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„stundenbuch – Zeiten für Einkehr“: Aufbruch – Vorüberlegungen Teil 1

… Ulrich B Wagner aus seinem "stundenbuch – Zeiten der Einkehr".

Wir starten mit den Vorüberlegungen zu diesem Buch. Der 1. Teil der Vorüberlegungen heißt: Aufbruch.

 

Mit dem Lesen dieser Zeilen, ist dieses Buch in ihr Leben getreten. Aus unterschiedlichsten Gründen sind sie vielleicht dazu verführt worden, dieses Buch in ihre Hände zu nehmen und sich damit zu beschäftigen. Vielleicht haben sie in einem Moment der Langeweile, in einem Übersprung von einer zu der anderen Tagesbeschäftigung, in einer leeren Zeit, diese mit dem Griff zu diesem Buch zu überwinden versucht. Oder vielleicht hat es eine Freundin/ Freund empfohlen, ihnen vielleicht geschenkt und nun in diesem Moment haben sie sich daran erinnert und für sich wiedergefunden, die Zeit gefunden oder auch die Zeit für sie selbst wiedergefunden sich auf das Vorliegende einzulassen. Vielleicht werde ich es eines Tages erfahren, welche Geschichte sie dieses Buch hat finden lassen und welche Geschichten sie hierauf für sich gefunden, wiedergefunden und in sich entdeckt haben. Manchmal ist es jedoch nicht die Zeit zu finden, der Augenblick, um etwas zu finden scheint selbst verloren und man schwebt in einer Zwischenzeit, einer lähmenden Bedrückung des Nicht-Wissens.

Das Alte, das bisher Bewährte und Alltagstaugliche verliert seine Elastizität, seine Sprengkraft und Gültigkeit und das Neue, das Befreiende und Lösende lässt sich einfach nicht Blicken. Es scheint verborgen und wenn wir für Sekundenbruchteile einen Hauch erhaschen, verfliegt uns das Neue wie die Blüten einer Pusteblume, alles scheint flüchtig und gefahrvoll.

Zu allem Überdruss scheint es uns nicht zu gelingen, von dem Alten im wahrsten Sinne des Wortes die Finger zu lassen und mit dem Mut des Verzweifelten versuchen wir mit inbrünstigem Wollen, die Vergänglichkeit des Lebens zu verneinen. Wir hängen sprichwörtlich in uns selbst fest und beginnen uns, da uns alle anderen Wege verschlossen scheinen, als wäre dieses Eingekerkertsein in das eigene Schicksal nicht schon genug, uns wie der Hamster im Rad um uns und um unser Dilemma zu drehen. Die nackte Verzweiflung lässt uns wie ferngesteuert und gegen jedes Gefühl der Barmherzigkeit und Nächstenliebe uns selbst gegenüber immer wieder die gleichen Verhaltensweisen durchführen und frei nach dem Motto: «die Hoffnung stirbt zum Schluss» auf ein anderes Ergebnis hoffen. So laufen wir, in uns selbst gefangen, wie der dämliche Hase aus der Fernsehwerbung unermüdlich mit seinen zwei Becken durch die Welt. In diesen Momenten bleibt uns nur zu hoffen, dass die Batterien langsam ihr Ende ankündigen und wir hierdurch zur Einsicht kommen. Ansonsten zwingen uns die Umstände dazu und wir müssen so oder so mühsam unsere ausgebrannten Energien wieder füllen. Doch diese Zwischenzeiten sind wichtig für uns, sie sind die Niemandsländer auf unserem Weg durchs Leben und beschreiben die Übergänge von einem Lebensabschnitt zu dem anderen. Es sind Niemandsländer wie wir sie zwischen verfeindeten Staaten kennen und einen Raum beschreiben der weder dem einen noch dem anderen zugehört.

In meiner Kinderzeit gab es beim Fangenspielen die Holas, Plätze der Unberührbarkeit und der Sicherheit, in denen man sich Ausruhen und Erholen konnte für das weitere Spiel. Sie kommen meinem Empfinden der Niemandszeiten und Niemandsländer sehr nah. Auch unser Leben schenkt uns diese Holas, doch meist erkennen oder verkennen wir sie in unserem Aktivismus und berauben uns so unserer Möglichkeiten zur Einkehr und dem bewussten Abschiednehmens, aber auch der Zeit um uns fit zu machen für das nunmehr vor uns liegende. Dieses Innehalten und Verweilen erscheint uns in unserer Zeit des ständigen Getriebenseins und der Anforderungen denen wir tagtäglich ausgesetzt sind unmöglich und das Einzige was uns einfällt ist noch mehr des Alten in noch höherer Geschwindigkeit durchzuhecheln. Zu oft verstehen wir Innehalten als Stillstand, als erste Anzeichen einer schweren Depression, die uns falls wir nicht unverzüglich zur Tat schreiten, lebensunfähig zu machen droht.

 

Fühlen wir uns noch in unserer Gesamtheit oder können wir uns sogar wahrlich erfühlen und dieses Fühlen dann auch aushalten? Sind wir uns selbst und unser Leben an sich im täglichen Trott nicht zu selbstverständlich und zu gewiss geworden? Schrecken wir nicht gerade in letzter Minute häufig vor dem bewussten oder unbewussten wichtigen Schritt zurück, da wir dieses Dazwischen der Freiheit nicht mehr auszuhalten vermögen?

