Kolumnen

Time out! – Volkskrankheit Burnout

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

     Heute:   Time out! – Volkskrankheit Burnout
                   Der gesellschaftliche Kollaps?

 

„Wir haben immer wieder herausgefunden, dass ein Mensch
einmal ‚entflammt‘ gewesen sein muss, um auszubrennen“
                                                                 (Pines et al., in ihrer 1983)

 

Die Zeitungen und Zeitschriften sind voll davon. Es vergeht nicht ein Tag, an dem nicht über Burnout oder vermeintliche Burnout-Opfer in den Medien berichtet wird. Die vermeintliche Diagnose Burnout verläuft querbeet durch alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Das letzte prominente Opfer: Schalke-04-Trainer Ralf Rangnick, der Ende September 2011 sein Aus auf Schalke verkündete. Die Bild-Zeitung titelte prompt: Wie konnte es soweit kommen? Und gelangte nur wenige Zeilen weiter zu der verblüffenden Einsicht: Die Leidenschaft für den Fußball siegt über die Rücksicht auf Körper und Geist.

Leben wir alle in einer verheerenden Zeit der Burnout-Epidemie, oder brennt die Leistungsgesellschaft einfach nur aus? Warum gerade jetzt in dieser auffallenden Häufigkeit? Und überhaupt: Woher kommt dieser „Modebegriff“ überhaupt?

Wir führen dieses neudeutsche Wort Burnout wie selbstverständlich auf unseren Lippen. Jeder kennt mindestens einen Menschen, der unter Burnout leidet oder gelitten hat. Das gros der Menschen schüttelt angesichts der tagtäglichen Strapazen und des Kommunikationsoverloads verständnisvoll sein gestresstes Haupt.

In der Öffentlichkeit tauchte der Begriff Burnout wiederholt in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten auf im Zusammenhang mit Pflegeberufen. Zu größerer Popularität verhalf ihm dabei der Roman von Graham Greene aus dem Jahr 1960, mit dem Titel „A Burnt-Out Case“, in dem ein desillusionierter Architekt seinen Beruf aufgab, um anschließend im afrikanischen Dschungel als Aussteiger zu leben. In die Wissenschaft gelangte der Begriff Burnout durch Erfahrungsberichte von Betroffenen im Gesundheitswesen. Die ersten wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema wurden 1975 vom amerikanischen Psychiater Herbert Freudenberger und 1976 von der Sozialpsychologin Christina Maslach (University of California) geschrieben (siehe auch Wikipedia).

Als ich in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mein Psychologie-Studium begann, schwappte die Burnout-Welle das erste Mal auch in die psychologische Lehrpläne und Seminare. Burnout war die psychische Krankheit der helfenden Berufe, die zwischen ihrem hohen Anspruch und dem tagtäglichen Reibereien und Frustrationen regelrecht aufgerieben wurden/werden, und in der Folge ausbrannten.

In der deutschen Öffentlichkeit wurde Burnout Mitte der 80er Jahre bekannt, vor allem im Zuge der Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung des wegweisenden Artikels von Aronson et al. in der Zeitschrift Psychologie Heute.

Aronson, Pines und Kafry (1983, S.13) umschreiben Burnout als: (….) einen seelischen Zustand (…), der häufig bei Menschen eintritt, die mit anderen Menschen arbeiten (und zwar vor allem, aber nicht ausschließlich in helfenden Berufen), und die in ihren Beziehungen zu ihren Patienten, Klienten, Schülern oder Kunden, zu ihren Vorgesetzten oder Kollegen die Gebenden sind. Zu diesem Zustand gehören eine ganze Reihe von Symptomen: Man fühlt sich ganz allgemein elend – emotional, geistig und körperlich ermüdet. Man fühlt sich hilflos und hoffnungslos, man bringt keine Begeisterung für die Arbeit und keine Lebensfreude auf. Das Ausbrennen tritt meist nicht als Folge einzelner traumatischer Ereignisse auf, sondern als schleichende seelische Auszehrung. Tragischerweise betrifft es vor allem Menschen, die einmal besonders begeisterungsfähig und idealistisch waren. Wir haben immer wieder gefunden, dass ein Mensch einmal ‚entflammt’ gewesen sein muss, um ‚ausbrennen’ zu können.

