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Über Verlogenheit im Schafspelz

Noch einmal (lesen Sie auch seinen vorherigen Beitrag Multikulti ist kein Mixgetränk) befasst sich Ulrich B Wagner mit den Attentaten auf die Zeichner des Satiremagazins Charlie Hebdo. Beim Marsch der Millionen demonstrierten die Staats- und Regierungschefs Eintracht in der Unterstützung von Meinungs- und Pressefreiheit. Alles nur Show und große Verlogenheit, meint Wagner. Die Fotos – ein Fake. Die Botschaft – die größte Verlogenheit. Denn werden sie selbst von Charlie Hebdo verspottet, dann ist es mit der Meinungsfreiheit nicht mehr weit her. Statt Verlogenheit wünscht sich Ulrich B Wagner mehr Ehrlichkeit, Authentizität und Mut zur Veränderung – nicht nur, aber auch, von den Politikern.

In seinem heutigen Beitrag zur Kolumne “QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag” greift er die Verlogenheit scharf an.

 

Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden

Johann Wolfgang von Goethe

Manchmal ist eine Banane einfach nur eine Banane.

Unbekannt

 

 

Einverstanden, dass unsere Politiker, und allen voran unsere Staats- und Regierungschefs, die Massen nicht anführen, geschweige denn ein Teil davon sind, war uns wahrscheinlich auch schon vor dem letztem Sonntag hinreichend bekannt. Aber trotzdem bin ich von so viel Verlogenheit enttäuscht.

Früher half das Wünschen noch

Doch der Reihe nach. Eigentlich wollte ich über das Wünschen schreiben, nachdem wir jetzt, zwei Wochen nach dem Neujahrstag, mit voller Wucht wieder in der mehr oder weniger tristen Wirklichkeit unseres Daseins gelandet sind. Als wir noch Kinder waren, strahlten zu dieser Zeit noch die Augen von den an Weihnachten in Erfüllung gegangenen Wünschen. Es gab irgendwelche süßen Fabelwesen, denen wir unsere Wünsche und Träume anvertrauten, und die dann, wie durch Zauberhand, uns mit der Erfüllung dieser glücklich zu machen in der Lage waren. Die Geschichten, die uns unsere Eltern dann Abends erzählten, sie stimmten zwar nicht, sie bogen die Wahrheit – eine kleine Verlogenheit sozusagen -, aber sie verzauberten uns.

Und das ist nun aus und vorbei.

Enttäuschung statt Verzauberung

Statt Verzauberung stellt sich heute oft nur noch das Gefühl der Enttäuschung ein. Als die Bilder der Staats- und Regierungschefs, die vergangenen Sonntag in nie gesehener Eintracht Arm in Arm durch Paris marschierten und zu Anführern von mehr als einer Million Menschen wurden, die ihre Solidarität mit den Opfern des feigen Terroranschlags zeigten, um die Welt gingen, dachte ich noch: Oh, welch mutige Geste.

Verlogenheit statt Authentizität und Ehrlichkeit

Doch nein, alles nur Illusion. Ein kindlicher Traum, dem Wunsch entsprungen, dass diese schrecklichen Ereignisse von Paris auch zu mehr Ehrlichkeit und mehr Authentizität geführt haben.
Pusteblume. Stattdessen ein wunderschönes Gruppenfoto in einer Nebenstraße, die, was dem Fass noch den Boden ausschlägt, träumerisch gelegen am Place Leon Blum und in der Nähe der Metrostation Voltaire, wegen ihrer symbolischen Bedeutung ausgewählt wurde. Ich für meine Person denke, dass diesen beiden Herren angesichts dieser perfiden Inszenierung die Haare ausgefallen wären. Sei’s drum. Selbstverständlich bin ich mir darüber im Klaren, dass diese Ansammlung hochrangiger Politiker ein gefundenes Fressen für jeden Terroristen darstellt und in dieser Form nicht zu schützen gewesen wäre. Doch bedeutet dies wirklich gleich im Umkehrschluss, das es erlaubt ist, so zu tun als ob? Dass Verlogenheit gutgeheißen werden soll?

Wir sind Charlie? Alles nur Theater

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In ähnlicher Einigkeit zeigten sich Staats- und Regierungschefs im Gedenken an die Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo. (Bild: Juergen Jotzo / pixelio.de)

Auf einmal tragen sie sie wie eine Monstranz durch unsere Medienlandschaft, die Meinungs- und Pressefreiheit. „Wir alle sind Charlie“? Nein sind wir nicht, bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Alles nur Theater, geheuchelte Anteilnahme, große Verlogenheit. Alle sind Charlie, und zuallererst die abgebildeten Staats- und Regierungschefs? Nein! Vor den Anschlägen auf ihre Redaktion waren die Macher von Charlie Hebdo noch Schmutzfinke und Tintenteufel, wenn sie in ihrer unvergleichlich respektlosen und alles und jeden vom Sockel stoßenden Art ihre spitzen Bleistifte in die Wunden steckten, oder die oben beschriebenen Damen und Herren in ihrem Heft veralberten, das diese, allen voran der kleine Hereindrängler Monsieur Sarkozy, für ein kommunistisches Drecksblatt hielten.

Charlie Hebdo macht sich auch über uns lustig

Die meisten von uns sind nicht Charlie Hebdo, weil Charlie Hebdo mit seinem beißenden Spott alles und jeden, alle Religionen, alle Menschen und Politiker, unabhängig von Ethnie, Geschlecht oder Ideologie überzog. Deshalb wurde Charlie Hebdo auch von vielen Politikern kritisiert und, Meinungsfreiheit hin oder her, an den Pranger gestellt, wenngleich es „nur“ Radikalislamisten waren, die in einem Akt des Terrors soweit gingen, sie dafür tätlich anzugreifen.

Ehrlichkeit statt Verlogenheit!

Meinungsfreiheit bleibt Meinungsfreiheit. Alles andere, alles messen mit zweierlei Maß: Verlogenheit. Wenn wir jetzt von unseren muslimischen Mitbürgern fordern, dass die Meinungsfreiheit ein so hohes Gut ist, dass sie sich mit ihren religiösen Gefühlen gefälligst hinten anzustellen haben, sollten wir uns bitte gefälligst auch dann an dieses hohe Gut erinnern, wenn unsere Politiker diese im Namen der Sicherheit mit Füßen treten.
Wobei wir dann doch auch wieder beim Wünschen sind. Ich für meine Person, wünsche mir mehr Ehrlichkeit, mehr Authentizität, mehr Freiheitsliebe, mehr Mut zum Protest und weniger geheuchelte Anteilnahme. Vielleicht hilft das Wünschen ja dann doch wieder, wenn wir den Mut dazu haben, ein wenig verrückt zu sein. Denn wie Steve Jobs es auf den Punkt brachte: Denn die, die verrückt genug sind, zu glauben, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es auch tun.

Unsere Welt hat Veränderung dringend nötig, und falls wir doch Charlie sind, dann sollten wir etwas verändern, denn wir sind es der Welt schuldig.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Mut zur Veränderung

Ihr

Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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