Einsichten & Ansichten

The Rabbit lies down on Broadway. Oder: die vergessenen Ostereier des Christoph Kolumbus

Gechichten, Hass und Gewalt

Die Ereignisse rund um den 22. März 2016 in Brüssel machen uns sprach- und hilflos. Gerade dann braucht es Geschichten, die von Freiheit, Toleranz, gewaltfreier Kommunikation und ihren Grenzen handeln. Kolumnist Ulrich B Wagner hat sich zum heutigen Beitrag von „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET“ auf die Suche nach genau solchen Geschichten gemacht.

Aufgewacht aus sanften Träumen.
Mit einem müden Lächeln frei und fromm dem frühen Frühlingstag entgegen.
Ein buntes Osterei mit einem Tropfen Löwensenf im Stehen als Frühstückssnack.
Der Tag kann kommen.
Was kann mir denn jetzt noch groß passieren?

Sprach es aus und mit dem Blick auf unsere Neue Welt, sprang es mir entgegen:
Realität?! Ja, du bist es. Nein, Dich will ich nicht vernehmen.

Hass und Gewalt, Geschichten
Ereignisse wie jene des 22. März 2016 in Brüssel rücken Hass & Gewalt wieder in den Fokus. (Foto: © Ulrich B Wagner / 2016)

Es gibt Dinge im Leben, die uns komplett aus den Angeln heben, uns überwältigen, sprachlos und hilflos machen. Und das, obwohl sie absehbar, erahnbar, fühlbar und nur durch enorme, mehr oder weniger bewusste, aber auch große unbewusste Anstrengungen aus unserem Alltag verschwinden konnten: Hass & Gewalt.

Die Ereignisse rund um den 22. März 2016 in Brüssel sind solche, ohne Frage. Wie geht man damit um? Wie erklärt man dies? Nicht nur sich selbst, auch seinen Kindern? Geht all dies überhaupt und wenn, dann bitte wie?

Wo sind die Geschichten, die uns Mut verleihen?

Als ich noch ein ganz kleiner Junge war, saß mein Vater in solchen Momenten an meinem Bett, hielt mit der einen Hand die meinige, die andere in einem Buch verborgen und erzählte mir eine Geschichte. Eine Geschichte, die mich beruhigte, mir Hoffnung gab und mir Bilder schenkte mit denen ich schlafen, träumen, aber auch leben, nicht nur weiterleben, sondern das Leben auch als etwas Großartiges, etwas Wundervolles, Verborgenes, Mysteriöses und als große, große Geschichte verstehen konnte, die nur darauf wartet von mir entdeckt und gelesen zu werden. Die erfahrbar waren und dies es weiterzuschreiben gilt.

Ohne Geschichten können wir Menschen nicht leben. Auch wenn wir selbst noch nicht Worte haben, um selbst Geschichten zu erzählen, tun wir es ohne sie. Mit unseren Händen, unseren Füßen, dem Lächeln, den Augen, unserem ganzen Sein, beginnen wir , sie zu erzählen: Unsere (?) Geschichte.

Doch sobald wir auch nur ein wenig die Worte finden, also „wirklich“ sprechen können, wollen wir erzählen. Geschichten bestimmen unser Sein, unsere Historie und unsere Sicht von ihr. Doch heute, angesichts der Ereignisse der letzten Tage, wo ist sie, die Hand, die sanft in unserer liegt und uns „die Geschichte“ erzählt.

Es ist seltsam. Jahre später, wir können nicht nur laufen, uns selbst die Schuhe binden, haben selbst schon Kinder, denen wir von Zeit zu Zeit die Hand in die ihrige legen. Als Erwachsene brauchen wir noch mehr Geschichten: Um das Chaos, das uns umgibt, zu strukturieren, um hinter unserer Existenz einen Sinn zu finden, um unsere Sehnsüchte und Träume zu artikulieren.

Doch wo ist er hin, der Stoff aus dem nicht nur die Träume sind, sondern auch die Geschichten, die uns Sinn und Mut verleihen?

Wer klebt die Scherben wieder zusammen?

Nicht nur die Geschichte per se scheint angesichts dessen was uns umgibt am Ende angelangt, sondern auch das was es lohnt, erzählt zu werden. Die Geschichte und mit ihr die Geschichten unseres Seins scheinen sich aufzulösen, zu zersplittern und ihren Halt zu verlieren.

Als ich so dasaß, fiel mir ein alter Text in die Hände, den ich vor längerem in einer Zeitschrift fand, die 1839 in Berlin in der Zeitung für die elegante Welt, die Themen wie Literatur, Kunst, Mode und Theater, aber auch Themen wie Zimmerverzierung und Gartengestaltung behandelt. Politische Themen wurden zeitweise ausdrücklich ausgeschlossen! Was meines Erachtens ein … – sei’s drum!

