Einsichten & Ansichten

Sommerlöcher und Buschbrände – as time goes by

Sommerlöcher. Sie kamen vor allem dann zutage, wenn sich die Deutschen im Urlaubsmodus befanden und sich Zeit für weniger ernsthafte Dinge nahmen – und dabei gar Humor zeigten! Doch das war einmal … . Oder doch nicht? Unser Kolumnist Ulrich B Wagner zeigt uns im aktuellen Beitrag von „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ auf, was Sommerlöcher von heute auszeichnet.

Es gab sie wirklich: Sommerlöcher ….

Echte, große, schwarze Löcher, die wiederkehrten, Jahr für Jahr. Nicht fragmentiert, aufgespalten und ausdifferenziert, sondern als eines.

Ein Einzelnes? Vielleicht nicht immer nur das Eine, aber das Übergeordnete, das gemeinschafts-, sinn- und irgendwie aber auch realitäts- und orientierungsstiftende mit Gewissheit: das Sommerloch.

Meist traten sie gemeinschaftlich auf. Ich meine nicht mehrere per se, sondern ihre Begleiter oder Begleitumstände: Schulferien, Betriebsferien, Sonne, Hitze, kurze Hosen, Strand, kilometerweite Staus, verwaiste Innenstädte, Entspannung und Entschleunigung, kurz und bündig: Auszeit, have a break, have a … (?) holiday.

Endlich Zeit zum Lesen, zum Nachdenken und Philosophieren und dann das: DER SPIEGEL und DIE ZEIT dünn, ausgezerrt, vermerkelt, aus- und abgemerkelt.

„Wird sich schon keiner drum kümmern, um die Sch***!“

Leichtes Urlaubsgebäck sozusagen. Die Sommertage ein langer, ruhiger Fluss, in denen die einen nach Österreich, die anderen nach bella Italia, oder España reisten, was selbstverständlich einem Glaubensbekenntnis gleichkam und einem sofort und allumfassend klar machte, mit wem man es zu tun hatte. Und irgendwie, ja rückblickend, desillusioniert, einer, wer auch immer, einer wie durch Zauberhand dafür sorgte, dass verdammt noch mal, wenigstens einmal im Jahr Ruhe im Karton ist.

Der ganze Irrsinn wurde schlicht und einfach (?) in die Kiste gepackt und zusammen mit den verderblichen Lebensmitteln in den Keller verfrachtet. „Wird sich schon keiner drum kümmern, um die Sch***!“ wird man sich wohl gedacht haben und falls doch einer runter geht, würde er sich in der Regel sowieso erst einmal mit Tante Ernas Wildschweinsalami vergnügen und nicht mit dem ganzen Irrsinn.

Wenn nicht ganz, so doch quasi immer hin. Die kollektive Blickrichtung, die Betriebstemperatur einer Gesellschaft, wenn nicht gar des gesamten europäischen Kontinents schien auf lau umzustellen, wenn es draußen schon so heiß und verführerisch ist. A long time ago in a galaxy far far away.

Der Irrsinn, der Schrecken, die Ängste, die Sorgen und die Verzweiflung – all das blieb zwar trotzdem, sah aber dann jedoch meist etwas anders, wenn nicht gleich weniger bedrohlich, so zumindest etwas entspannter aus.

Die Perspektive hatte sich geändert,  die eigene Verfassung, die Wahrnehmung der Wirklichkeit und so vieles anderes natürlich auch.

Das hatte das Sommerloch auch irgendwie mit Weihnachten gemeinsam: Man ging wieder gerne arbeiten im Anschluss und freute sich auch mal wieder „normale“ Menschen und nicht nur Familie ertragen zu müssen.

Es war einmal …

Heute bekommt man Facebook-Posts oder Tweets aus dem Urlaub von Menschen, die neben einem die Füße in den Sand stecken. Das wäre jedoch ein anderes Thema.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentliche 11.08.2016 einen Artikel, der in die selbe Richtung geht, als sie schrieb: „Sommerloch 1966: Der Sommer unseres Missvergnügens“. Nur schien ihnen dabei nicht aufzufallen, dass nicht bloß die Themen sich in ihrer Gewichtigkeit verändert haben, sondern das Sommerloch per se ein Relikt aus alten Tagen, ja aus einer alten Welt gefallen scheint. Oder doch bloß die Welt aus dem Sommerloch?

„Ein Tor, das keines war. Teutonische Kinderlosigkeit. Und ein Kommunistenführer, der rekordverdächtig schwimmt. Das bewegte die Deutschen im Sommer vor 50 Jahren.

Vieles hat sich verändert seit dieser Zeit, vieles, sehr vieles. Nur eines nicht, nämlich dass was der „Inder Snober Irani, Deutsch-Student in München bereits vor 50 Jahren auf den Punkt brachte. In einem Aufsatz über sein Gastland schrieb er: »In seinem Kampf und seiner Anstrengung um den Wiederaufbau hat Deutschland seinen Humor verloren«“ (s. o. Link).

Alles hat zugenommen, bis auf den Humor

Nimmt man anstatt Wiederaufbau, Wiedervereinigung, Globalisierung, Internet et cetera hat alles zugenommen in unsrem Land, nur die Veranlagung zum Humor bei weitem immer noch nicht.

Oder vielleicht doch und irgendwer bringt uns wenigstens Buschbrände, wenn es schon keine Sommerlöcher, Auszeiten, kollektives Abschalten und Entschleunigen oder Waldbrände für Hotelneubaus gibt: „Wenn’s im Schritt brennt.“

Oder vielleicht doch nicht? Und es ist ein Signum unserer Zeit, ein Platzhalter, ein Brandmal gar und das Feuer ist wirklich nunmehr unten angekommen? So oder so!!! „Humor ist wenn man trotzdem lacht.“ In diesem Sinne noch weiterhin schöne Urlaubstage.

Ihr …

Ulrich B Wagner

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