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„Scheitern Sie sich hoch“ – Interview mit Simone Gerwers

„Scheitern als Chance“ – in unserer Gesellschaft gilt eher: „Scheitern als Makel“. Die Managementberaterin Simone Gerwers sieht hier ein großes Manko. Denn auf dem Weg zum Erfolg ist Scheitern oft ein Schritt, aus dem man lernen kann. Ihr Motto ist deshalb „Scheitern Sie sich hoch!“ Auf dem Feminess Kongress 2015, der am 7. März 2015 stattfindet, wirbt sie für eine neue Kultur des Scheiterns. Oliver Foitzik, AGITANO-Herausgeber, hat mit ihr ein Gespräch über das Scheitern geführt.

 

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© Simone Gerwers

Persönlicher Kurzsteckbrief von Simone Gerwers

Jahrgang: 1963

Position: Executive Führungskräftecoach & Managementberaterin, Speakerin und Inhaberin des Beratungsunternehmens Coaching4Change

Unternehmen: Coaching4Change – Executive Coaching & Managementberatung

Vorlieben und Interessen: meine Parson Jack Russelterrier Pepe und Lilly, die Ostsee, Lesen, Laufen, italienisches Essen und Wein, Klavier (lernen)

 

Interview mit Simone Gerwers über Scheitern und Erfolg

Hallo Frau Gerwers, Sie sind Coach, Consultant und Trainerin für Führungskräfte, speziell mit den Themen Führung und Management im Change. Was interessiert Sie daran so?

Unsere Arbeitswelt wandelt sich so rasant wie nie zuvor. Wir erleben hochkomplexe Veränderungen. In Unternehmen bedeutet vor dem Change gleich nach dem Change. Keiner kann sich Veränderungen entziehen, doch wir Menschen haben damit in der Regel Schwierigkeiten. Von Natur aus sind wir nämlich eher sicherheitsorientiert. Veränderung wird mit Unsicherheit assoziiert und löst Angst aus. Wenn es jedoch keine Sicherheit im Außen gibt, wenn Change Gesetz ist, dann sind Unternehmen und jeder einzelne gefordert, sich damit zu arrangieren und sich der Angst vorm Scheitern zu stellen. Die Alternative ist, wie ein Blatt im Wind zu wehen und auf Veränderungen lediglich zu reagieren. Wir handeln klug, wenn wir lernen, den Wandel bewusst zu gestalten. Führungskräfte und Management müssen deshalb selbst zum „Changemanager“ werden, um in diesen unsicheren Zeiten ihre Unternehmen zum Erfolg zu führen. Dabei haben sie die Aufgabe das Unwägbare mutig zu managen. Das schließt auch den Umgang mit dem Scheitern, mit Misserfolgen und Fehlern ein. Als Sparringspartner und Expertin für Führung im Change unterstütze ich Führungskräfte und Management dabei, sich dieser Verantwortung zu stellen und Gestaltungskraft zu entwickeln.

Ihr Vortragstitel beim Feminess-Kongress 2015 lautet „Scheitern Sie sich hoch“. Was meinen Sie damit?

Wir haben ein einseitiges Bild von Erfolg. Meist geht es mit starren Zielvorgaben und einem „Wir müssen nur wollen einher“. Erfolg geht anders. Ich möchte gern einen Blickrichtungswechsel zu einer anderen Scheiter-Kultur anregen: Scheitern gehört zum Leben, wie Erfolg auch. Wenn wir permanent nur ergebnisfixiert denken, dann führt dies dazu, das wir Misserfolge, Fehler, Scheitern unbedingt vermeiden wollen. Doch was passiert unterwegs, auf dem Weg zum Ziel, auf dem Weg zum Erfolg? Unser Tun, all die Anstrengungen und Versuche werden nicht honoriert. Aber: Wer Angst vorm Scheitern hat, der hat auch Angst vor Erfolg. Letztlich ist es der Mutige, der ein Wagnis für etwas Neues eingeht und mit Entdeckerfreude ein Scheitern in Kauf nimmt. Wer es sich in der Sicherheitszone bequem macht und deshalb nicht scheitert, ist garantiert auch nicht erfolgreich. Doch mit einem veränderten Fokus auf das Scheitern haben wir die Möglichkeit zu lernen, Versuch und Irrtum für unseren Erfolg zu nutzen. Außerdem bietet sich uns, so betrachtet, auch eine ganz neue Erfahrung, die wir auf ausgetretenen Pfaden nie gefunden hätten. Insofern, „Gescheiter(t) bin ich schon – nur Mut.“ Scheitern Sie sich hoch.

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Simone Gerwers plädiert für Mut zur Veränderung im Management. (Bild: © Simone Gerwers)

Warum ist Scheitern heute noch ein Tabuthema?

