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„stundenbuch – Zeiten für Einkehr“: 1. Woche – Donnerstag

… von Ulrich B Wagner aus seinem "stundenbuch – Zeiten der Einkehr – 1. Woche – Kairos und Chronos auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

Nach den ersten vier Tagen – Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch – folgt heute: 

Donnerstag

 

Innehalten

Tage wenn sie scheinbar uns entgleiten,
Gleiten leise doch in uns hinein
Aber wir verwandeln alle Zeiten
Denn wir sehnen uns zu sein…

(Rainer Maria Rilke, Gesammelte Gedichte, Reihe Reclam, 2002)

 

Am Morgen

Tage, wenn sie scheinbar uns entgleiten, gleiten doch in uns hinein. Wenn alles ohne Bestand und ohne Zusammenhang an uns vorüberzuziehen scheint, unverständlich und sinnlos erscheint, könnte es nicht doch sein, dass wir für den fehlenden Puzzlestein des Lebensmoments einfach nicht genug Aufmerksamkeit hatten und dieser vom Türhüter unseres Bewusstseins einfach keinen Einlass erhalten hat?

Innehalten, sich vergegenwärtigen bedeutet immer auch den Blick neu auszurichten, das Erlebte neu auszuleuchten und in dem Abspielen des Films, diese eine Szene, diesen einen Puzzlestein mit anderen Augen zu sehen.

Es sein denn, man penetriert das Innehalten zu einem „stehenden Sturmlauf“ (Franz Kafka), einem unbewussten oder bewussten Wüten des Verstands, anstatt dem Gefühl den notwendigen Raum zu bieten, damit die Herrschaften einzutreten vermögen.

Der neugierige und wache Blick eröffnet andere Inhalte, als der Lauf einer alten Winchester. Anspannung und Entspannung zwei grundverschiedene Gemütszustände, die in einem Innehalten ausgedrückt und gesucht werden können.

So wichtig wie die Anspannung und Konzentration auf ein Ziel sein kann, so lässt sich das Ziel erst dadurch treffsicher erreichen, in dem der Weg dorthin entspannt wird.

Manchmal kann es hilfreich sein, wenn der Blick auf das eigene Leben sich in seinem Verstand verbohrt hat, dass ein Anderer, ein scheinbar Unbeteiligter unseren Blick verändert, in dem er uns die Möglichkeiten des Neu-Ausrichtens aufstößt.

Aber auch hierzu müssen wir uns öffnen und bereit sein. Denn auch der Andere kann nichts in uns erwecken, was nicht schon seit längerem in uns selbst seiner Entsprechung entgegen Warten würde.

Dem „stehenden Sturmlauf“ diametral entgegengesetzt ist dieses von mir gemeinte Innehalten, das eher einem Aufhorchen entspricht, einer äußeren Reizstille, die die Stimme in unserem Inneren wieder in ihrer ganzen Reinheit zum Klingeln bringt.

 

Am Mittag

An dieser Stelle verbinden sich diese Geständnisse mit einem Problem, das nicht nur Schriftsteller beschäftigt, sondern das allgemeiner Natur ist. Wann es besser ist loszulassen, als sich abzuzappeln und seinen Mitmenschen auf die Nerven zu fallen – vor dieser Entscheidung steht jeder im Lauf seines Lebens of genug. Wenn wir jung sind, bringt man uns als relativ simple Spielregel bei, nie aufzugeben, weil die Programme die wir abspulen, von Menschen ersonnen wurden, die vermutlich klüger sind als wir. Ich persönlich bin zu dem Schluss gekommen, dass man, wenn der eingeschlagene Weg immer zweifelhafter wird und einen das Gefühl beschleicht, dass die Lebenskräfte zu versiegen drohen, am besten jemanden fragt, sofern ein vernünftiger Ratgeber greifbar ist. Columbus tat es nicht, Lindberg konnte es nicht – weshalb meine Haltung auf den ersten Blick in ketzerischem Widerspruch zu jener Idee steht, mit er es sich am Angenehmsten lebt – mit der Idee des Heroismus. Aber ich trenne hier scharf zwischen dem Berufsleben, in dem nach der Lehrzeit allenfalls zehn Prozent der der Ratschläge, die man bekommt, noch etwas wert sind, und dem privatem und weltlichen Leben, in dem oftmals ein Außenstehender die Lage besser beurteilen kann als man selbst.
Vor nicht allzu langer Zeit, als meine Arbeit von so vielen Fehlstarts behindert wurde, dass ich dachte, nun sei endgültig alles aus, und es in meinem Privatleben noch trüber aussah, fragte ich einen alten Neger aus Alabama:
„Onkel Bob, wenn Du so schlimm dran bist, dass du keinen Ausweg mehr siehst, was machst du dann?“

