Einsichten & Ansichten

Vorwärts(leben) … über stehende Sturmläufe und das Neue im Alten

Vorwärts ist mehr als eine Bewegungsrichtung. Für Ulrich B Wagner ist es eine Geisteshaltung und Aufforderung, das Neue zu wagen. Erfahren Sie im heutigen Beitrag seiner wöchentlichen Kolumne „QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag“ (wegen dem verlängerten Wochenende bereits am Mittwoch) mehr über die Bedeutung der Vorwärtsbewegung. Etwa um das Unmögliche möglich zu machen oder wie sie uns motiviert, sich aus schier ausweglosen Situationen zu befreien.

„Wenn die Erinnerung, statt die Menschen zu erlösen, sie nur vor sich hertreibt und zu Wiederholungstätern macht – wie wäre es dann, wenn wir es mit dem Gegenteil versuchen würden, mit dem Vergessen …“

Hendryk M. Broder

„Nicht dass man etwas Neues zuerst sieht, sondern dass man das Alte, Altbekannte, von Jedermann Gesehene und Übersehene neu wahrnimmt, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus.“

Albert Einstein

Eine umumstößliche Tatsache

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Man muss sich vorwärtsbewegen. (Foto: © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Man muss sich vorwärtsbewegen um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Eine unumstößliche Tatsache, die mit Gewissheit nicht nur für das Fahrradfahren und Skaten gilt, sondern für das Leben per se.

Das eigene Leben, die menschliche Existenz, ganze Bibliotheken sind gefüllt von Geschichten davon, wann es besser ist aufzustehen, den Blick und den Geist neu auszurichten und sich darüber klar zu werden, in welche Richtung das Leben marschiert. Existentielle Verortungen, oben und unten, vorne und hinten, die aber auch der Frage geschuldet sind, wann es besser ist, abzusteigen und sich alleine vorwärtszubewegen. Im Idealfall schon lange bevor das Pferd tot oder das Kind – insbesondere auch das Kind in uns – in den Brunnen gefallen ist.

Ketten aus Furcht und Faulheit sprengen

Dostojewski berichtet davon in seinen Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, Nietzsches Denken drehte sich darum, die biblische Erzählung von David und Goliath legt eindrucksvoll Zeugnis davon ab, Kafkas Türsteher zerbrach daran. Tausende Bilder ziehen durch unsere Köpfe, legen sich über uns, verändern nicht nur unsere Sichtweise, sondern unser ganzes Sein von der letzten Haarspitze bis in den kleinen Fußzeh. Nietzsches Freigeist ist durch persönliche Selbstüberwindung zum Schöpfer, zum Künstler und Schaffenden, aber auch im gleichen Momentun dieser Vorwärtsbewegung selbst zu einem einzigartigen Kunstwerk geworden. Der Freigeist hat in Folge seiner ganz speziellen Art der Vorwärtsbewegung, seiner Fähigkeit zur Selbstkultivierung und Transzendenz, die ihn vom bloßen Tier unterscheidet, sich sprichwörtlich nicht nur abgehoben, sondern auch erhoben. Erst auf der Mitte des Seils, auf dem er erst zu straucheln scheint, doch dann zu tänzeln lernt, erst an dieser Stelle und erst dort, hat er das apollinische und dionysische in sich vereinend, in Bewegung gesetzt, um endlich der zu werden, der er wirklich ist, aber auch sein möchte. Doch dies konnte ihm nur dadurch gelingen, dass er die Ketten aus Furcht und Faulheit sprengte, die ihn seine wahre Natur leugnen ließen.

