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„stundenbuch – Zeiten für Einkehr“: 1. Woche – Dienstag

… von Ulrich B Wagner aus seinem "stundenbuch – Zeiten der Einkehr – 1. Woche – Kairos und Chronos auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Nach den ersten beiden Tagen – Sonntag und Montag – folgt heute:

 

Dienstag

Zeitdiebe

Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden
und einem doch das kostbarste stehlen:
die Zeit.
                                                  (Napoleon)

 

Am Morgen

„Du musst wissen, Momo, das auch das Böse sein Geheimnis hat. Ich weiß nicht, wo die grauen Herren die geraubten Stunden-Blumen aufbewahren. Ich weiß nur, dass sie diese durch ihre eigene Kälte einfrieren, bis die Blüten hart sind wie gläserne Kelche. Dadurch werden sie gehindert, zurückzukehren. Irgendwo tief unter der Erde, müssen sich riesige Speicher befinden, in welchen die ganze gefrorene Zeit liegt. Doch auch dort sterben die Stunden-Blumen noch immer nicht….Aus diesen Vorratskellern versorgen die grauen Herren sich immerzu. Sie reißen den Stunden-Blumen die Blütenblätter aus, lassen sie verdorren, bis sie grau und hart werden, und daraus drehen sie sich ihre kleinen Zigarren: aber bis zu diesem Augenblick ist noch immer ein Rest von Leben in den Blättern. Lebendige Zeit ist jedoch für die grauen Herren unbekömmlich. Darum zünden sie ihre Zigarren an und rauchen sie: denn erst in diesem Rauch ist die Zeit nun wirklich ganz und gar tot. Und von solcher toten Menschenzeit fristen sie ihr Dasein.“

Michal Ende, Momo, K. Thienemanns Verlag, 1973

"Ich bin für meine Rose verantwortlich…", wiederholte der kleine Prinz in der gestrigen Nachtgeschichte und trotz aller Achtsamkeit und gutem Willen scheint es den Zeitdieben von Zeit zu Zeit doch zu gelingen, uns unsere wahre Zeit zu stehlen.

Die abstrakte Zeit, die tagtäglich uns entfliesst, scheint es uns auch nicht gerade leicht zu machen, auf sie aufzupassen, mit ihr verantwortlich umzugehen oder sich überhaupt verantwortlich zu fühlen.

Wer ist überhaupt Täter und wer ist Opfer in diesem Räuber und Gendarm Spiel, das wir Tag für Tag auf unserer Reise durch das Leben inszenieren.

Jeder von uns geht davon aus, die kleinen oder großen Zeitdiebe in seinem Leben zu kennen. Ist dies wirklich so? Können wir wirklich noch ruhigen Gewissens den Bock vom Gärtner unterscheiden?

Versuchen sie heute im Laufe des Tages für sich die kleinen oder großen Zeiträuber zu stellen, schenken sie ihnen nicht zuviel Aufmerksamkeit, sondern notieren sie sie sich einfach auf ihrem ganz persönlichen Entwurf für einen Zeiträuber-Steckbrief.

Denn vielleicht ist es nicht nur die Zeit, sondern etwas viel wertvolleres, das das Verlangen unserer kleinen und großen Zeitdiebe schürt.

Es könnte uns auch nach 3 Tagen der Beschäftigung mit dem Phänomen Zeit von Hilfe sein, das eine von dem Anderen zu unterscheiden. Wir werden sehen …

 

Am Mittag

Drei Brüder wohnen in einem Haus
die sehen wahrhaftig verschieden aus,
doch willst du sie unterscheiden,
gleicht jeder den anderen beiden.

Der erste ist nicht da, er kommt erst nach Haus.
Der zweite ist nicht da, er ging schon hinaus.
Nur der dritte ist da, der Kleinste der drei,
denn ohne ihn gäb’s nicht die anderen zwei.

Und doch gib’s den dritten, um den es sich handelt,
nur weil sich der erste in den zweiten verwandelt.
Denn willst du ihn anschaun, so siehst du nur wieder
immer einen der anderen Brüder!

Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer?
Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar – keiner?

Und kannst du, mein Kind, ihre Namen mir nennen,
so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen.
Sie regieren gemeinsam ein großes Reich –
und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich.

