Finanzen

Riesen Potenzial bei Working Capital: Mehr Barmittel weniger teure Fremdfinanzierung

PwC-Studie: In deutschen Unternehmen schlummern Milliarden an Cash-Reserven / Weltweit könnten Unternehmen 3,7 Billionen Euro an Kapital freisetzen / Deutsche Unternehmen haben im weltweiten Vergleich zu hohe Working-Capital-Quoten / EU-Payment-Direktive weitet Zahlungsfristen aus.

Deutsche Unternehmen binden im weltweiten Vergleich zu viel Kapital im Umlaufvermögen. Das Working Capital, also die Differenz von Umlaufvermögen und kurzfristigen Verbindlichkeiten, ist häufig viel zu hoch. Würden Unternehmen diese Mittel freisetzen, könnten sie Liquidität und Profitabilität deutlich verbessern. Das geht aus der Studie „Global Working Capital Annual Review 2013“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hervor. Dafür nahmen die PwC-Experten die Bilanzen von 15.763 Aktiengesellschaften unter die Lupe, davon 538 in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Potenzial bei deutschen Unternehmen 180 Mrd. Euro

Das Potenzial für die Reduzierung von Working Capital in deutschen Unternehmen ist enorm. Während zum Beispiel 25 Prozent der Unternehmen aus der Technologieindustrie nur mit einer Working-Capital-Quote von sechs Prozent auskommen, liegt sie einem weiteren Viertel der Unternehmen bei 42 Prozent. Auch in der produzierenden Industrie ist das Gefälle immens: Ein Viertel der Unternehmen braucht eine Working-Capital-Quote von nur elf Prozent, dagegen benötigen 25 Prozent der Unternehmen eine Quote von 39,9 Prozent. Das ungenutzte Potenzial an Cash-Reserven liegt bei den in den Studien untersuchten börsennotierten Unternehmen im Schnitt hierzulande bei 600 Millionen Euro pro Unternehmen, in der produzierenden Industrie sind es sogar 900 Millionen Euro. Insgesamt könnten die in der Studie untersuchten deutschen Unternehmen Kapital in Höhe von 180 Milliarden Euro aus dem Umlaufvermögen freisetzen, wenn sie sich an den Vorreitern ihrer Branche orientieren würden. Weltweit liegt das Gesamtpotenzial bei gigantischen 3,7 Billionen Euro.

„Viele deutsche Unternehmen nutzen ihre Liquiditätsreserven nicht ausreichend. Würden sie ihre Lagerhaltung verringern oder Forderungen schneller eintreiben, könnten sie ihr Working Capital deutlich reduzieren. In der Konsequenz stünden den Unternehmen dann mehr Barmittel zur Verfügung und sie könnten auf teure Fremdfinanzierung verzichten“, skizziert PwC-Partner und Finanzierungsexperte Joachim Englert die Situation.

Weniger Working Capital erhöht die Finanzkraft und die Unabhängigkeit

Deutsche Unternehmen haben mit einem Working Capital von 20 Prozent im Verhältnis zum Umsatz relativ viel Kapital in ihrem Umlaufvermögen gebunden. Im Vergleich dazu: In Großbritannien liegt die Working-Capital-Quote dagegen nur bei 14 Prozent. Auch russische Unternehmen kommen mit weniger Working Capital aus. „Bei deutschen Unternehmen sollte das Working Capital auf der Agenda ganz oben stehen“, rät Englert. Schließlich wird der Spielraum für Banken zur Kreditvergabe mit den strengen Regeln von Basel III weiter sinken. „Deutsche Unternehmen sollten ihr Working Capital gerade in guten Zeiten reduzieren, um die Finanzkraft des Unternehmens zu erhöhen und die Rentabilität zu steigern.“

Auch aus einem anderen Grund besteht Handlungsbedarf. Die EU-Payment Term Directive legt eine Zahlungsfrist von 60 Tagen fest – in Deutschland beträgt sie bislang 30 Tage. Das Ziel ist, die Zahlungsfristen in Europa zu vereinheitlichen. Während in Frankreich oder Italien Rechnungen erst nach 80 bis 100 Tagen beglichen werden, betrug laut der PwC-Studie die Zahlungsfrist in Deutschland 24,2 Tage. Der Gesetzgeber in Deutschland hat die Direktive bislang nicht umgesetzt. „Wenn Unternehmen in Zukunft länger auf das Geld warten müssen, belastet das ihre Liquidität und bindet mehr Kapital im Unternehmen“, so Englert.

Factoring und Reduzierung der Lagerhaltungskosten

Ein Grund mehr für Unternehmen jetzt nach Wegen zu suchen, ihr Working Capital weiter zu reduzieren. Dazu stehen geeignete Instrumente zur Verfügung. Wie zum Beispiel Factoring: Dabei kaufen spezialisierte Factoring-Gesellschaften gegen eine Gebühr Rechnungen von Unternehmen auf und stellen die Liquidität sofort zur Verfügung – das gebundene Kapital im Unternehmen und auch das Working Capital sinken.

Laut der PwC-Untersuchung ist weltweit das Working Capital 2012 im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, die für Unternehmen nicht positiv ist. Allerdings variieren die Ergebnisse stark: Während dieser Trend in Nordamerika und Asien stärker ausgeprägt ist, registrierten die PwC-Experten in Europa einen Rückgang der Working-Capital-Quote. Die Erklärung: „Wir sehen einen starken Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Working Capital. In Ländern mit steigendem Wachstum beobachten wir einen Anstieg des Working Capital, bei stagnierendem und sinkendem Wachstum eine Reduzierung. Damit nutzen Unternehmen ihre Chancen nicht. Denn gerade in guten Zeiten sollten sie nach Wegen suchen, ihr Working Capital zu reduzieren“, betont PwC-Working-Capital Experte Hanns Dobringer.

Nach den Ergebnissen der PwC-Studie ist das Working Capital weltweit am höchsten in der Pharmaindustrie, gefolgt von der verarbeiteten Industrie. Beide Branchen zeichnen sich durch eine lange und kostspielige Lagerhaltung aus. Auf der anderen Seite weisen Einzelhändler, Telekom- und Gesellschaften den niedrigsten Working-Capital-Grad auf.

(PricewaterhouseCoopers / PwC)

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Marc Brümmer

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