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Unseligkeit oder der Versuch über die Liebesblödigkeit

 … aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET  – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nach „Stress und Freiheit, eine stille Danksagung an Uli Hoeneß“ folgt heute: „Unseligkeit oder der Versuch über die Liebesblödigkeit“.

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Ich war zockerverrückt, dann war ich in der Spirale der Unseligkeit

Uli Hoeneß

„ […] leide ich inzwischen an Liebesverblödung? […] Vermutlich sehnt sich meine Sehnsucht nach etwas, was es nicht gibt. Dieses fantastische Moment wäre (ist) der Kern der Liebesverblödung. Ich benutze den Begriff Liebesverblödung, als wüsste ich, was Liebesverblödung ist […] In diesen Augenblicken macht mein Bewusstsein aus dem Wort Liebesverblödung das Wort Liebesblödigkeit. Auch dieses Wort habe ich noch nie gehört.“

Wilhelm Genanzino, Die Liebesblödigkeit

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Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Es gibt Momente im Leben, in denen einfach alles in Schutt und Asche liegt und der Allerwerteste schon mehr als zur Hälfte über der Klippe hängt. Vom Kopf an dieser Stelle ganz zu schweigen, der angesichts der vermaledeiten Blödigkeit schon seit längerem den Dienst quittiert hat.

In der Regel sind solche Mitternächte der Seele schlicht und einfach der Liebesblödigkeit geschuldet. Oder, um es etwas poetischer mit dem berühmten Satz des Polizeibeamten Jackal aus Alexandre Dumas Roman „Die Mohikaner von Paris“ auf den Punkt zu bringen: „Il y‘a une femme dans toutes les affaires; aussitôt qu’on me fait une rapport, je dis: Cherchez la femme!

Die weiblichen Leser unter Ihnen verzeihen mir hoffentlich diesen kleinen Einschub. Sei’s drum.

Was macht es uns am Ende des Tages eigentlich so schwer, die Wirkungsmacht der Gefühle anzuerkennen, ihre Schlagkraft und Durchschlagkraft. Als Gefühle beleidigen sie, nur zu oft, unsere Rationalität; als kollektive Gefühle unsere Individualität; als unbeabsichtigte Gefühle unseren Willen, die Wirklichkeit zu gestalten; als verborgene Gefühle unseren Anspruch an Aufklärung und Aufrichtigkeit. Bei allem Bemühen um Aufrichtigkeit im eigenen Leben: Die Wirklichkeit entzieht sich dann doch am Ende des Tages. Sie verflüchtigt sich vor lauter Gefühl. (siehe auch Karl Otto Hondrich in Die Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft).

Es ist so ein leidliches Ding mit den Gefühlen und insbesondere wohl mit dem wohl heftigstem: Der Liebe. Von ihrem finsteren großen Bruder dem Eros ganz zu schweigen. Beiden gleich ist es, dass sie uns wesenhaft eingeborene Unruhegeister sind, die uns antreiben, unsere Seelen in Wallung bringen und uns in Ihrer Überschwenglichkeit vorwärts und sprichwörtlich über uns hinaus in den Wahnsinn treiben können.

Ja, ja die Liebe. Die Liebe ist soziologisch betrachtet ein wesentlicher Teil der großen historischen Bewegung zur Freiheit. Liebe: Die große Hoffnung der modernen Menschheit. Der Götze der millionenfach angebetet und angefleht wird. Liebe: Sie steigert alle anderen Gefühle: als Hingabe, die ohne Gegenrechnung erwidert wird; als Anziehung, die alles andere zweitrangig erscheinen lässt, als Einklang zweier Seelen, der alle anderen ausschließt; als Verstehen und Sichmitteilen, das keiner Worte bedarf; spontan einen neuen Anfang setzend, der kein Ende kennt, die Liebenden schicksalhaft ergreift und doch von Ihnen aus freien Stücken ergriffen werden will. Das ist landauf und landab die Vorstellung von romantischer Liebe. Ein Liebesideal.

In früheren Zeiten heirateten und vereinten sich die Menschen meist weniger aus Liebe, sondern aus Vorbestimmung, durch Elternhand, Traditionen, ökonomischen und/oder sozialen Zwängen. Die Liebe kam dann gegebenenfalls später durch Gewöhnung und Alltägliches. Heute, im Zeitalter der Individualisierungen, gilt dagegen: Keine Beziehung ohne Liebe. Wer das nicht einsehen will, dem droht die gesellschaftliche Todesstrafe der Ausgrenzung. Die Liebe ist überall Pflicht und Herausforderung geworden, in Beziehungen, Familien und selbst in den letzten Ecken unserer sozialen Lebenswelt. Sie ist Pflicht und Erfüllung in einem. Einerseits sind wir frei. Unsere Liebe ist frei. Doch nichtsdestotrotz erwachsen aus ihr nicht nur Freiheiten, sondern auch Versagungen: Man trennt sich tausendmal schneller als früher, heiratet später und bekommt weniger Kinder.

Seite 2: Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben

Christoph Schroeder

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