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Sprechen & Geschlecht: Leise Mäuschen und hysterische Ehefrauen

… aus der wöchentlichen Themenserie „Sprechen wie der Profi – Eine Themenserie rund um den Brustton der Überzeugung“ mit der Stimm- und Sprechtrainerin, Business Coach und Rednerin Dr. Monika Hein. Nach Teil 7 „Raus mit der Sprache” erfahren Sie heute im achten Teil mehr über die feinen Unterschiede zwischen dem starken und dem schwachen Geschlecht in puncto Stimme und Sprechen.

Wenn wir über Frauen und Männer sprechen, gibt es viele Klischees, auch über die Stimme. Ich bin gar nicht grundsätzlich gegen Klischees, sie machen das Leben manchmal einfacher – auch wenn sie selbstverständlich mit Vorsicht zu genießen und mit Humor zu betrachten sind und nicht jedem Menschen gerecht werden.

Da hilft auch das beste Stimmtraining nichts

Da hilft das beste Stimmtraining nichts? Dr. Monika Hein klärt über den angeblichen Zusammenhang zwischen Stimme und Geschlecht auf. (Bild: frugola / pixelio.de)
Da hilft das beste Stimmtraining nichts? Dr. Monika Hein klärt über den angeblichen Zusammenhang zwischen Stimme und Geschlecht auf. (Bild: frugola / pixelio.de)

Ein typisches Sprech-Klischee: Frauen haben hohe, piepsige Stimmen. Männer haben kräftige, dominante Stimmen. Dieses Klischee wird auch oft bedient und gefüttert: In einem Artikel über Stimmbildung kommentierte einst ein (männlicher) Leser, dass Frauen einfach keine starken Stimmen entwickeln können, da helfe auch das beste Stimmtraining nichts. Hier wird das Klischee so ausgeweitet, dass es für Frauen eine klare Sprech-Grenze gibt. An dieser Stelle bin ich ganz anderer Meinung! Denn Frauen können sehr starke Stimmen entwickeln. Wenn wir uns in den Medien umhören, finden wir zahlreiche tolle und kräftige weibliche Stimmen: Barbara Schöneberger, Senta Berger, Iris Berben und noch so viele mehr.

Leiser, souveräner, tiefer

In einem Stimm-Seminar für Frauen, das ich vor ein paar Tagen gegeben habe, bat mich gut die Hälfte der Frauen darum, Hinweise und Hilfestellungen für eine leisere Stimme zu bekommen, denn die Damen sprachen in ihrer Wahrnehmung oft zu laut. Das war für mich äußerst ungewohnt, denn dieser Wunsch entspricht nun ganz und gar nicht dem Klischee der leisen, piepsigen weiblichen Stimme. Besonders interessant fand ich, dass die Damen nicht nur gern wissen wollten, wie sie leiser und damit souveräner, sondern auch in einer tieferen Stimmlage sprechen können. Denn mit steigendem Atemdruck rutschen ungeübte Stimmen meist nach oben. Eine Teilnehmerin berichtete, ein Kollege hätte bei ihr den Vergleich mit einer hysterischen Ehefrau gezogen, sie klänge laut und grell. Das hat sie nachhaltig beeindruckt, denn natürlich möchte keine Frau solch ein Label erhalten. Gibt es also noch ein weiteres Klischee, das heißt: Wenn Frauen laut sind, klingen sie hysterisch?

Woher kommen diese Klischees?

Einen Grund dafür muss es ja geben. Erlauben Sie mir zur Erklärung einen Blick in den Hals: Da haben Frauen erst einmal den Nachteil der fehlenden Länge. Richtig, hier kommt es doch einmal auf die Länge an. Unsere Stimmlippen sind kürzer als die der Männer, und je kürzer die Stimmlippen, desto höher der Ton. Das liegt also in der Morphologie der Frau, daran können wir nicht viel ändern. Woran wir allerdings etwas ändern können, ist die Spannung der Stimmlippen. Und da treffen sich die piepsigen mit den schrillen Stimmen: Die Stimmlippen sind wie ein Gummiband gedehnt und bringen piepsige Töne bei wenig Atemdruck und schrille Töne bei hohem Atemdruck heraus. Der Stimmklang resultiert also aus dem Zusammenspiel zwischen Atemdruck und der Spannung der Stimmlippen. Die emotionale Beteiligung beim Sprechen sorgt dafür, wie es um dieses Verhältnis bestellt ist: Wenn starke Gefühle mit im Spiel sind, steigt unsere Körperspannung und damit der Atemdruck. Die Stimmlippen reagieren mit Gegenspannung und schwups – wir klingen hysterisch. Bei den piepsigen Frauen geht es etwas anders zu: Schüchternheit, anerzogene Zurückhaltung, das Rollenbild des netten Frauchens oder Statusspielchen lassen den Körper erstarren und der Atem fließt nicht mehr richtig, die Kehle macht dicht. So ist es in unserem Körper einprogrammiert: Bei Gefahr macht die Kehle dicht. Was dann aus dem Mund kommt, ist das berühmte piepsige Stimmchen.

