Alte Energiewirtschaft

Sicherheit der Atomkraftwerke Fessenheim und Beznau weit gravierender als der EU-Stresstest ergeben hat

 

Neues Sicherheitsgutachten zu den Atomkraftwerken in Fessenheim (Frankreich) und Beznau (Schweiz) / der Umweltminister Baden Württembergs, Franz Untersteller: „Fessenheim und Beznau sind weit davon entfernt, grundlegende Sicherheitsanforderungen an atomare Anlagen zu erfüllen“

Bild: AKW Beznau / axpo

Das baden-württembergische Umweltministerium hat am 18. Oktober 2012 ein Gutachten des Öko-Instituts (ÖI) und des Physikerbüros Bremen (PhB) zum Sicherheitsstandard der beiden Atomkraftwerke in Fessenheim (Frankreich) und Beznau (Schweiz) vorgelegt. Beide Anlagen gehören zu den ältesten Europas und liegen in unmittelbarer Grenznähe zu Baden-Württemberg.

Die Experten kommen zu dem Ergebnis, dass beide Anlagen in den fünf untersuchten Bereichen – Erdbeben, Überflutung, Brennelement-Lagerbecken, elektrische Energieversorgung und Kühlwasserversorgung – wesentliche sicherheitstechnische Schwachstellen haben.

Für die Untersuchung stützten sich die beiden Büros vor allem auf die Unterlagen, die Betreiber und Aufsichtsbehörden der beiden Anlagen im Rahmen des EU-Stresstests erstellt und veröffentlicht haben, daneben nutzten sie weitere öffentlich zugängliche Informationen wie beispielsweise Ergebnisse der periodischen Sicherheitsüberprüfungen der Reaktoren. Die vorliegenden Informationen wurden nach deutschem Maßstab bewertet (entsprechend dem Stresstest der Reaktorsicherheitskommission nach der Atomkatastrophe von Fukushima), da die EU keinerlei Sicherheitsmaßstäbe vorgab.

Umweltminister Franz Untersteller zeigte sich von den Ergebnissen der Gutachter zwar nicht überrascht, aber dennoch alarmiert: „Unsere Befürchtung, dass Fessenheim und Beznau nicht die erforderlichen Sicherheitsstandards erfüllen, hat sich bestätigt. Beide Kraftwerke liegen in den meisten relevanten Bereichen hinter dem Sicherheitsstatus deutscher Anlagen zurück – zum Teil selbst derjenigen, die wir nach Fukushima aus Sicherheitsgründen abgeschaltet haben.“

  1. Die Anlage in Fessenheim sei zum Beispiel nur gegen ein 10.000-jährliches Erdbeben ausgelegt, deutsche Anlagen gegen ein 100.000-jährliches.
  2. Die ausgewiesenen Schutzhöhen des Atomkraftwerks Fessenheim bei Überflutungsereignissen seien gegenüber deutschen Anlagen eher gering, zentrale sicherheitstechnische Systeme seien wegen ihres Standorts auf einem Niveau weit unterhalb des Rheinseitenkanals sogar überflutungsgefährdet.
  3. Bei der Notstromversorgung seien deutsche Anlagen gegenüber Fessenheim wegen des höheren Redundanzgrades (also wegen des mehrfachen Vorhandenseins gleicher oder vergleichbarer sicherheitstechnischer Einrichtungen) ebenfalls deutlich besser auf Probleme vorbereitet.

Ähnliche Auslegungsschwächen ergebe die Untersuchung für das Schweizer Atomkraftwerk in Beznau, erklärte Untersteller. Zwar seien in beiden Anlagen bereits Nachbesserungen geplant, an der Gesamtbeurteilung, dass es sich insbesondere bei Fessenheim um eine sicherheitstechnisch unzureichende Anlage handle, ändere sich dadurch aber nichts. „Die grundlegenden Schwächen aus einem Design der 1960er und 1970er Jahre lassen sich auch mit Nachrüstungen nicht beheben.“

Untersteller bemängelte in diesem Zusammenhang ausdrücklich den EU-Stresstest, dessen Ergebnisse erst vor wenigen Tagen vorgestellt worden seien: „Das war zwar ein begrüßenswerter erster Schritt auf einem Weg zu europaweit einheitlichen Sicherheitsstandards. Aber die Aussagekraft des EU-Stresstests ist doch sehr begrenzt. Eine Bewertung des Sicherheitsniveaus einzelner Anlagen ist damit nicht möglich.“

Der baden-württembergische Umweltminister forderte sowohl die Bundesregierung als auch die Europäische Kommission auf, sich jetzt verstärkt für europäische Standards bei der Anlagensicherheit einzusetzen und endlich einen hohen Bewertungsmaßstab zu entwickeln, der eine sicherheitstechnische Gesamtbewertung jeder einzelnen Anlage erlaube. Punktuelle Untersuchungen wie im EU-Stresstest seien dafür nicht ausreichend.

