Einsichten & Ansichten

Quergedacht & quergewortet: Danke Uli!

… aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET  – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nach „Wider die Gutmenschen“ folgt heute: „Stress und Freiheit, eine stille Danksagung an Uli Hoeneß“.

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Ein Spekulant tut weniger für die Volkswirtschaft als eine Krankenschwester im Krankenhaus“ Uli Hoeneß im Interview mit dem Handelsblatt, 2011

Freedom’s just another word for nothing left to lose“, Me and Bobby McGee, Kris Kristofferson und Fred Luther Forster, 1969

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Vielleicht ist die heutige Kolumne am Ende doch nur einer müßiggängerischen Verwunderungsübung an einem wunderschönen, sonnigen Freitagmorgen des lieblichen Monats März geschuldet.

Sei es drum! Also noch mal vorne …

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Wie entstehen kollektive Identitäten? Wie entsteht Gemeinsamkeit? Wie entstehen Gesellschaften und insbesondere das daraus resultierende gesellschaftliche Grundverständnis? Fragen über Fragen oder wie Sie es wahrscheinlich auch kennen, das dem Plätschern des Wassers unter der Dusche geschuldete, sorglose Gedankenspiel der noch sanften und nicht überwundenen Schläfrigkeit.

Gemeinschaft braucht Skandale, kollektive Erregungszustände oder wie Sloterdijk es einmal ausdrückte: Gesellschaften können einzig und allein am Ende des Tages nur als stress-integrierte Kraftfelder begriffen werden, als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme. Deren Überleben davon abhängig ist, inwieweit es ihnen gelingt, durch den Wechsel der Tages- und Jahresthemen hindurch ihren spezifischen Unruhe-Tonus zuhalten.

Oder einfacher ausgedrückt, inwieweit es ihnen gelingt immer wieder aufs Neue, eine immer wieder neue Sau durchs Dorf zu treiben.

Helfershelfer sind hierbei selbstverständlicherweise die Medien, deren Aufgabe hauptsächlich darin besteht uns immer wieder aufs Neue zu provozieren und zu evozieren. Fast im Minutentakt unterbreiten sie daher sieben Tage die Woche in einem fort immer wieder neue Empörungsvorschläge, Beneidungsvorschläge und Überhebungsvorschläge, die sich an den Neid, aber insbesondere auch an die Sentimentalität, die Angstbereitschaft und die Indiskretion des Bürgers richten.


Skandale werden immer mit dem moralisch spitzen Zeigefinger geführt. Sie sind glücklicher Anlass weg zu zeigen, am besten ganz weit weg auf den Anderen.

Skandale sind aber immer auch gesellschaftliche Reinigungsrituale, gesellschaftliche Opferungsrituale, die immer und immer wieder nach dem selben Muster ablaufen. Soziologisch betrachtet können sie dahingehend als ein Prozess oder besser ausgedrückt als ein großes gesellschaftliches Schauspiel in vier Akten begriffen werden:

1. Akt oder die Ouvertüre: Eine moralische Verfehlung muss her…

2. Akt oder der große Auftritt des investigativen Journalismus: Die öffentliche Enthüllung und Inszenierung…

3. Akt: Die große kollektive Empörung und das massenhafte Köpfeschütteln und Zeigefinger ausstrecken. Gemeinsam und geschlossen von Nordsee bis an den Bodensee …

4. Akt: Die offizielle Genugtuung oder das gesellschaftliche, entspannte Ausatmen und Schulterklopfen angesichts der eigenen aber auch der Sauberkeit der anderen Gesellschafter …

Jede Zeit und jede Generation hat ihre ganz eigenen Skandale oder Skandälchen, denn nicht alles und jeder taugt auch zum echten Skandal.

Jetzt also der Uli aus dem sonnigen München

Ich für meine Person bin mir nicht sicher. Doch betrachten Sie es selbst mal mit Hilfe des oben beschriebenen soziologischen Brennglases. Ich will und kann es an dieser Stelle auch nicht entscheiden, da es mir auf deutsch gesagt einfach nur am Allerwertesten ordentlich vorbeigeht.


Ich bin am Ende dann doch nur ein armer Schreiberling, der seit seiner Geburt den Adler auf der Brust trägt und es wahrscheinlich nie erleben wird, dass sein Verein deutscher Meister wird. Macht auch nichts …

Eins hat mir der Uli also dann doch gezeigt: Das Freiheit nur in einer Ekstase des Bei-sich-Seins, der grandiosen Selbstentdeckung in dem Moment der Erfahrung des Gefühls der reinen Existenz und der Loslösung entsteht. Freiheit ist in seiner reinsten Form, dass was Janis Joplin in dem oben angeführten Song beschrieb: Einfach nur ein schlichtes Wort dafür, nichts mehr verlieren zu können.

Frei ist am Ende also nur der, dem die Eroberung der Sorglosigkeit gelingt. Hierzu muss man die Welt der kollektiven Sorgenthemen zurücklassen und sich selbst, aber auch als einen Teil von dieser. Danke nochmals für dieses Gefühl Uli. Denn Freiheit erfährt wirklich, wie Sloterdijk es auf den Punkt brachte, nur der, der in seinem Innersten eine sublime Arbeitslosigkeit entdeckt – ohne sich gleich bei einer Vermittlungsagentur zu melden. Frei darf sich somit nur der nennen, dem die Zuwendung zu sich selbst in der Weise gelingt, dass die Quelle des Gefühls der Existenz in ihm zu strömen beginnt …

Ich für meine Person lass es jetzt strömen, in mir und mit einem leckeren Apfelwein in der Sonne.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute noch sonnige und entspannte Stunden.

Ihr
Ulrich B Wagner

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Über Ulrich B Wagner:

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Christoph Schroeder

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