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Sozialwirtschaft, Studie: Vom Kostgänger zum Wachstumsmotor?

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[Bild: Gerd Altmann / pixelio.de]

Deloitte-Studie sieht Sozialwirtschaft als wertschöpfende Zukunftsbranche

Die Sozialwirtschaft in Deutschland hat sich laut Deloitte-Studie „Jobmotor Sozialwirtschaft – Wachstumsbranche in Zeiten der globalen Krise“ vor allem stabilisierend auf die Beschäftigungsentwicklung ausgewirkt – von 2008 bis 2011 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um über 16 Prozent. Die klassische Aufgabenteilung zwischen Staat und Verbänden gilt inzwischen jedoch als Auslaufmodell. An ihre Stelle tritt eine stärker wirtschaftliche Ausrichtung sozialer Dienstleistungen. Im Wesentlichen zeigen sich bei der Modernisierung des Sektors zwei Entwicklungen: die Einführung des Wettbewerbsprinzips sowie das Kontraktmanagement. Insgesamt wird sich der Verbändekorporatismus auflösen, was eine weitere Privatisierungswelle auslösen wird. Eine ernste Herausforderung ist der Fachkräftemangel, dessen Ursachen im demografischen Wandel und der unzureichenden Qualifizierung liegen.

„Heute arbeiten 5,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Deutschlands in der Sozialwirtschaft. Dennoch gilt sie vor allem als Kostenfaktor. Tatsächlich aber ist sie eine wichtige zukunftsfähige Wirtschaftsbranche, insbesondere für die Binnenwirtschaft“, erklärt Thomas Northoff, Partner Public Sector bei Deloitte.

Stärkeres Wachstum als Gesamtwirtschaft

Die deutsche Sozialwirtschaft hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Allein zwischen 2008 und 2011 überstieg das Wachstum das der Gesamtwirtschaft um das Vierfache. Das gilt auch und besonders für die in der Studie untersuchten Wirtschaftszweige Heime ohne Erholungs- und Ferienheime sowie Sozialwesen ohne Heime.

Wachstum zeigt sich in nahezu allen Regionen und Bundesländern – Ausnahme Mecklenburg-Vorpommern. Hamburg hingegen liegt in der Spitzengruppe, ebenso Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Berlin befindet sich im Mittelfeld – hier wird aber bis 2020 eine Zunahme der ambulant Pflegebedürftigen um rund 30 Prozent erwartet.

Vom Investor zum Gewährleister

Die Sozialwirtschaft ist von zwei Entwicklungen geprägt: der Einführung des Wettbewerbsprinzips, das zu mehr Kosteneffizienz und einer optimierten Angebotssteuerung führen soll – und dem Kunden mehr Auswahl ermöglicht. Die öffentliche Hand tritt dabei nicht als Investor, sondern als Gewährleister in Erscheinung. Die andere Entwicklung besteht in der Durchsetzung des Kontraktmanagements als Grundlage zur Festigung der Anbieterstruktur. Hierbei geht es darum, verschüttete Ressourcen zu reaktivieren und so infrastrukturelle Aufgaben besser zu bewältigen.

Die Organisation zwischen öffentlichen Kostenträgern und Leistungserbringern unterliegt einem Wandel. Mittelfristig löst das den traditionellen Verbändekorporatismus durch Marktmechanismen auf. Dabei wird es – neben ökonomischen Beziehungen – auch zu einer Vernetzung zwischen den beteiligten Kostenträgern, Leistungserbringern, Betreuten und Angehörigen kommen. Für die freie Wohlfahrtspflege bedeutet der Wandel eine klare Aufteilung in marktfähige und nicht-marktfähige Leistungen.

Unterschätzte Wertschöpfung

Oft wird die Wertschöpfung der Sozialwirtschaft unterschätzt. Neben ihrer Bedeutung für den Arbeitsmarkt stärkt sie die Nachfrage und führt zu höheren Steuerrückflüssen. Zudem sorgt sie für Investitionen an Standorten, die als unattraktiv gelten. Generell müssen Folgekosten etwa durch Verbesserung der Lebensqualität, Teilhabe, Sicherheit und Gesundheit einberechnet werden, wenn über die Wirtschaftlichkeit des Sozialsektors gesprochen wird.

Die größte Herausforderung für die Sozialwirtschaft ist der Fachkräftemangel. Bedingt ist er einerseits durch die demografische Entwicklung, andererseits durch eine Qualifizierungslücke. Nach derzeitiger Lage sind kurz- bis mittelfristig Personalengpässe zu befürchten, die das Leistungsniveau gefährden. Gefragt ist hier ein Maßnahmenbündel, das auf mehreren Ebenen greift.

„Einerseits steigt der Bedarf, andererseits vergrößern sich die Probleme der Angebotsseite. 2030 wird es 22,3 Millionen Bürger über 65 geben, darunter etwa 3,37 Millionen Pflegebedürftige. Dementsprechend muss sich die Angebotspalette der Sozialwirtschaft ändern – bis hin zur Stärkung von Alternativen wie dem persönlichen Budget, das ein deutliches Mehr an Eigenbestimmung ermöglicht“, schließt Ralph Höll, Partner Sozialwirtschaft bei Deloitte.

Den kompletten Report finden Sie hier kostenfrei zum Download.

(Deloitte 2013)

Marc Brümmer

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