Dieses Buch entstand, nein, das erste Bild, die Idee entstand in solch einem Moment des dazwischen Seins irgendwo auf dem Weg von Frankreich nach Santiago de Compostella, auf einem Weg, an dem die Berge des eigenen Lebens sich als unbezwingbare Riesen dem Radfahrer drohend entgegenstellen. Ich bin diesen Weg innerhalb von sechs Wochen zweimal gefahren, da auch mein Gefühl nicht von dem Vergangenen lassen konnte und ich es dann fast 2000 km durch Frankreich und Spanien hinterzuziehen verdammt war. Erst die Erschöpfung, das nicht mehr Wollen, die Einsicht des es reicht jetzt und zwar nicht nur mit dem Fahrradfahren, war es, das, ich nenne es flapsig, mein «Jetzt ist gut Gefühl» zu aktivieren in der Lage war. Zwar mochten sich zu diesem Zeitpunkt die realen Umstände immer noch nicht geändert haben und vieles war weder gut noch auf dem Weg hierhin gebracht. Doch für mich war es gut, es reichte und ich gab auf. Ich kapitulierte und im Moment des Nichtankämpfens geschah das Unglaubliche. Hatte ich vorher nur Landschaften gesehen, die bezwungen, überwunden und erledigt werden mussten, waren es nunmehr Möglichkeitsräume, die mich beschenkten und öffneten. Die Erschöpfung hatte meinen Widerstand gegen das Innehalten, das Loslassen gebrochen und mir meine Freiheit wiedergeschenkt.

Nicht die Umstände, die Zeit, die Anderen und alle möglichen Ablenkungsmechanismen waren präsent, sondern einzig ich in einem wieder Gewahrwerden des Lebens und des Rechtschaffenheitsgebens. Wie können wir diese Grenzüberschreitungen, diese Veränderungen jedoch im Alltag bewältigen, was könnte uns hilfreich sein dabei, bei einer gleichzeitigen Verinnerlichung und Einkehr die Seele nach außen wandern zu lassen und unseren Horizont zu öffnen?

Die Welt entsteht uns durch Symbole Zeichen, Bilder und Sprache. Die Sprachlosigkeit der Niemandszeit könnte also durch neue Symbole begreifbar, plastisch werden und so nachvollziehbar für unseren Verstand, der unserem unbewussten Fühlen gerade in den Zeiten der Veränderung von Zeit zu Zeit ein wenig hinter hinkt. Zwar findet dieser Prozess mit unserer ganzen Person statt, doch empfinden wir uns als getrennt. Entweder enteilt unsere Seele und unser Fühlen schon unserem Verstand, oder umgekehrt, so dass wir zwar mit der Vernunft um das zu Verändernde wissen, unser Gefühl uns jedoch daran hindert. Das innere Team hat sich noch nicht neu aufgestellt und gefunden, Teile von uns möchten das alles so bleibt wie es ist und andere Teile von uns würden gerne alles in einem großen Knall von Grund auf verändern. Ein kräftezehrender Guerillakampf zwischen fundamentalistischen Bewahrern und radikalen Veränderungswilligen hält uns Inneres in einem Zustand zwischen Lähmung und Explosion. Versöhne die Bilder! Doch wie, wenn uns diese Mischung aus getrieben Sein und Sprachlosigkeit am Innehalten hindert.

 

In solch einem Umbruchsmoment begegnete ich dem geistlichen Stundenbuch der katholischen Kirche wieder, das den lateinischen Titel «Liturgia horarum» führt und gemeinhin als Brevier bekannt ist und eine Anleitung zum Stundengebet an festen Ankerpunkten im Laufe des Tages bereithält: Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non,Vesper, Komplet und ist die kirchliche Antwort auf das Psalmwort: «Siebenmal am Tag singe ich dein Lob und nachts stehe ich auf, um dich zu preisen» vgl. Ps 119,62.164 und wurde so Vorbild für das hier vorliegende «weltliche» Stundenbuch. Das Paradoxon des sich Begrenzens und Entgrenzens zur selben Zeit schien mir hierdurch möglich. Es ging mir darum das Verschwinden der Grenzen und Zwischenräume aufzuhalten und mir meiner Eigenkonstruktion der Welt und des Lebens wieder bewusst zu werden.

So führte mich meine Reise über die Grenzen des Selbstverständlichen dazu, erneut über die Entstehung und den Sinn von Grenzen nachzudenken. Gerade in diesen Zeiten des Innehaltens, in denen das Leben nicht von außen bestimmt und vorgeschrieben wird und wir ganz auf unseren inneren Rhythmus als Ankerpunkt angewiesen sind, merken wir wie wichtig kleine, ganz persönliche Grenzpunkte im täglichen Lauf der Zeit für uns sein können. Ohne Grenzen, ohne diese Ankerpunkte besteht die Gefahr, dass unser Empfinden des Lebens zu einem bloßen Rauschen verkommt. Denn nur durch die Grenzen, die fluoreszierenden Marker des Lebens, entsteht Information, die für uns lesbar und deutbar wird. So möchte ich Ihnen mit Hilfe dieses weltlichen Stundenbuchs die Möglichkeit geben Innezuhalten und sich von ihrem Alltagsgeschehen abzugrenzen und an festen Punkten im Tag eine Hola zu finden oder wiederzufinden, in denen sich ihr Geist erholen und auf Reisen gehen kann, um über die bisherigen Grenzen hinaus Möglichkeitsräume zu eröffnen, in denen neues entdeckt und verlorenes wiedergefunden werden kann.

 Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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