Kolumnen

Über das Verschwinden der Dinge

Manche Dinge verschwinden einfach – und wir sind froh darüber. Lebertran zum Beispiel. Andere Dinge verschwinden, und dadurch verändert sich unser Alltag und seine Geräusche. Wir werden wehmütig über das Verschwinden des Bandsalats im Kassettenrekorder, über das Verschwinden des Wählscheiben-Tuckerns am Telefon und über das Verschwinden des Klapperns, wenn man einen Brief in die Schreibmaschine tippt. In seiner heutigen Kolumne aus der Reihe „QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ philosophiert  Ulrich B Wagner über das Verschwinden.

 

 

Das ist der einzige Trost bei all diesen Irrungen und Verwirrungen – sie kommen, blähen sich auf, erbrechen sich und verschwinden wieder in der Geschichte menschlicher Irrtümer.

(Johannes Dyba)

Ein einziger schöner Klang ist schöner als langes Gerede.

(Joseph Joubert)

Die Milch macht’s?

Mitte der Woche war es mal wieder soweit. FOCUS ONLINE berichtet unter dem Titel Gesund oder ein Killer? Neue Studie: Zu viel Milch kann zu früherem Tod führen über eine Studie schwedischer Forscher, die herausgefunden haben sollen, dass das seit Jahrzehnten gehypte Grundlebensmittel auch nicht das ist, was es laut unserer Eltern angeblich sein sollte. Dinge kommen, Dinge verschwinden.

Doch wie viele von uns wurden über Jahre mit diesen Dingen malträtiert und in Angst und Schrecken versetzt. Wer erinnert sich beispielsweise heute noch an den Lebertran, mit dem uns die Großeltern zu starken Kerlen aufdopen wollten? Diese klebrige ölige Masse, ein dünnes, hellgelbes, vitaminreiches Öl, das aus der Leber von Kabeljau, Dorsch und verschiedenen Haiarten durch Pressen oder Erwärmen gewonnen wird. Aus unerklärlichen Gründen wurde es von sadistischen, selbst ernannten Gesundheitsaposteln in den 60er und 70er Jahren zur Medizin erklärt. Selbst die Wikinger waren zu ihren Kindern freundlicher und schmierten dieses Zeug lieber auf ihre Schiffsrümpfe, anstatt die wehrlosen Geschöpfe schon in den frühen Morgenstunden in einen minutenlangen Würgeanfall zu befördern.

Heute ist es die Milchschnitte, von den Klitschkos oder den Huber-Buam beworbenes Schokosahnetörtchen, das mit seinen 60 Prozent Fett- und Zuckeranteilen so manche Sünde aus der Konditorei ziemlich blass aussehen lässt. Auch sie wird verschwinden, da bin ich mir sicher. Ich werde ihr gewiss keine Träne nachweinen.

Dinge verschwinden halt. An manche denkt man von zu Zeit zu Zeit. Andere wiederum hat man in Folge schwerer Kindheitstraumata glücklicherweise ins große ewige Tal des Vergessens geschickt.

Mit den Dingen verschwinden auch ihre Geräusche

Für einen nostalgischen Abend taugen die einen oder anderen dann aber doch. Erinnern sie sich beispielsweise noch an ihre Sammlung von Musikkassetten und ihren alten Kassettenrecorder, vom legendären Walkman ganz zu schweigen? Sie eierten, verursachten von Zeit zu Zeit einen üblen Bandsalat, wurden mit Tesastreifen geflickt oder gaben, wenn man sie aus Versehen zu lange in der Sonne liegen ließ, den Musikstücken einen einzigartigen Sound. Heutzutage taugen sie gerade noch in dem einen oder anderen Kinderzimmer als Einstieg in die Musikwelt für die Allerkleinsten.

Oder das legendäre Klappern einer Olivetti Schreibmaschine, das, einmal gehört, für immer in unserem auditiven kollektiven Gedächtnis abgespeichert ist. Nicht nur Dinge verschwinden, mit ihnen verschwinden auch die von ihnen erzeugten Geräusche, die alltägliche Musik unserer Kindheit.

Geräusche wecken Erinnerungen, das war auch die Initialzündung für Jan Derksen und Daniel Chun aus Essen, die vergangenes Jahr mit dem freien Projekt „Conserve the sound“ nicht nur im Rahmen des Pilotförderprogramms „Innovative Audiovisuelle Inhalte“ von der Film- und Medienstiftung NRW gefördert, sondern auch mit dem Deutschen Kulturförderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft BDI e.V. ausgezeichnet wurden.

Ihre Internetseite www.conservethesound.de lädt auf eine spektakuläre Reise in die längst vergessene Welt untergangener und verschollener Klänge und Geräusche ein.

Vielleicht hilft es uns ja auch, mal wieder richtig hinzuhören, nicht nur für einen lustigen Ausflug in die Vergangenheit, sondern auch in unserem täglichen Miteinander.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Ulrich B Wagner, irrsinn, das positive denken
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Lesen Sie auch die vorherigen Beiträge zur Kolumne “QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” von Ulrich B Wagner:

Ein Hoch auf den Zynismus: Tabakkonzerne verbieten das Rauchen

Social Freezing… Über den Verlust des Augenblicks

Lauernde Dichtung: Über die zeitlose Magie des Buches

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