Energie & Umwelt

Umweltfreundliches Frackingverfahren für Schiefergas – Interview mit Prof. Dr. Hofstätter der Montanuniversität Leoben

Im österreichischen Weinviertel wurde im November 2011 ein riesiges Schiefergasvorkommen in 4.000-6.000 Metern Tiefe entdeckt, das Österreich für die nächsten 30 Jahre zu 100% von Gasimporten unabhängig machen könnte. Derzeit werden lediglich 15% des österreichischen Gasbedarfs aus dem Inland gedeckt. Die Schiefergas-Förderung mittels der sog. Fracking-Technologie steht allerdings aufgrund der negativen Umweltauswirkung in scharfer Kritik. Der österreichische Energiekonzern OMV hat jedoch angekündigt, bei der Schiefergas-Förderung in Österreich ein neues, umweltfreundliches Verfahren einsetzen zu wollen. Die Technik des Aufbrechens der Gesteinsschichten (Fracking) bleibe die Gleiche, jedoch könne man auf die giftigen Chemikalien verzichten. Möglich macht das ein neues, bereits patentiertes Verfahren der Montanuniversität Leoben, das gänzlich ohne Chemikalien und auch ohne Biozide auskommt. Es werden lediglich Wasser, Sand und Maisstärke eingesetzt. Der Sand und die Stärke dienen dabei als Stützmittel zur Stabilisierung der aufgebrochenen gasführenden Schichten, damit sich die Poren und Risse nicht wieder schließen und das Gas entweichen kann. Das für das Aufbrechen benötigte Wasser soll vorher mittels UV-Licht keimfrei gemacht werden. Zudem werde das rückgeholte Nutzwasser wie auch das geförderte Gas über Pipelines in geschlossenen Kreisläufen transportiert. Das Wasser werde dann wieder aufbereitet, daher sei man nur bei den ersten beiden Bohrungen auf Frischwasser angewiesen, danach käme ausschließlich recyceltes Wasser zum Einsatz.

Zu der innovativen Technologie hat AGITANO, das Wirtschaftsforum für den Mittelstand, ein Interview mit Prof. Dr. Hofstätter von der Montanuniversität Leoben geführt.


AGITANO: Beim Fracking, der Förderung unkonventionellen Erdgases, wird Wasser mit Sand und giftigen Chemikalien gemischt, unter hohem Druck in die tiefliegenden Gesteinsschichten gepresst, um diese aufzubrechen und das Gas freizusetzen. In den USA, dem bislang einzigen Produzenten unkonventionellen Erdgases in großem Stil, hat es durch das Fracking bereits mehrfach Verunreinigungen des Grund- und des Trinkwassers gegeben. Frankreich und die Niederlande haben daher jüngst die Förderung unkonventionellen Erdgases mittels Fracking verboten. Herr Prof. Dr. Hofstätter, wie gefährlich schätzen Sie die Folgen der derzeitigen Fracking-Verfahren ein?

Im Prinzip gilt bei diesem Verfahren das Gleiche wie bei allen anderen Arbeiten auch: Ehe das Projekt angegangen wird müssen im Vorfeld die Hausaufgaben sauber durchgeführt werden, das heißt  eine genaue Planung aller Details ist zwingend erforderlich. Dies gilt insbesondere auch für den Grundwasserschutz. Anhand vieler tausender Fracs lässt sich bestätigen, daß dies sehr wohl möglich ist, vorausgesetzt daß die Arbeiten entsprechend sorgfältig durchgeführt werden.

Es gibt noch einen weiteren großen Kritikpunkt: Neben der Verwendung giftiger Chemikalien werden derzeit auch große Mengen Wasser verbraucht, um die Gesteinsschichten aufzubrechen. Dieses Wasser muss im Nachgang entsprechend aufbereitet und entsorgt werden. Über welche Mengen wird hier gesprochen und wo landet das Wasser anschließend? Ist es möglich, die Chemikalien aus dem verwendeten Wasser vollständig zu entfernen?

Abhängig von der Anzahl der Fracs und von der Größe werden mehrere tausend Kubikmeter Wasser benötigt. Das ist in unseren Breiten aufgrund des Wasserreichtums in der Regel kein Problem. Die heutige Aufbereitungstechnik erlaubt sogar aus Schwarzwasser (Fäkalienwasser) Trinkwasserqualität herzustellen, das heißt die verbrauchten Wässer können entweder durch einen konzessionierten Entsorger übernommen werden oder in eine Erdöllagerstätte rückgeführt werden. Viel wichtiger erscheint mir allerdings zu hinterfragen, ob die eingesetzten Chemikalien alle tatsächlich notwendig sind oder hier etwa umweltfreundliche und unbedenkliche Ersatzprodukte Anwendung finden können.