 

Vereinfacht gesagt, definieren Aronson, Pines und Kafry (1983) Burnout als eine Erfahrung von körperlicher, geistiger und emotionaler Erschöpfung, die bis hin zur Depersonalisation (Zynismus, Ekel etc.) verläuft.

Laut einer AOK Statistik waren deutsche Arbeitnehmer im Jahr 2008 wegen Burnout-Symptomen bereits fast zehn Millionen Tage krank. Die Krankschreibungen mit dieser Diagnose hat sich allein von 2004 bis 2010 fast verzehnfacht.

Tickt hier wirklich eine gesellschaftliche Zeitbombe, oder haben wir vielleicht schlichtweg verlernt, unsere Grenzen zu akzeptieren? Burnout fällt nicht einfach so mir nichts, dir nichts vom Himmel herab wie eine göttliche Heuschreckenplage. Der Prozess verläuft schleichend. Es gibt Zeichen, leise, schwache anfänglich (Schlaflosigkeit, Unkonzentriertheit, Lustlosigkeit und Antriebsschwäche), die sich in der Folge immer weiter verstärken, bis sie schließlich zum finalen Time-Out, der Diagnose Burnout führen. Burnout kann uns alle treffen. Belastungen, wie Termin- und Leistungsdruck, sind wir alle ausgesetzt. Arbeitsverdichtung, häufige und kontinuierliche Störungen des Tages- und Arbeitsablaufs durch E-Mail und Telefon, sowie Zukunftsängste und Jobunsicherheit, sind für die meisten von uns keine Fremdwörter.

Aber?

Ist es vielleicht einfacher zu sagen: „Ich habe Burnout“, als zuzugeben, dass man schlichtweg einfach nicht fähig ist, sich Grenzen zu setzen, und diese dann auch zu beachten? Auf einer dieser vielen Postkarten mit Sinnsprüchen, wie sie uns auf Bahnhöfen und in Buchläden begegnen, fand ich neulich den bemerkenswerten Satz: Ich kenne meine Grenzen. Ich überschreite sie ja schließlich täglich!

Wir folgen der ständigen Erreichbarkeit, dem permanenten Erfolgsversprechen und dem vermaledeiten Tschaka!-Geschreie irgendwelcher schmieriger Motivationstrainer wie Lemminge dem Goldenen Kalb.

Es ist an der Zeit, dass wir das WYSIWYG (What you see is, what you get) aus den Anfängen des Computerzeitalters auf unser eigenes Leben übertragen, und lernen, von Zeit zu Zeit den Stecker zu ziehen. Oder sehen wir die Burnout-Falle doch nur als Entschuldigungsmechanismus?

Spitzenleistungen entspringen keinem permanenten Turboleben, sondern aus einem ausgewogenen Wechsel von Anspannung und Entspannung.

Wir haben es alle selbst in der Hand. Das einzige was uns fehlt, ist mehr Mut zum Ungehorsam, zum auch einmal Nein-Sagen können und nicht ständig verfügbar zu sein. Das eigene Leben und auch die Welt wird deshalb auch nicht gleich untergehen. Eine Erfahrung, von der mir persönlich die meisten von Burnout Betroffenen nach ihrer Genesung berichteten. Oder, wie das 11.Gebot besagt: Nimm Dich einfach mal nicht zu wichtig!

Denken Sie immer daran: Nur wenn der kollektive Wahn auch zu Ihrer Lebensmaxime entflammt, droht Ihnen auch das Ausbrennen. Lassen Sie Ihre innere Stimme nicht von dem Dauerrauschen der Medien verstummen. Hören Sie auf sich, auf Ihren Körper und Ihre Seele, den sie wissen bereits, was Sie am nötigsten brauchen: Ruhe und Gelassenheit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mehr Mut zu sich Selbst.

Herzlichst

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.