Michal Ende, Momo, K. Thienemanns Verlag, 1973

 

Am Abend

Sie können sich bestimmt noch an die Dalton Brüder erinnern oder? Diese vier Ganoven – Joe, William, Jack und Averell – die unserem Comic-Held Lucky Luke tagein und tagaus das Leben schwer machen. Von Zeit zu Zeit scheint sich Lucky Luke aber auch köstlich über diese vier Ganoven zu amüsieren und wenn er es Recht betrachtet und sie im Zaum halten kann, machen sie für ihn auch das Salz in der Suppe aus. Doch eine Brise Salz zu viel macht alles ungenießbar.

Als ich in den letzten Tagen immer häufiger über die Zeitdiebe nachdachte und nach langer, langer Zeit einmal wieder Michael Endes „Momo“ gelesen hatte, begannen sich diese grauen, düsteren und Angst einflössenden, kalten und grauen Herren in ihren Schlapphüten immer mehr in meinem inneren Augen zu den Daltons zu verwandeln. Nein, es waren die Daltons, es musste sich gar nichts mehr verwandeln. Alle vier hüpften zwischen meinen Beinen umher, aus meinem Filofax rein und raus, in die Planungen des Tages und schienen sich quietsch fiedel in ihrem Dasein zu fühlen und ich begann zwangsläufig zu lachen. Was war passiert?

Die Zeitdiebe benötigen zum Überleben bekanntermaßen unsere wahre Zeit, unser Hier und Jetzt oder einfach schlicht unsere Gegenwart. Die olle Vergangenheit ist unverdaulich und hat keinen Nährwert für die Zeitdiebe, die Zukunft ist zu unreif, schmeckt noch nicht und ist nicht greifbar. Also dann nichts wie ran an unsere Gegenwart und unsere Aufmerksamkeit, oder doch nicht?

Rückblickend, wenn man sie einmal erkannt und gestellt hat, verwandeln sich alle Zeitdiebe in etwas anderes und man fragt sich, wie waren diese Gesellen eigentlich die ganze Zeit dazu in der Lage, mir meine Zeit zu stehlen.

Ich denke es ist wie bei allem in unserem Leben, wenn wir unsere Verhaltensmuster nur unzureichend kennen, öffnen wir den bösen Buben, die ihr Handwerk meistens doch sehr trefflich beherrschen, Tür und Tor. Mit der Zeit und unserem besseren Verständnis, wird es jedoch für sie immer schwieriger uns zu überlisten und auszutricksen.

Die Daltons gefallen mir als Bild sehr gut, da sie sehr trefflich meine eigenen leidlich bekannten Zeitdiebe charakterisieren.

Schauen wir uns die Herrschaften doch mal genauer an:

Joe Dalton: der kleinste und älteste der Daltons. Der gute alte Joe ist durch und durch Choleriker, hat häufig Wutanfälle, hält sich für den größten und hasst nicht nur Luke Luke, sondern auch Rantanplan, den kleinen drolligen Hund. Zu guter letzt wäre da auch noch Joes Mutter, auf die er immer zu beleidigt reagiert, da sie angeblich den jüngsten und trotteligen Averell bevorzugt. Was Mutter Dalton jedoch nicht davon abhält den „größten Ganoven des Wilden Westens“ von Zeit zu Zeit mal ordentlich übers Knie zu legen.

Joe könnte also mit gutem Recht als das Alpha-Tierchen der Daltons bezeichnet werden. Kennen wir nicht alle den einen oder anderen Joe in uns selbst oder in unserer Umgebung? Bleiben sie mir bitte mit einem schmunzelnden Auge erhalten, um die Ecke lauert nämlich schon Joe der Zeitdieb. 

