Einsichten & Ansichten

SchenkelGewalt … Versuch über die Breitbeinigkeit

Breitbeinigkeit

Am 20. Januar 2017 wird wahr, was aus Sicht vieler hätte niemals wahr werden dürfen: Die Vereidigung Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Auch für unseren Kolumnisten, Ulrich B Wagner, war das damalige Wahlergebnis eine Überraschung. Jedoch, wenn man länger darüber nachdenkt, darf einen der Sieg Trumps nicht wirklich verwundern. Letztendlich zeigt dieser lediglich auf, in welche Richtungen sich freiheitsliebende demokratische Gesellschaften zu entwickeln drohen.

„Inter faeces et urinas nascimur“ (deutsch: „Zwischen Scheiße und Urin werden wir geboren“)

Augustinus

Auf in den Kampf

Lautstärke, Geschmacklosigkeit und Breitbeinigkeit sind die wahren Säulen des Erfolgs. Doch was auf den ersten Blick wie eine schlechte Telenovela anmutet, ist – in einer Zeit, in der das Virtuelle den Durchblick auf das Reale nicht bloß verstellt, sondern total auf den Kopf zu stellen droht – mittlerweile Wirklichkeit.

Auf dem Rücken der Pferde beherrsch(t)en sie die Welt, ihre Welt. Hüben wie drüben. Dort, wo die Sonne aufgeht und dort, wo sie täglich auch wieder unterzugehen scheint. Im Westen wie im Osten.

Doch geht es hierum überhaupt noch? Geht es wirklich noch um Dahinterliegendes, von Höherem ganz zu Schweigen? Oder doch nur um eine bloße Teilung, Aufteilung der Casinoflächen unter Gleichgesinnten, um echte Brüder im Geiste? Wer weiß?

Was gut ist, kommt wieder

Nur für was, wen oder wo auch immer war es gut? Und war es das überhaupt? „Von der Sehnsucht nach Breitbeinigkeit“ hieß bereits 2014 ein Artikel in DER SPIEGEL über den gerade rehabilitierten George W. Bush, dessen Bruder Jeb bekanntermaßen ja nicht Präsident der USA wurde. Ja, ja die großen Brüder … !?! Derjenige, der ohne Hemd und ohne Cowboyhut auf dem Pferd sitzt, tut es ohne Unterbrechung bis heute noch. Der, der mit dem Cowboyhut über seinem texanischen Leerraum sitzt, dagegen mit einer mit einer „43“ bestickten Baseballkappe auf dem Kopf, mit großväterlicher Sanftmut, aber doch immer noch »man spreading«, in einem Schaukelstuhl und doziert dabei über sich und die Welt: Yes, yes, in past times, when the world was still in order.

Long time ago: Die großen Brüder.  Jeb, wer braucht Jeb? Donald wird es schon richten! Männer im Herrensitz, inklusive Urinieren im Stehen. Sanft aber bestimmend, im Einklang mit sich und ihrer Natur. Sanft, wenn die Bäche rauschen und das umgebende Tal sich mehr oder minder mitbefeuchtet. Doch das wäre mit Gewissheit schon wieder ein anderes Thema.

Das kollektive Vergessen setzte allerdings schon lange vor Trump ein. Er ist der bloße Auswurf des mit dem Vergessen einhergehenden Rufes nach dem starken Mann, der in unseren Breiten in der neuerlichen Wiederauferstehung von Gerhard Schröder seine Früchte trägt und dessen weibliches Pendant Marie Le Pen’s rechte SchenkelGewalt ist.

Wer nicht riechen will, muss fühlen

Ein Vergessen, das mit einer kurzfristigen Gewinnoptimierungs- und Sofortpolitik verbunden ist, dessen Drehbuch der Puppenhausprosa für Kapitalisten, Egomanen und andere Psychopathen entsprungen scheint. Einem wahrlich wunderlichen Kitsch mit einem wahnwitzig unterkomplexen Realitätsentwurf, Ayn Rand’s Buch „Der Streik“ (Originaltitel: »Atlas shrugged«). Das erzählerische Setting darf man sich als eine Art Telenovela vorstellen, in der die allseits positiven Männerfiguren reiche, präpotente Anführer sind, von denen sich die weibliche Protagonistin Dagny Taggart, die Vize-Präsidentin des Eisenbahnkonzerns Taggart Transcontinental, der Reihe nach flachlegen oder erobern lässt. Millionen von verkauften Exemplaren sprechen für den Wind, für den Atem, dem dieses Buch dem American Dream bereits seit 1957 verleiht und dessen glühendster Vertreter, Paul Ryan, beinahe ja noch künftiger Vizepräsident der USA geworden wäre.

Oder anders ausgedrückt: In dem selben Maße in dem die tatsächlichen Exkremente aus unserem Leben verschwunden sind, hat die industriell und medial erzeugte Scheiße zugenommen, wie auch Florian Werner in seiner „Kulturgeschichte der Scheiße“ vermerkte.

In einem Klima, in dem Breitbeinigkeit als Eigenschaft, als Voraussetzung von Führung angesehen wird, ist das Waten in der durch diese Bein- und Geisteshaltung schon vorproduzierten und bereits riechbaren weiteren Sch***, für all die ohne Pferd und doppelten Boden durch ihr Leben laufen müssen, mit einhundertprozentiger Gewissheit schon so gut wie sicher. Anders ausgedrückt: Wer nicht riechen will, muss fühlen.

Vielleicht hilft es ja auch. Bekanntermaßen gründet ja die gesamte menschliche Kultur auf Scheiße, weil wir erst in der Abgrenzung von Scheiße wissen, was Kultur überhaupt ist.

Oder um es mit dem von mir so geschätzten Thomas Bernhard auf den Punkt zu bringen, der einmal in einem Interview sinnierte:

Ich bin ja der Meinung, man könnte einen Scheißdreck auch darstellen. Der Vorhang geht auf, ein Scheißhaufen liegt auf der Bühne. Ein paar Fliegen kommen und setzen sich drauf.  Und der Vorhang geht wieder zu.

Vielleicht geht ja bei Trumps Inthronisierung der Vorhang schon mit der Öffnung des selbigen auch schon wieder zu. Gerochen habe ich für meine Gefühle bereits genug.

Selbst Frank Zappa, der bis heute grinsend und breitbeinig mit heruntergezogener Hose auf dem Klo sitzend von so manchem Poster herunterstrahlt, war es immer wichtig darauf hinzuweisen: „Ich habe noch nie auf eine Bühne geschissen!“ Und schon gar nicht auf die Bühne, die wohl wahrlich die Welt bedeutet. Den augustinischen Geburtswehen sollten wir gottlob wohl entsprungen sein.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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