Hier nun die Geschichte:

Unsere Liebesabenteuer uns zu erzählen ist jetzt nicht angesagt, lass mich aber bei dem Glauben liebe Freundin, es könne uns zum Ersatz für solche Mitteilungen werden, wenn wir den Gang, den die Liebe in einem vollen Einzelnen der Gegenwart zu nehmen pflegt, den sie im Verlauf der ganzen Menschheitsgeschichte genommen hat, aufmerksam miteinander verfolgen. In den Erfahrungen, die der Einzelne macht, wiederholt sich ja die Erfahrung der Menschheit, und ein jedes Einzelleben ist eine Weltgeschichte im Kleinen. Einem Kinde das in unserer Mitte heranwächst, werden freilich andere Gedanken eingeimpft, als die sind, die der Mann in der Kindheitsperiode der Welt hat, wir wissen ja aber wie das Kind mit diesen Gedanken umgeht. Ein christliches Kind bemalt seinen Gott, genauso so schön als es ein Heide tut und der Unterschied ist nur der, dass es [oder auch nicht; Anm. des Kolumnisten] in wenigen Jahren verarbeitet, was früher ganze Jahrhunderte ausfüllte. Wie konnten wir denn auch die alten Geschichten verstehen, wenn sie nicht ein Stück aus unsrem eigenen Leben wären? Unsre Geschichte (und unsere Geschichten) ist uns der Schlüssel zur Welt, aus unseren Liebesgeschichten verstehen wir die Metamorphosen der Liebe im Großen, nur treten uns aus der Weltgeschichte die Formen der Liebe vollendeter entgegen, denn wo finden wir denn den Einzelnen, der sie alle voll, kräftig, unverkümmert durchgefühlt hat? Den Meisten wird es ja nicht einmal so gut, eine Gestalt zu solcher Reife zu bringen, dass sie einer dichterischen Darstellung als Stoff dienen könnte“ (siehe auch).

Religion und Gewalt: Zwei unterschiedliche Dinge und doch so gleich

Geschichten bestimmen unsere Sicht der Welt. Doch die großen Erzählungen, die großen Geschichten der Menschheitsgeschichte sind religiöse, ob wir nun zum Kommunionsunterricht, in die Koranschule oder zum Studium der Thora aufbrechen. In ihrem Innersten, in ihrem Zentrum steht immer auch die Frage nach der Gewalt, insbesondere aber auch nach der von zahlreichen Mythen beglaubigten „Gründungsgewalt“, die am Anfang aller sozialen Gemeinschaften steht. Es war der große französische Anthropologe André Girard, der in seinem Klassiker „Das Heilige und die Gewalt“ darauf verwies, dass es das mimetische, nachahmende Verhalten auf der Basis der „erfahrenen“ Geschichten des Menschen ist, das aus jeder individuellen Begierde sogleich Rivalität und Gewalt erwachsen lässt. Da diese den sozialen Zusammenhalt bedroht, tendieren alle Gruppen zu stellvertretenden kollektiven Gewaltakten an einzelnen „Sündenböcken“, deren Opferung zu einem „heiligen“ Akt verklärt wird – dies ist der Ursprung des Heiligen und des Opfers zugleich.

Doch wie in allen religiösen Texten ist die in ihnen verborgene, maskierte Gewalt keineswegs symbolisch zu lesen: Denn Gestern wie Heute sind es reale, historische Gewaltakte, die sich in Ritus und Mythos heiligen und rechtfertigen: Hass & Gewalt von Menschenhand. Es liegt an uns diese Gewalt aus unserer Mitte zu verdrängen.

Neue Geschichten braucht das Land

Doch hierzu braucht es neue Geschichten. Geschichten, die von Freiheit, Toleranz, gewaltfreier Kommunikation und ihren Grenzen handeln. Erst dann können Bilder in uns entstehen, die uns auch eine friedvollere Realität erzeugen.

Geschichten aber die von allen verstanden und auch nicht nur für einen elitären Kreis geschrieben werden, wie es beispielsweise nicht nur die Akteure der „Zeitschrift für die elegante Welt“ taten, sondern wie es viele Schriftsteller, Maler, Kolumnisten und Journalisten aller Couleur noch heute tun.

Geschichten für alle Menschen, jeder Couleur und jeder Religion. Geschichten, die Lösungswege aufzeigen und wenn sie dies nicht können, zumindest zeigen, wie wir mit Komplexität und Unentscheidbarkeit umzugehen haben.

Gechichten, Hass und Gewalt
Es sind eben nicht die Geschichten von Hass und Gewalt, die uns verraten, wo der Hase „wirklich“ liegt. (Foto: © Jörg Simon / 2016)

Ob nun das bunte Osterei des Kolumbus, das der „Entdecker der Neuen Welt“ mit Gewalt auf den Tisch gehauen hat oder ob es nun das nicht minder berühmte Beispiel des Gordischen Knoten ist, der angeblich nur durch den Schwertschlag Alexander des Großen gewaltsam getrennt werden konnte. Es sind Geschichten der Gewalt, die uns am Ende des Tages jedoch nicht verraten, wo der Hase vielleicht „wirklich“ im Pfeffer liegt. Oder liegt er vielleicht gar schon am imaginären Broadway und wartet darauf, dass endlich seine Geschichte, die Geschichte eines neuen Miteinanders im gesellschaftlichen Kontext von uns endlich auch aufgeführt wird?

In diesem Sinne wünsche ich uns – auch mit Blick auf die Horrormeldungen – nicht nur frohe Ostertage, sondern auch den Mut zu unserer Freiheit, zu unseren Werten und Sehnsüchten zu stehen und sie im Rahmen und auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auch aktiv zu verteidigen.

Ihr Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner

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