Einsichten & Ansichten

Liebe und Freundschaft in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit

… aus der wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET  – Das Wort zum Freitag“ von Ulrich B Wagner. Nach „Who is afraid of Virginia Woolf … Über Paradoxien, Rituale und den ganz normalen Wahnsinn zwischenmenschlicher Kommunikation“ folgt heute: „Liebe und Freundschaft in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit … Einige Vorüberlegungen über den Verlust der Aura„.

 

Warum tun wir uns so schwer, die Wirklichkeit und die Wirkungsmacht der Gefühle anzunehmen? Als Gefühle beleidigen sie, nur zu oft, unsere Rationalität; als kollektive Gefühle unsere Individualität; als unbeabsichtigte Gefühle und Handlungsfolgen unseren Willen, die Wirklichkeit zu gestalten; als verborgene Gefühle unseren Anspruch an Aufklärung und Aufrichtigkeit: Die Wirklichkeit entzieht sich ihr. Sie liegt nicht offen – nach noch so viel Worten. Das Wichtigste hält sie verborgen. Dies ahnend, spüre ich Genugtuung. Denn was verborgen ist, ist auch geborgen.

Karl Otto Hondrich, Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft

 

Walter Benjamin
Walter Benjamin en 1928 – Akademie der Quelle: Künste, Berlin – Walter Benjamin Archiv / Urheber: Photo d’identité sans auteur, 1928 – gemeinfreie Nutzung

Einverstanden, es mag auf den ersten Blick sehr vermessen erscheinen, Walter Benjamins 1935 im Pariser Exil entstandenen Essay „Die Kunst in den Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit“ im Rahmen einer wöchentlichen Kolumne für einige persönliche Vorüberlegungen und Versuche heranzuziehen. Sei’s drum.

Essay von Walter Benjamin

Das Werk umfasst in seiner letzten 1939 autorisierten Fassung rund vierzig Seiten. Erfuhr der Essay zu Walter Benjamins Lebzeiten eine eher geringe Rezeption, so erlebte er in der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, insbesondere auch im Zuge der Neuen Frankfurter Schule und der Kritik Adornos eine Renaissance.

Bei Walter Benjamins Text handelt es sich auf jeden Fall, um einen der zentralen Texte materialistischer Ästhetik. Die enthaltenen Überlegungen befruchten auch heute noch, nicht nur die Ästhetikdebatten, sondern auch die Überlegungen zu Veränderung kollektiver Wahrnehmungsmuster und sozialer Bindungen.

Eine erneute Reaktualisierung erfuhr der Essay in 90er Jahren mit dem Aufkommen der Neuen Medien.

Anwendbar auf die heutige Kommunikation

Durch Zufall mir diese Woche wieder in die Hände gefallen, stellte sich mir die Frage, inwieweit Benjamins grandiose Überlegungen auch auf das Phänomen der sozialen Netzwerke und der damit einhergehenden veränderter Wahrnehmungs-, Kommunikations- und sozialer Umgangsmuster anwendbar und von Nutzen sein könnte.

Eine in diesem Zusammenhang für mich zentrale Frage ist: Bleiben die Gefühle in Zeiten der sozialen Netzwerke wirklich noch verborgen, und damit geborgen, oder haben sie sich selbst gar schon komplett verändert, was sich wiederum im Umkehrschluss auch in veränderten sozialen Beziehungen, insbesondere der Freundschaft und der Liebe ausdrücken müsste?

Verlust der Aura

Ein zentrales Thema Walter Benjamins Überlegungen zur Kunst in Zeiten der Reproduzierbarkeit ist der Verlust der Aura, der mit den einschneidenden Veränderungen der Arbeitswelt durch Automatisierung und Kapitalisierung einhergeht und sich mit zeitlicher Verzögerung auch auf den Bereich der Kunst auswirkte.

Einem gravierenden Verlusts des Hier und Jetzt, aber auch der Echtheit, denn das Einmalige wird mit allen damit verbundenen Folgen in ein Massenweises überführt.

Der Begriff Aura in den Medien verwendet

Den Begriff der Aura führte Benjamin erstmals in seinen 1930 erschienen Erfahrungsprotokollen zum Haschischgebrauch in sein Werk ein. Anhand der Zerstörung und des Verlusts der Aura zeigt Benjamin die gesellschaftliche Bedeutung auf, die die technische Entwicklung der Medien auf unser Leben hat.

Die Aura, sowohl in der Natur wie in der Kunst, ist geprägt durch ihr Hier und Jetzt sowie durch die Kennzeichen Unnahbarkeit, Echtheit und Einmaligkeit der wahrgenommenen Gegenstände. Es ist die Aura, die die Werke zu historischen Zeugen macht und ihnen Autorität verleiht. Wörtlich wird sie als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch mag, definiert.