 

Die Wut, die schlechte Laune, das Beleidigt sein oder der eine cholerische Anfall hier und dort und schwups die wups ist der Augenblick dahin. Ohne sich allzu sehr anzustrengen kann man diesen Moment dann auch noch dehnen und die nächsten Tage und Wochen außer Rand und Band sein. Ein paar Türen aus den Angeln heben und siehe da, wo ist die Zeit nur geblieben? Es gibt sie in mannigfaltiger Ausprägung, mal begegnet uns Joe von außen, mal schaut er uns von der eigenen Schulter zu und lenkt unser Empfinden. Wie auch immer, das Ergebnis bleibt das gleiche, ob von außen angeliefert oder selbst gemacht. Joe der Zeitdieb hat so oder so gesiegt, für das erste. Wir können oder sollten uns an dieser Stelle auch einmal ruhig fragen, warum es diesem Fiesling immer wieder gelingt, uns so unsere Zeit zu stehlen. Irgendetwas muss da ja sein, dass uns immer wieder bannt und uns innehalten lässt in einem für uns doch durch und durch negativen Gefühl. Irgendwie muss Joe ja bedeutsam sein für uns, dass er solche Macht besitzen kann.

Ich möchte Ihnen als Gedankenhilfe noch ein Geschichte eines anderen Joes erzählen, der mich mal fast drei Tage lang fortwährend beraubt hat – meiner Sinne, meiner Balance und am Ende meiner ganzen Zeit.

Auf einer mir sehr bedeutsamen Veranstaltung tauchte Joe das Alphatier auf, chic, erfolgreich, mächtig und mit Entourage. Lange Einladungen waren voran gegangen, auf die nie reagiert wurde, und hier war nun der umworbene Gast, pünktlich wie Sie wissen schon. Der erste und für mich leider dann auch der letzte Gast, den ich noch bei vollem Bewusstsein wahrgenommen habe. Da stand er nun und sprach einen für mich damals – ich kann mich heute wirklich nicht mehr erinnern was es war – vernichtenden Satz und schwups die wups war sie weg die Zeit samt guter Laune, Gelassenheit und Gleichmütigkeit. Der Abend war eine einzige Katastrophe, die anderen Gäste sahen das selbstverständlich anders, nur ich nicht. Diesem Abend sollten noch zwei Tage des Missmuts folgen, in denen ich nunmehr vom Joe Virus befallen, ähnliche Effekte bei anderen Gelegenheiten und einzelnen Personen hervorzurufen in der Lage war. Ich habe Joe bei späterer Gelegenheit einmal wieder getroffen und musste es unbedingt loswerden, egal wie peinlich es auch auf den ersten Blick zu scheinen mag. Verflucht, dieser alte Ganove konnte sich, wie ich heute, gar nicht mehr an den Satz erinnern, sondern entschuldigte sich fast noch, da ich en passant an seinem Schnellkochtopfventil vorbei gekommen wäre. Tagelang schleppte ich diese graue, kalte Gestalt in meinen Gedanken hin und her. Kein Platz, kein Anlass war frei davon. Bis dieser Filmriss mir bewusst wurde und ich merkte, dass ein Satz, eine Minute ausgereicht hatte, um als einziger Tropfen meinen kompletten Lebensfluss zu trüben. Ich war verrückt von einem Satz und musste lachen. So wurde Joe Dalton der Zeitdieb in mir geboren. Weil irgendwie ist er ja schon ziemlich dämlich der Gute. Auch René Goscinny, der Schöpfer der Daltons, hat aus gutem Grund auch immer Joe als den dümmsten der Brüder bezeichnet, obwohl er in fast jeder Luke Luke Geschichte nahezu alle Pläne schmiedet und oberflächlich betrachtet der intelligenteste der Brüder zu sein scheint.

