Kolumnen

Psychischer Luxus – Wenn die Seele shoppen geht

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

 

  Heute:    Psychischer Luxus
                 Wenn die Seele shoppen geht…

 

Zeit, Raum und Ruhe sind der wahre Luxus geworden in einer Welt, die fortwährend zeit-, raum- und ruhefressende Dinge produziert. Auch dieser neue Luxus erfüllt vieles von dem, was den Luxus lexikalisch definiert: Er ist teuer und nicht direkt lebensnotwendig. Und sein Genuss ist durchaus auch jenes bisschen ausschweifend, das ihn Puritanern und Ökonomen verdächtig macht.
                                                (Lilli Binzegger, Zum Thema — Der wahre Luxus, NZZ Folio 12/94 – Thema: Luxus)

Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung.
                                                (Laurence Sterne)

 

Was ist eigentlich Luxus für Sie, möchte ich Sie heute gerne einmal an dieser Stelle fragen? Der Schuhhimmel in der Rue Pont Neuf in Paris?

Oder anders gefragt: Ist wahrer Luxus in der heutigen Zeit überhaupt käuflich, wenn Luxus heute weit mehr der psychische Luxus ist, eine entspannte Seele, die uns und unserem Körper Kraft verleiht? Und wenn, wie bitteschön ist er zu verstehen, dieser psychische Luxus?

Im altgriechischen stand das Wort Psyche (ψυχή, psychḗ) für Atem, Atmen, allgemein gesprochen für eine Form der Lebendigkeit, der Lebhaftigkeit, für unser Innen- und Seelenleben. Unsere Seele, unser Gemüt benötigt so gesehen das entspannte Atmen, den Atem an sich und das freie Luftholen von Natur aus zum Überleben. Einatmen, ausatmen, aufatmen. Eintauchen in Augenblicke der inneren Ruhe, der Freude und Entspannung… Was aber, wenn die ganze vermaledeite Suche nach Entspannung und Erholung selbst zu Hektik und permanenter Anspannung ausartet?

Eine sogenannte Zivilisatose jagt in unserer Lebenswelt die nächste. Neu ist das Phänomen der Lifestyle-Krankheiten jedoch nicht. Schon im 19. Jahrhundert gab man der Hektik des Industriezeitalters die Schuld für ein erschöpftes Nervensystem. Immer mehr Menschen litten unter sogenannten Neurasthenien als Folge eines überfordernden Lebenswandels.

Erschwerend kommt in unseren Tagen das kollektive und permanente, ökonomisierte Entspannungs- und Wellnessdiktat hinzu, das sich selbst als Farce entlarvt.

 

 Psychischer Luxus besteht dahingehend meines Erachtens darin, sich selbst freizumachen von den Zwängen des Lifestylediktats und sich konsequent dem vermeintlich Überflüssigem zu widmen: Sich selbst und seiner Person im Nichtstun. Egal was andere und die Welt auch gerade davon halten. Denn das vermeintlich Überflüssige ist tatsächlich das zutiefst Notwendige, weil es der Wunsch der Freiheit ist, wie es der deutsche Schriftsteller Ernst Wilhelm Eschmann einmal auf den Punkt brachte.

Was will ich wirklich? Was macht mich aus? Nur mich, frei von Zwängen und Ansprüchen anderer? Fragen über Fragen. Die Seele baumeln zu lassen, ein- und ausatmen zu lassen, also sozusagen shoppen gehen zu lassen. Einfach so. Das ist psychischer und wahrer Luxus. Ohne schlechtes Gewissen der Nicht-Dauererreichbarkeit, der permanenten Nachrichten und Facebookverfolgung. Wieder einmal Herr im eigenen Haus zu sein. Raum, Zeit und Ruhe zu spüren, das ist wahrhaft psychischer Luxus. Ein mit sich selbst Alleinsein können und es auch auszuhalten, ist daher kein Egoismus, sondern von Zeit zu Zeit schlicht ein Gebot der Stunde, um sich selbst nicht zu verlieren. Oder wie François de la Rochefoucauld es vor langer Zeit auf den Punkt brachte: Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie anderswo zu suchen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Raum, Zeit und Ruhe für und mit uns selbst. Vielleicht hilft Ihnen hierbei auch die eine oder andere Zeile aus meinem Buchprojekt "Das Stundenbuch – Zeiten der Einkehr", das im Moment täglich in Auszügen auf AGITANO vorveröffentlicht wird. 

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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