Weitere zentrale Begriffe stellen der Chock bzw. die Chockwirkung und das Medium dar. Der Chock begründet in den veränderten Wahrnehmungs- und Handlungsformenformen, findet seine Entsprechung in veränderten Ausdrucks- und Kommunikationsformen. Damit setzt er die tradierten Wahrnehmungsmuster und Assoziationsmechanismen außer Kraft, was letztendlich die Zertrümmerung der Aura befördert.

Oder wie es wortwörtlich in diesem Zusammenhang bei Benjamin heißt: Der Versenkung, die in der Entartung des Bürgertums eine Schule asozialen Verhaltens wurde, tritt die Ablenkung als Spielart sozialen Verhaltens gegenüber.

Wahrnehmung findet draüberhinaus laut Benjamin, grundsätzlich in einem Medium statt, in einem Milieu, in dem sich natürliche, soziale, historische und apparative Tatsachen zu einem historischen Apriori konstellieren. Anders ausgedrückt die veränderten Medien, verändern uns, unsere Wahrnehmung, unsere sozialen Beziehungen, unsere Art des Denkens und des Fühlens, die Erfahrung von Raum und Zeit.

Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt, so dass wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen. Unter der Großaufnahme dehnt sich der Raum, unter der Zeitlupe die Bewegung. (Walter Benjamin)

Aura in Sozialen Netzwerken und die damit verbundene Wirkung

Doch zurück zu meiner eingangs eingeworfenen Frage: Was passiert, wenn ich Benjamins Schrift nicht nur auf die Neuen Medien, E-Mail Verkehr, sondern auch auf die Nutzung Sozialer Netzwerke übertrage?

Was passiert mit der Aura unserer Beziehungen zueinander, insbesondere in Bezug auf Freundschaften und der Liebe durch den Verlust des Hier und Jetzt? Wie ist es mit der Echtheit einer Beziehung bestellt, wenn wie oben ausgeführt das Einmalige in ein Massenweises überführt?

Wie verborgen und geborgen bleiben unsere Gefühle im Zuge des massenweisen Teilens von Gefühlen, der Likes und Lebensinhalte?

Wie verändert der Verlust der Versenkung und die damit einhergehende rauschafte Ablenkung von sich und den Oasen der Ruhe, der mit der dauerhaften Nutzung über Smartphones und Tablets einhergeht unsere psychische und seelische Gesundheit?

Wird Freundschaft und Liebe am Ende des Tages gar beliebig und massenhaft austauschbar?

Dehnt sich der soziale Raum wirklich aus bzw. was bringen mir persönlich die abenteuerliche Reisen zwischen den weitverstreuten Trümmern, ehemals geschlossener Lebensräume, die das Internet in Zehntelsekunden gesprengt hat?

Fragen über Fragen, die den Rahmen der heutigen Kolumne deutlich überspannen würde. Nächste Woche werde ich von meiner Seite mehr zu diesen Überlegungen schreiben. Vielleicht haben Sie ja selbst Freude daran, sich bis nächste ihre ganz eigenen Fragen bezüglich unseres Umgangs mit Sozialen Netzwerken und den damit verbunden Veränderungen zu machen.

Ihr
Ulrich B Wagner

 

Ulrich B Wagner
(Foto: © Ulrich B Wagner)

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

Oliver Foitzik

Ein Kommentar zu “Liebe und Freundschaft in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit

  1. Hallo,
    ich bin auch der Meinung, dass Walter Benjamin bereits damals das Phänomen des Social Media treffend beschrieben hat, insbesondere wenn er schreibt:
    »Jahrhundertelang lagen im Schrifttum die Dinge so, dass einer geringen Zahl von Schreibenden eine vieltausendfache Zahl von Lesenden gegenüberstand. Darin trat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ein Wandel ein. Mit der wachsenden Ausdehnung der Presse, die immer neue politische, religiöse, wissenschaftliche, berufliche und lokale Organe der Leserschaft zur Verfügung stellte, gerieten immer größere Teile der Leserschaft – zunächst fallweise – unter die Schreibenden. (…) Damit ist die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum im Begriff, ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren. (…) Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden.« Aus: Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, These X, in: W. B., Illuminationen, Frankfurt 1977, Seite 155.
    Er nennt dies auch das „Recht des Menschen auf seine Reproduktion“ (ebd.)
    Man sollte auf jeden Fall davon ausgehen, dass Benjamin das Phänomen positiv gesehen hat, wie er auch zum Passagenwerk sagt: „Das Pathos dieser Arbeit: es gibt keine Verfallszeiten“ (Passagenwerk, Konvolut N, habe ich grade aus dem Gedächtnis zitiert)
    Schönen Gruß
    Ronald Engert
    Tattva Viveka, Chefredakteur

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