Dann haben wir noch Willliam und Jack oder Jack und William, die beiden tauschen ab und wann auch selbst die Namen und liegen sowohl im Alter als auch was die Intelligenz betrifft, irgendwo zwischen Joe und Averell, wie die Bulette zwischen den Brötchenhälften. Bitte nicht mit dem dritten Weg verwechseln! Die beiden spielen in den Luke Luke Geschichten meist nur eine, aber dafür bezeichnende Nebenrolle. Meist beschränkt sich diese weitestgehend darauf, Joe davon abzuhalten, Averell zu erwürgen. Wie auch immer, für mich sind die beiden wie die zwei Seiten ein und der selbigen Münze und daher zu einer Person in meinem Kopf verschmolzen. Manchmal muss man leider auch im Doppelpack ertragen. Wir kennen sie alle aus unserem eigenen Leben, Sie vielleicht gerade noch nicht, aber ich werde Ihnen ein wenig auf die Sprünge helfen. Jack und William sind durch und durch Gutmenschen. Sie meinen es immer gut und selbst wenn man sie anfleht, dies doch bitte mal einzustellen, werde sie sich darum einen feuchten Kehricht scheren. Das Ergebnis ihres Gut-Meinens müssen sie dann aber leider selbst auslöffeln, das haben sie sich nach Jack und Williams Meinung nun mal selbst genommen. Der eine der beiden wird immerzu traurig, verlassen, ungeliebt und fern welcher auch immer gearteten Heimat sein – meistens wissen sie selbst nicht, was sie mit Heimat meinen – und Ihnen seinen psychischen Müll in regelmäßigen Zeitabständen vor Ihre Haustür abstellen. Bis dahin noch nicht so schlimm. Schlimm wird es natürlich, falls Sie – und glauben Sie mir, Sie werden zuhause sein, sonst würde eine andere Haustür gesucht – „aus versehen“ auch die Tür zu ihrer Seele gerade mal wieder Sperrangel weit offen haben. Schwups da ist nun der ganze Kram, Jack und William sind dann meist schon wieder fort, wenn sie mühsam ihren eigenen psychischen Haushalt wieder auf Vordermann zu bringen versuchen. Leider ist mit Jack und William jedoch auch ein großer Teil ihrer Zeit verschwunden, denn die beiden können es halt einfach nicht lassen, in ihrem Zeitglas zu fischen.

 

Dann verkleiden sie sich aber auch gerne mal als Saubermänner und bieten doch mal hier und da ungefragt an, Ihnen mal ein bisschen in Ihrem Leben unter die Arme zu greifen, ein bisschen in ihrem Keller zu wühlen und ein wenig nach dem Rechten zu schauen.

Dass Sie hierdurch ein wenig unfreiwillig oder auch nicht Ihre Handlungsfähigkeit eingebüsst haben, ist halt leider der kleingedruckte Nebeneffekt, und ohne dass Sie sich versehen haben, werden Sie nun gezwungenermaßen halt behandelt. Die eigene Aktivität und eigene Bewegung durch unser Leben leistet aber nun mal einen großen Beitrag zu unserem Erkennen, unserem Wachsen und Wohlbefinden. Das interessiert die beiden Brüder aber nicht. Abgesehen natürlich von der Zeit, die Sie jetzt natürlich damit beschäftigt sind, sich wieder frei zu schaufeln und/oder sich für die ungefragte Hilfe zu bedanken. Schwups, da ist Ihnen doch mir nichts dir nichts soviel Gutes widerfahren und die eine oder andere Zeit dabei mal wieder entschwunden.

Ich rede hier von den Vollprofis, den Afficionados des Mitgefühl und des Erbarmens. Selbstverständlich geht es jedem von uns einmal schlecht und wir werden unseren psychischen Müll auch gerne mal mit einem Freund oder eine Freundin besprechen. Zum Unterschied von Jack und William nehmen wir ihn jedoch am Ende des Gesprächs auch wieder mit. Das gleiche gilt natürlich auch für das Thema Mitgefühl und Anteilnahme, aber wie schon betont, wir machen hingegen hoffentlich lange vor der Entmündigung unseres Gegenübers Schluss und haben vorher auch das Einverständnis des Anderen eingeholt.

Nun zu Averell, dem größten, aber auch dümmsten der Dalton Brüder. Mit Ratanplan verbindet ihn seine Verfressenheit. Ich würde Averell nicht als verblödet, sondern eher als einfältig beschreiben. Er selbst weiß davon, es macht ihm aber nichts aus, da er sich im Gegenzug für den Schönsten der Brüder hält. Gerade seine fast kindliche Einfältigkeit führt dazu, dass er hier und da auch die eine oder andere geniale Idee entwickelt, auf die die Brüder selbstverständlich, zu ihrem eigenen Leidwesen, nicht hören. Averell besitzt im Gegensatz zu seinen Vollblut-Ganovenbrüdern immer auch ein gutes Herz und eine ehrliche Seele. Alles Eigenschaften, die Averell für mich nicht nur sympathisch machen, sondern landläufig auch als guten Eigenschaften des Menschen gelten, wäre da nicht dieses vermaledeite Einfältigkeit oder sprichwörtliche Doofheit.

