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Schlagfertigkeit – Blaues Auge oder guter Schlag?

„Schlagfertigkeit ist das, was einem auf dem Weg nach Hause einfällt“. Und dann ärgert man sich schwarz. Aber Schlagfertigkeit ist nicht immer dazu geeignet, einen Konflikt zu entschärfen, vielmehr schaukelt sich die Situation durch vermeintlich gewitzte Antworten oft unkontrolliert hoch. Speaker, Trainer, Impro-Comedian und Moderator Ralf Schmitt meint im heutigen Beitrag zu seiner Kolumne “Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner”, dass es manchmal besser ist, das Gespräch auf eine andere Ebene zu lenken, statt auf dem letzten Wort zu bestehen.

Kann man Schlagfertigkeit lernen?

Liebe Leser, zahlreiche Bücher und Seminare versprechen, dass sich Schlagfertigkeit erlernen lässt, indem man hilfreiche Antwortsätze auswendig lernt und immer wiederkehrende Standsituationen durchspielt. Meiner Meinung nach ist diese Art der Schlagfertigkeit zwar eine geeignete Möglichkeit, um ein erstes verbales „Stoppschild“ in der Situation zu setzen. Was aber passiert, wenn die „Duellanten“ dasselbe Buch gelesen haben, dieselben Tricks kennen? Gleichstand, Stillstand, Kaninchenfeeling? Eventuell kriegen Sie dann einen Bumerang an den Kopf oder sie müssen sich gar prügeln, weil sie mit Worten nicht weiter kommen und keiner nachgibt.

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Schlagfertigkeit führt manchmal zu Verletzungen auf beiden Seiten. (Bild: Lupo / pixelio.de)

Ein Beispiel. Ich hatte einmal eine Moderation für einen großen Autokonzern. Im Grunde genommen lief alles gut. Das Publikum hörte aufmerksam zu, sie lachten an den richtigen Stellen und auch die Chefetage, die mich gebucht hatte, nickte immer wieder zustimmend in meine Richtung. Ich stand adrett gekleidet auf der Bühne in meinem auffälligen Anzug mit rosa Nadelstreifen und einer rosa Krawatte, während das Publikum fast vollständig in Standardgrau gekleidet war. Aus der ersten Reihe kam plötzlich ein Zwischenruf: „Herr Schmitt, gibt’s Ihren Anzug eigentlich auch für Männer?“ Natürlich hatte er alle Lacher sofort auf seiner Seite. Ich antwortete mit Schlagfertigkeit: „Ja, aber nicht in Ihrer Größe!“ Dieser Herr war für alle sichtbar ein wenig übergewichtig. Ich hatte also getroffen. Das Publikum war nicht mehr zu halten.

Schlagfertigkeit kommt von Schlagen

Auf diese Art und Weise lassen sich die Bälle endlos hin und her spielen. Einer haut dem anderen verbal so richtig eine rein und bekommt im Gegenzug ordentlich eine verpasst. Meine Mutter würde jetzt sagen „Bis einer heult.“ Und ganz so Unrecht hat sie damit nicht. Hatte ich Schlagfertigkeit bewiesen? Ja. War ich wertschätzend? Nein. Ich hatte mir die Korpulenz meines Wortduell-Gegners zunutze gemacht, um ihn bloßzustellen. So schaukeln sich viele zunächst witzig begonnene Dialoge oft so weit nach oben, bis einer so sehr verletzt ist, dass er entweder aufgibt oder wild um sich schlägt, ohne Rücksicht auf Verluste.

In dieser Moderationssituation war meine Reaktion sicherlich witzig und wahrscheinlich sogar angebracht. Besser wäre es sicherlich an dieser Stelle gewesen, die Emotionalität aus dem Gespräch zu nehmen und auf eine rationale Ebene zurück zu kommen. Zum Beispiel hätte ich mich für den Hinweis auf meine anscheinend unpassende Kleidung bedanken und ihn um die Nummer seines Schneiders bitten können.

Lassen Sie sich nicht provozieren

Wenn jemand Sie im Büroalltag angreift, kritisiert oder auf Ihre Kosten einen Witz reißt, lassen Sie sich also am besten nicht provozieren, auch wenn Sie wissen, dass Sie aus dem Schlagfertigkeitsduell später als Sieger hervorgehen. Sätze wie „Danke für den Tipp, ich denke darüber nach“ oder „Was würdest du mir denn empfehlen“ nehmen sofort die Schärfe aus dem Gespräch und Ihr Gegenüber in die Verantwortung.

Mein Tipp: Lenken Sie in Angriff-Situationen die Unterhaltung zurück auf die Erwachsenenebene, wo sie hingehört. Wenn das indirekt nicht möglich ist, sagen Sie ganz direkt: „Danke für Ihren emotionalen Beitrag, jetzt möchte ich aber gerne auf der Erwachsenenebene weiterdiskutieren. Wenn das gar nicht funktioniert, dann können sie gerne auch mal fies sein. Vielleicht passt ein blaues Auge ja ganz gut zu Ihrem Outfit.“

 

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Experte für Spontaneität, Improvisation und Interaktivität. (Foto: © Ralf Schmitt)

Über Ralf Schmitt

Ralf Schmitt arbeitet seit mehr als 15 Jahren erfolgreich als Speaker, Trainer, Impro-Comedian und Moderator. Er gilt als Experte für Spontaneität und Interaktivität, hat die Methode der Navituition® entwickelt und ist Mitglied der German Speakers Association. Schmitt ist branchenübergreifend tätig und kennt die deutsche Wirtschaftslandschaft aus dem Effeff. Seine inhaltliche Mitarbeit im Vorfeld und seine Auftritte bei unzähligen Tagungen und Kongressen geben ihm eine externe Sichtweise auf innerbetriebliches Geschehen und Veränderungsprozesse in Unternehmen verschiedener Größenordnungen. Darüber hinaus ist er Autor der Bücher „Ich bin total spontan, wenn man mir rechtzeitig Bescheid gibt“ und „Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner“.

Mehr über Ralf Schmitt erfahren Sie auf seinem AGITANO-Expertenprofil und auf www.schmittralf.de.

 

Lesen Sie auch die vorangegangenen Beiträge zur Kolumne “Ich bin total beliebt, es weiß nur keiner”:

Alles (k)eine Frage des Status

Über das Trinken am Arbeitsplatz

Unvorhergesehene Situationen meistern statt Kaninchen-Prinzip

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“Nein-Kollegen”: Nettsein lohnt sich

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Katja Heumader

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