jungen Menschen Ihre Talente zu spüren, zu entdecken und zu fördern. Der Markt selbst, Angebot und Nachfrage regelt auch die Berufswahl.

Was mir unglaublich viel Freude in meinem Leben gebracht hat, war junge Menschen durch Förderung ihrer naturwissenschaftlichen Talente für diese Bereiche, für die Denkweise, die einem so viel mehr am Erleben der Umwelt eröffnet, zu begeistern.

Mentor junger Menschen zu sein und Ihnen diese Welt der Naturwissenschaften nahe zu bringen.

 

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Prof. Dr. rer. nat. Ulrich Walter

Diplom Physiker, D-2 Astronaut

Herr  Dr. Ulrich Walter, Jahrgang 1954, ist Ordinarius für Raumfahrttechnik an der Technischen Elite-Universität München. Nach  dem Studium der Physik an der Universität Köln verbrachte er ein Jahr am US Forschungslabor Argonne National Laboratories, Chicago, danach ein Jahr als Postdoc an der University of California, Berkely. Von dort wurde er im Jahr 1987 ins Deutsche Astronauten-team berufen und trainierte bis zu seiner Shuttle Mission D-2, 26. April bis 06. Mai 1993, am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, in Köln-Porz und am Raumfahrtzentrum der NASA in Houston.Seit März 2003 leitet er den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München und lehrt und forscht im Bereich Raumfahrttechnologie und Systemtechnik. Seine Schwerpunkte sind Satelliten-Kommunikations-Technologien und Rechnerarchitekturen, insbesondere für Robotik im Weltraum und Systemmodellierung und –optimierung. Herr Walter ist Präsident des Hermann-Oberth-Museums in Feucht, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats und des Kuratoriums des Deutschen Museums, München und Vorsitzender des BMW Scientific Awards. Er ist Autor mehrerer Bücher und in internationalen Zeit-schriften veröffentlicht, publiziert Raumfahrtartikel und moderierte von 1998 bis 2003 die Wissenschaftssendung MaxQ beim Bayerischen Fernsehen. Herr Walter ist Träger des Verdienstkreuzes erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland und der Wernher-von-Braun-Medaille. Jedes Jahr besucht Prof. Walter Gymnasien im Landkreis München und Umgebung um junge Menschen durch seine eigenen Erlebnisse zu mehr MINT zu ermutigen.

 

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