Die Seele baumeln lassen, ein x gerade sein lassen, oder auch mal mit kindlicher Neugier durch das Leben zu ziehen. Das sind Eigenschaften, die das wahre Leben auszeichnen. Ja wenn, wenn man das eine von dem anderen zu unterscheiden vermag. Wenn aus diesen wertvollen Stunden der kindlichen Offenheit jedoch ein zwanghaftes Dudidu des Lebens wird und auf Grund fehlenden geistigen Tiefgangs nicht mal mehr an der Oberfläche des Vermeintlichen gekratzt werden kann, dann – Sie ahnen es bereits – haben wir ganz schnell unseren dritten Zeitdieb im Bunde gefunden.

Wie jede Kategorisierung und symbolhafte Ordnung eines Problems ist auch die meine nur unzureichend. Für meine Person reichen drei oder vier, wie man es auch immer betrachten will, verschiedene Zeitdiebe aus, um all die kleinen und großen Stehlereien darunter zu subsumieren.

Ich rate Ihnen, machen Sie es frei nach Robert Gernhardt, schmeiß alle drei aus deinem Haus sonst weinst du dir die Augen aus.

Unsere Zeit, unsere wahre Zeit, ist nämlich etwas ganz einzigartiges und kostbares, die es Wert ist, darum zu kämpfen und die es uns im Rahmen unserer Möglichkeiten zu beschützen und zu bewahren gilt.


In der Nacht

Allmählich begriff Momo, dass jede Blume immer ganz anders war als alle vorherigen, und dass ihr jeweils diejenige, die gerade blühte, die allerschönste zu sein schien.

Immer rund um den Teich wandernd, schaute sie zu, wie Blüte um Blüte entstand und wieder verging. Und es war ihr, als könne sie dieses Schauspiels niemals müde werden.

Aber nach und nach wurde sie gewahr, dass hier immerwährend noch etwas vorging; etwas, das sie bisher nicht bemerkt hatte.

Die Lichtsäule, die aus der Mitte der Kuppel hernieder strahlte, war nicht nur zu sehen – Momo begann sie nun auch zu hören!

Anfangs war es wie ein Rauschen, so wie von Wind, den man fern in den Wipfeln der Bäume hört. Aber dann wurde das brausen mächtiger, bis es dem eines Wasserfalls glich oder dem Donnern der Meereswogen gegen eine Felsenküste.

Und Momo vernahm immer deutlicher, dass dieses Tosen aus unzähligen Klängen bestand, die sich untereinander ständig neu ordneten, sich wandelten und immerfort andere Harmonien bildeten.

Es war Musik, die sie manchmal leise und wie von fern gehört hatte, wenn sie unter dem Sternenhimmel der Stille lauschte.

Aber nun wurden die Klänge immer klarer und strahlender. Momo ahnte, dass dieses klingende Licht es war, das jede der Blüten in anderer, jede in einmaliger und unwiederholbarer Gestalt aus den Tiefen des dunklen Wasser hervorrief und bildete.

 

Je länger sie zuhörte, desto deutlicher konnte sie einzelne Stimmen unterscheiden. Aber es waren keine menschlichen Stimme, sondern es klang ob Gold und Silber und alle anderen Metalle sangen.

Und dann tauchten gleichsam dahinter Stimmen ganz anderer Art auf, Stimmen aus undenkbaren fernen und von unbeschreibbarer Mächtigkeit.

Immer deutlicher wurden sie, so dass Momo nun nach und nach Worte hörte, Worte einer Sprache, die sie noch nie vernommen hatte und die sie doch verstand. Es waren Sonne und Mond und die Planeten und alle Sterne, die ihre eigenen, ihre wirklichen Namen offenbarten. Und in diesen Namen lag beschlossen, was sie zu tun und wie sie alle zusammenwirken, um jede einzelne dieser Stunden-Blumen entstehen und wieder vergehen zu lassen.

Und auf einmal begriff Momo, dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete.

Michal Ende, Momo, K. Thienemanns Verlag, 1973

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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