Schauen wir mal wieder auf die Männer

Die strahlen bei sonoren Stimmen eine gewisse Gelassenheit aus (auch nicht immer, meine Damen. Es gibt durchaus auch Männer, denen die Stimme mal „abhaut“ und brüchig wird). Bei den super gelassenen männlichen Stimmen liegt es also erst einmal an den längeren Stimmlippen und auch daran, – Achtung, hier kommt noch ein Klischee – dass sich Männer in Diskussionen nicht ganz so schnell emotional einlassen wie wir Frauen und vieles nicht so persönlich nehmen. Sie denken, arbeiten und sprechen öfter auf der Sachebene, wir Frauen eher auf der Beziehungsebene. Und selbst wenn Männer mal aufgeregt sprechen, wird die Stimme nicht so hoch wie bei uns Frauen, da sie ja schon wesentlich tiefer starten.

All das funktioniert auf der physiologischen Ebene bei Männern und Frauen genau gleich. Was sich signifikant ändert, ist die Tonhöhe, die bei Frauen, besonders in emotional aufwühlenden Situationen, schneller deutlich nach oben geht, und das natürlich nicht nur aus Aufregung und Schüchternheit, sondern auch aus Spieltrieb oder beim Flirt – je nach Situation reagiert unsere Stimme unterschiedlich.

Stimmen wecken in uns Klischees

Das Klischee stimmt also in gewisser Weise, Frauen klingen schneller und auffälliger „hoch“ als Männer. Daraus lässt sich aber kein Rückschluss auf die Kompetenz der Frau ziehen. Das passiert leider trotzdem allzu schnell, denn wir neigen dazu, einander aufgrund des Stimmklangs in Schubladen zu stecken, in die wir oft nicht gehören. Stimmen wecken in uns Klischees, die bei hohen Tönen zum Beispiel lauten können: „Die kleine Maus da kann bestimmt gut Kaffee kochen. Erst auf den zweiten Blick fällt uns dann auf: „Huch, das war ja die Abteilungsleiterin … “.

Darum gilt für Frauen etwas stärker als für Männer: Wenn Sie nicht unterschätzt oder für eine hysterische Kuh gehalten werden wollen, entspannen Sie Ihre Stimmlippen! Und für alle Männer, die ihre Stimmen in ähnlicher Weise wie im Text beschrieben kennen: Auch bei Ihnen ist das normal, alle ungeübten Stimmlippen reagieren auf diese Weise.

Denken wir also an unser Berufsleben, dann gilt für alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht:

– Sorgen Sie emotional gut für sich und bringen Sie sich vor Meetings in einen ausgeglichenen, angenehmen Zustand.

– Lernen Sie die Farben ihrer Stimme kennen. Fragen Sie sich: Neige ich dazu, schrill zu klingen? Versteht man mich gut oder fragen Menschen oft nach? Daraus leiten Sie ab, was Sie schulen möchten.

– Begreifen Sie Ihre Stimme als Instrument und üben Sie, es zu spielen. Alles, was wir beherrschen, fällt uns leicht. Alles, was wir den Emotionen überlassen, kann aus dem Rahmen fallen und mal piepsig, laut, schrill oder auch einfach nur gruselig klingen.

– Wie klingt Ihre Stimme, wenn Sie entspannt sind? Wie klingen Sie, wenn Sie etwas Leckeres essen oder wenn Sie am Strand in der Sonne liegen? Speichern Sie diese entspannte Stimmlage bei sich ab und versuchen Sie, sie wieder zu aktivieren, wenn es Ihnen darum geht, entspannt und souverän zu klingen.

Über Dr. Monika Hein

Sprechen wie der Profi
Dr. Monika Hein (Foto: © Romanus Fuhrmann)

Dr. Monika Hein ist Rednerin, Stimm- und Sprechtrainerin, Business Coach und Trainerin (dvct) sowie Sprecherin in Funk und TV. Sie trainiert seit 2004 Führungskräfte, Kundenberater, Anwälte, Notare, Verkäufer, Moderatoren, Schauspieler, Dolmetscher, kurz gesagt, all diejenigen, die beruflich auf den Einsatz ihrer Stimme angewiesen sind. Sie verhilft Menschen zu einem klaren Ausdruck, mit dem sie sich stark und sicher fühlen.

Im März 2014 ist ihr Buch „Sprechen wie der Profi – Das interaktive Training für eine gewinnende Stimme“ im Campus Verlag erschienen.

Mehr zu ihrer Person finden Sie auf ihrem AGITANO-Expertenprofil von Monika Hein und unter www.monikahein.de.

Christoph Schroeder

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