Ehrlich, weil Erfolg als „geil“ gilt, wenn ich es so sagen darf und wir uns gesellschaftlich zwischen Selbstverwirklichung und Selbstvermarktung bewegen. Scheitern wird dagegen gestellt und ist eher so etwas wie die Pest. Das Tabu des Scheiterns hat viel mit unserer dualistischen Sichtweise, einem Denken in richtig und falsch zu tun. Wir sind eine Gesellschaft der Erfolgreichen und tun dabei tatsächlich so, als ob nur der Erfolg ein zufriedenes Leben ausmacht. Scheitern gilt es zu vermeiden. Wer gescheitert ist wird bedauert, aber auch belächelt, abgewertet, schlimmstenfalls sogar ausgegrenzt. Dass Scheitern menschlich ist und Fehler und Irrungen zu jedem Leben gehören, wird dabei negiert. Nichts ist unmöglich, alles ist erreichbar, für jeden und immer!? So gesehen wächst der Druck vor dem Versagen und mit ihm die Zahl von Menschen mit Stress- und Angsterkrankungen, Burnout und Depressionen. Wir vergessen: Erfolg und Scheitern sind lediglich Momentaufnahmen. Dazwischen liegt die Wirklichkeit, das gelebte Leben. Scheitern passiert.

Ist Scheitern nicht die beste Basis für späteren Erfolg?

Erfolg bedingt zunächst kein Scheitern und sollte keinesfalls Ziel unseres Handelns sein. Ich plädiere auch nicht dafür ein Scheitern zu feiern. Dass wir aus Fehlern und Erfahrungen lernen können, wenn wir nur wollen, ist nicht neu. Doch Scheitern vermag noch mehr. Wenn es uns passiert, hilft es uns zu wachsen und gibt uns innere Stärke für unser zukünftiges Handeln. Langfristig gesehen sind es resiliente Menschen, die als erfolgreich gelten. Wenn wir uns auf einen motivierenden Horizont ausrichten, mit Experimentierfreude unseren Zielen annähern und immer „einmal mehr aufstehen als hinfallen“, dann kann uns Scheitern letztlich zum Erfolg führen.

Wie gehe ich gestärkt aus einem Misserfolg heraus?

In dem ich in einer achtsamen Sichtweise genau hinschaue und mich zunächst in Akzeptanz übe. Es ist wie es ist, die Vergangenheit können wir nicht ändern, doch die Zukunft gestalten. Grübelfallen, Selbstmitleid und Schuldgedanken helfen uns dabei nicht weiter. Unsere Energie folgt immer unserem Fokus. Deshalb macht es Sinn, sich nach erfolgter Trauerarbeit neu auszurichten.

Was geben Sie Ihren Klienten mit auf den Weg, die gescheitert sind?

Scheitern ist eine Haltung, es ist die Haltung der Erfolgreichen. Nach der Arbeit an der Akzeptanz und einer achtsamen Sichtweise ermutige ich meine Klienten, wieder aufzustehen und weiter zu gehen.
Dazu gehört in jedem Fall den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit zu stärken: In Chancen zu denken kann man lernen. So etwas funktioniert nicht so einfach mit Ratschlägen von außen, sondern man muss mutig und ehrlich in den Spiegel schauen und bereit sein, an der eigenen Selbstführungskompetenz zu arbeiten. Einen Tipp gibt es trotzdem: Nämlich Hilfe anzunehmen und sich zu trauen, um Hilfe zu bitten. Deshalb ist es schön, wenn man auch in guten Zeiten sein Netzwerk pflegt. In meiner „Lizenz zum Scheitern“ gibt es übrigens einen Notfallplan in acht Schritten.

Sie sind auf dem Feminess-Kongress 2015 als Referentin mit dabei. Was erwartet die Teilnehmerinnen?

Kurz: Impulse aus meiner „Lizenz zum Scheitern“ mit dem Tabu Scheitern zu brechen und für eine neue Scheiterkultur werben. Ich rufe dazu auf mutig etwas zu wagen. Ich wünsche mir, dass die Teilnehmerinnen idanach sagen: Ja, gescheiter(t) bin ich schon – Nur Mut zum Erfolg.

Liebe Frau Gerwers, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen natürlich kein Scheitern, sondern weiterhin viel Erfolg!

Das Interview führte Oliver Foitzik, Herausgeber vonAGITANO und HCC-Magazin.

 

Hinweis der Redaktion

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© Simone Gerwers

Nehmen auch Sie am Feminess Kongress 2015 am 07. März 2015 in Frankfurt am Main teil. Ein tolles Programm erwartet Sie. Sichern Sie sich hier gleich Ihren Platz: www.feminess-kongress.de/tickets. Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.feminess-kongress.de.

 

Über Simone Gerwers

Simone Gerwers ist studierte Diplomwirtschaftswissenschaftlerin. Sie berät Unternehmen und Manager zum Thema Führung im Wandel. Mit ihrer fachlichen Expertise vereint sie Expertenwissen der Wissenschaft mit breiter Praxiserfahrung. Die Leadershipexpertin wirbt für einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel, für den Mut zu Eigenverantwortung und für die Entwicklung von Gestaltungskraft.

Katja Heumader

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