„Fessenheim“, so Franz Untersteller abschließend, „gehört nach den vorliegenden Ergebnissen unseres Gutachtens mehr denn je zum frühestmöglichen Zeitpunkt abgeschaltet. 2016, wie von der französischen Regierung geplant, ist mir zu spät. Das würde ich gerne vor Ort mit den Verantwortlichen in der Regierung besprechen.“ Das Gutachten ist den Regierungen in Frankreich, der Schweiz und Deutschland zugeschickt worden.

Aus der Pressemitteilung des Ökoinstituts:

Sicherheitslücken: Beispiel Redundanz

Um die Sicherheit im Kernkraftwerk zu erhöhen, sind in deutschen KKW die relevanten Sicherheitssysteme vierfach vorhanden (redundant) und voneinander unabhängig. Fällt eines aus und ist gleichzeitig eines in Reparatur sorgen die verbleibenden zwei Systeme für die sichere Beherrschung von auftretenden Ereignissen.

In Fessenheim und Beznau ist der Redundanzgrad dagegen geringer. So kann oft zwar ein Einzelfehler beherrscht werden, dabei darf jedoch die redundante technische Einrichtung gerade nicht in Reparatur sein.

Auch sind die einzelnen Redundanzen nicht vollständig unabhängig. So greifen beispielsweise alle Einspeisesysteme für Kühlmittel, das im Falle des Überhitzens des Reaktors eingebracht werden muss, auf nur einen Behälter zu. Fällt dieser beispielsweise durch Beschädigungen bei einem Erdbeben aus, müsste nach Meinung der Experten mit massiven Problemen gerechnet werden. Auch das Brennelementlagerbecken, in dem benutzte Brennelemente gelagert werden, entspricht in Fessenheim und Beznau nicht dem Standard, dem in Deutschland alle Druckwasserreaktoren unterliegen. In den Nachbarländern werden die abgebrannten Brennelemente in einem separaten Gebäude und nicht wie in Deutschland innerhalb des Containments aufbewahrt. Letzteres sorgt jedoch für mehr Sicherheit, da bei einem Unfall freiwerdende radioaktive Stoffe im Containment zurückgehalten werden können.

Nachbesserungen beheben nicht grundsätzliche Sicherheitsrisiken

Zwar gab es über die Jahre seit der Errichtung der französischen und Schweizer Anlagen Nachbesserung. Auch sind in der Folge des Ereignisses in Fukushima zusätzliche Nachrüstungen geplant. So sollen mobile Pumpen und mobile Notstromdiesel angeschafft werden, um die Robustheit der Anlagen zu erhöhen. Doch sind vergleichbare Nachrüstungen auch in den deutschen Anlagen vorgesehen. Unabhängig davon bleibt das Sicherheitsniveau der untersuchten Anlagen im Vergleich zu den deutschen KKW niedriger.

Offene Fragen nach EU-Stresstests

Die Analyse der Wissenschaftler zeigt auch, dass viele sicherheitsrelevante Punkte in den umfangreichen EU-Stresstests nicht behandelt wurden. Interne Störfälle wie Brände auf dem Gelände der Anlage oder Kühlmittelverluststörfälle aber auch Sondersituationen wie beispielsweise ein Flugzeugabsturz, wurden nicht diskutiert. Um die Sicherheit in europäischen Kernkraftwerken zu erhöhen müssten auch für solche und andere Risiken entsprechende Analysen der europäischen Kernkraftwerke durchgeführt werden.

Links:

Studie „Analyse der Ergebnisse des EU-Stresstests der Kernkraftwerke Fessenheim und Beznau. Teil 1: Fessenheim“ von Öko-Institut und Physikerbüro Bremen

Studie „Analyse der Ergebnisse des EU-Stresstests der Kernkraftwerke Fessenheim und Beznau. Teil 2: Beznau““ von Öko-Institut und Physikerbüro Bremen

(Quellen Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg / Öko-Institut e.V.)

 

Marc Brümmer

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