Tiefe Geothermiebohrungen haben vor einigen Jahren vermutlich zu Erdbeben in Basel geführt. Es wird befürchtet, dass die Förderung von unkonventionellem Erdgas in ähnlicher Weise geologische Probleme auslösen kann. Wie groß ist die Gefahr und wie heftig können die Beben ausfallen?

Ich glaube daß diese Ängste nicht wirklich bestehen müssen. Wir können durch Hydraulisches Fracturing nur marginale und kaum wahrnehmbare Mikrobeben auslösen. Diese können auch nur von empfindlichen Geophonen wahr genommen werden, nicht jedoch von Menschen. Jeder vorbeifahrende LKW würde ein stärkeres Beben verursachen.
 
An der Montanuniversität Leoben wurde kürzlich ein neues Frackingverfahren entwickelt, das ohne Chemikalien und mit deutlich weniger Wasser auskommt. Können Sie uns die Details erklären?

Wir sind mit unseren Forschungsarbeiten noch nicht fertig, aber eines kann ich Ihnen verraten, wir werden ausschließlich umweltfreundliche und völlig unbedenkliche Materialien verwenden. Bakterien lassen sich zum Beisiel auch mit UV Licht oder Ultraschallwellen abtöten. Wir können also durchaus eine chemische Lösung (Bakterizide) durch eine physikalische ersetzen. Aber das ist ja auch nicht wirklich neu.

 

Ist das Verfahren schon industriell einsetzbar, oder bedarf es noch weiterer Forschungsarbeit? Ab wann rechnen Sie mit dem Einsatz des neuen Verfahrens?

Nein, wir sind noch mitten in der Arbeit, für die wir voraussichtlich noch ca. zwei Jahre brauchen werden.
 
Das neue Fracking-Verfahren ist unbestreitbar umweltverträglicher als die bisherigen. Wie sieht es mit den Kosten aus, ist es billiger oder teurer? Kann Ihre Universität daran verdienen, oder geben Sie die Technologie kostenlos aus der Hand?

Ich möchte der industriellen Anwendung nicht vorgreifen, aber der reduzierte Einsatz von Additiven sollte das Verfahren nicht nur umweltfreundlicher sondern auch kosteneffizienter machen. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, daß wir diese Technologie allen frei zugänglich machen sollten. Damit hat niemand das Argument diese umweltfreundliche Lösung nicht anwenden zu können, weil die Lizenzkosten zu hoch sind.
 
Abschließende Frage: Die geschätzten Vorräte an Schiefergas sind enorm: Großbritannien könnte sich damit beispielsweise 64 Jahre selbst versorgen, Österreich über 30 Jahre und Deutschland 20-25 Jahre, so schätzt die US Energy Information Administration (EIA). Kann man dieses große Potential überhaupt noch ignorieren? Immerhin haben die 27 EU-Staaten zuletzt mehr als 400 Milliarden Euro für den Import nicht-nachwachsender Rohstoffe ins Ausland überwiesen, der Löwenanteil entfällt dabei auf die Energieträger Öl und Gas. Das Geld wäre ein Segen, wenn es innerhalb der EU verbleiben könnte. Wie lange dürfte es dauern, bis sich die europäischen Länder zumindest von den teuren Gasimporten unabhängig machen können, mit entsprechenden positiven Effekten für die Haushalte und den Arbeitsmarkt?

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit den unkonventionellen Lagerstätten in Europa bis dato noch keine ausreichende Erfahrung haben und derzeit auch noch kein wirtschaftliches Projekt bekannt ist. Dementsprechend schwierig ist es, heute verläßliche Ziffern zu nennen. Aber wenn die genannten Reserven wirklich vorhanden sind und wirtschaftlich gewinnbar sind, dann wäre das ein gewaltiger Schritt in puncto Versorgungssicherheit für die gesamte EU.
Die vollständige Unabhängigkeit von Öl- und Gasimporten der gesamten EU sehe ich allerdings als mittelfristig nicht realisierbar an.

Herr Prof. Dr. Hofstätter, vielen Dank für das Interview!

 

(Das Interview führte Marc Brümmer, Redaktionsleiter von AGITANO, dem Wirtschaftsforum für den Mittelstand)

 

Weiterführende Informationen zum Thema Fracking und Schiefergas finden Sie in folgenden Beiträgen der AGITANO-Redaktion:

Neutraler Expertenkreis stellt "Risikostudie Fracking" vor (Link)

Schiefergas: Hessen fordert einheitliches Vorgehen der Bundesländer bei der Bewertung der Umweltverträglichkeit von Fracking (Link)

Entscheidung über riesiges Schiefergas-Fracking in Österreich spitzt sich zu (Link)

Österreich streitet weiter über riesiges Schiefergasvorkommen – OMV beruhigt (Link)

Ukraine besitzt die größten Schiefergasreserven Europas – Tauziehen der EU und Russlands um den Billionenschatz (Link)

(mb)

 

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