Die Hitze vom Küchenherd, an dem er sich wärmte, kräuselte seinen weißen Backenbart. Wenn ich als alter Zyniker eine Platitude erwartet hatte, einen vielleicht aus Uncle Remus in Erinnerung gebliebenen Sinnspruch, wurde ich enttäuscht.
„Dann Mr. Fitzgerald“, sagte er, „gibt’s für mich nur eins – ich tu arbeiten.“
Es war ein guter Rat: Arbeit ist fast das Wichtigste von allem. Schön wäre es freilich; wenn es einem gelänge, nützliche Arbeit, von bloßer aufgewandter Mühe zu unterscheiden. Vielleicht ist das Teil der Arbeit: den Unterschied zu erkennen.
Womöglich sind meine häufigen einsamen Umrundungen der Aschenbahn etwas Konstruktives…

F. Scott Fitzgerald, One Hundred Falsstarts (Hundert Fehlstarts), deutsche Übersetzung Renate Orth-Guttmann in “Drei Stunden zwischen zwei Flügeln” und andere Meistererzählungen, Diegenes, 2006

 

Am Abend

In diesen Zeiten haben wir unser Gefühl, unser Vertrauen in uns verloren und damit unsere innere Zeitlichkeit. Wir sehen sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das fortwährende Zweifeln unseres Verstandes hat unser Vertrauen ersterben lassen und da wir nun einmal eins sind, hat dieses Absterben genau wie beim Ableben eines ungetrennten siamesischen Zwillings zwangsläufig den Tod des anderen infiziert, unser Gefühl erlähmt und damit ist das Schiff unseres Lebens auf einen Schlag führungslos.

Auf der spanischen Hochebene zwischen Carrion de los Condes und Sahagun einer kleinen alten fast mittelalterlichen Wegstrecke von ca. 38 km, scheint man es greifen zu können, wie nah doch Himmel und Hölle in einem zusammen liegen können. Eine Landschaft, der das Notdürftigste durch Leiden, Anstrengung und Selbstaufgabe abgerungen werden muss. Deren Sommer durch eine vom Himmel niederstechende Schar von Feuerschwertern und deren Winter durch eine jedes Leben verzehrende Kälte gekennzeichnet sind. Kleine Straßen, die sich erbarmungslos immer geradeaus durch die Landschaft eine Schneise schlagen, erweckten in mir nach Stunden des wollenden Vorwärts ans Ziel, eine immer größere Entfernung bei gleichzeitiger Annäherung. Landschaftsmomente erweckten den Eindruck des bereits Durchfahrenen, das sich schließlich in meinem Bewusstsein zu einem unaufhörlichen des im Kreis Fahrens zusammenfügte. Jede Bemühung erschien sinnlos und Leiden verlängernd.

War das bewusste oder unbewusste Absteigen vom Rad Aufblicken in den Himmel ein Instinkt oder eine Einsicht?

Wie auch immer durch den Stand der Sonne links über mir, fand eine Verortung im Raum stand. Geradelaufende Kurven verschwanden und machten einer Ebene Platz, in denen der Horizont zu verschwinden schien.
Ich hatte ermüdet am Weg und an mir den Kopf über den Lenker gesenkt und hatte über 70 km den Blick auf dem sich drehenden Vorderrad, das fortwährend in seiner Rollbewegung in meinem Bewusstsein den Eindruck des gleichzeitigen vorwärts und rückwärts abreiben an der Wegstrecke erzeugte. Es beschreibt sehr gut was ein stehender Sturmlauf bedeutet. Es war für mich in diesem Moment symbolhaft, umso mehr ich mich abmühte Vorwärtszukommen, umso weiter entfernte ich mich von meinem Weg. Andere Pilger, darunter viele Fußpilgerer, berichteten mir von ähnlichen Situationen des Aufblickens von einem monotonen gesenkten Blickes Vorwärtsstrebens in Verbindung mit einer tiefen Einsicht nach dem sie verzweifelt gegen den Himmel blickten.

Ich glaube, dass diese Momente auch maßgeblich für das Gefühl der spirituellen Erweckungen des Pilgerns auf dem Jakobsweg verantwortlich sind.

Mich hat es auf jeden Fall gelehrt von Zeit zu Zeit innezuhalten und aufzublicken, in den Himmel oder die Augen eines bedeutsamen anderen Menschen, um sich darin wieder neu zu verorten, um sich die Möglichkeit zu geben sich und seine Augen an dem Anderen neu auszurichten und damit den Blick wieder zu öffnen.

Vielleicht sind unsere Umrundungen der Aschenbahn genau dies, durch unser verkrampftes Abblicken erzeugte Umrundungen, die eigentlich eine sich schlängelnde Linie auf unser Ziel hin beschreiben?

Vielleicht sollten wir ein häufiger im Innehalten auch einmal Zeit zum Aufblicken finden? Denn auch was anfänglich als ein Kehrtmachen erscheint, kann sich später als eine schlängelnde aber konsequente Bewegung hin zu dem eigentlichen Ziel im Leben herausstellen.

 

In der Nacht

Es ist nicht schwer kehrtzumachen und noch einmal
von vorne anzufangen, besonders wenn niemand zusieht.

Das große Ziel aber ist es, ein, zwei gute Läufe hinzulegen,
wenn Zuschauer auf der Tribüne sitzen.

(F. Scott Fitzgerald, One Hundred False Starts*)

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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