Er könnte, wenn er nur wollte

Tja, so einfach kann das Leben sein (rein theoretisch auf jeden Fall). Doch was wirklich machen, wenn man in seiner Vergangenheit fast wie in alter Mafiamanier festbetoniert scheint? Wenn der Tunnelblick, die Sicht auf die Welt zu einem Brennglas zusammenschnurren lässt und man schon so lange in den Abgrund starrt, so dass dieser schon beginnt in uns hinein zu starren. Da ist er halt schon wieder, der alte Friedrich und seiner Weisheit von den Ungeheuern mit denen man in seinem Leben kämpft und wenn man nicht aufpasst, sich selbst in eines verwandelt.

Kafkas Türsteher konnte es nicht. Auch wenn der Geistliche Josef K mit seinem Abschiedsspruch ihm den Blick öffnen wollte: „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entlässt Dich wenn Du gehst.“ Er könnte sich dem Ganzen also doch noch entziehen. Wenn er wirklich wollte. Wenn er spüren würde, dass er sich freiwillig mit dem Gesetz, oder in unserem Fall irgendwelchen anderen angeblichen Unvermeidlichkeiten, befasst und sich dadurch nicht immer mehr von ihm einnehmen ließe. Dies ist ihm nämlich genauso wenig  wie uns auch nicht vorgeschrieben oder in Stein gemeißelt. Er könnte, wenn er nur wollte und könnte wie er auch wollte, nämlich immer noch ein normales Leben führen, das unabhängig vom Gericht ist. Doch unser Mann, der Mann vom Lande verschanzt sich lieber hinter Gebot und Verbot. Er sucht für jeden Schritt die Genehmigung, die ihn der Verantwortlichkeit enthebt.

Er bleibt gefangen im Labyrinth seiner eigenen Vorstellungen und seines Sicherheitsbedürfnisses. Die Bequemlichkeit der Sicherheit, der persönlichen Unverantwortlichkeit weckt den Wunsch, die Verantwortung auf Andere oder besser noch auf eine unpersönliche Instanz, das über allem stehende Gesetz abzuwälzen. Er  kann zwar mit letzter Kraft noch das Licht von ferne sehen, aber er kann nicht auf den Weg dorthin gelangen. Er ist ein Unmündiger geworden, der seine autonome Persönlichkeit, verstrickt in Zögern, Entschlusslosigkeit und Angst mit den eigenen Händen unter sich begraben hat. Am Ende des Tages sind und bleiben wir das, was wir denken. Denn alles was wir sind, kommt von unseren Gedanken. Wir bauen mit ihnen die Welt, eine wundervolle Welt oder am Ende des Tages schlicht und einfach unser eigenes Grab.

Im Wandel wandlungsfähig bleiben

Alle 40 Sekunden tötet sich ein Mensch. Selbst wenn man die Opfer von Kriegen und Verbrechen zusammenzählt, sterben in der Welt derzeit mehr Menschen durch Selbstmord als durch andere Verletzungstode. Laut einer Schätzung der WHO sind es bereits weitaus mehr als eine Million Menschen pro Jahr, die den Freitod wählen und da auf jeden Selbstmord etwa acht bis zehn Versuche kommen, nimmt diese Zahl mittlerweile monströse Ausmaße an.

Irgendein weiser Mann, hat irgendwann, irgendwo einmal behauptet, dass die Kunst der Zukunftsbewältigung zunächst einmal darin bestünde, im Wandel wandlungsfähig zu bleiben. Dies mag auf den ersten Blick banal klingen, ist tatsächlich aber der Bordstein an der Straße zur Zukunft, über den wir alle, auf jeden Fall zur Beruhigung, des einen oder anderen, mehr oder weniger derzeitig Betroffenen, die meisten von uns Allen stolpern…

Es scheint einfach, wenn man nicht betroffen ist

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Sich selbst befreien? Das gelingt nur in der Vorwärtsbewegung! (Foto: © Ulrich B Wagner & Alistair Duncan / alistairduncan.de)

Irgendwann, irgendwie im Laufe des Lebens scheint jeder einmal in seiner Vergangenheit festzuhängen. Das innere Fotoalbum zum Besten gefüllt, keinen Platz mehr für das Neue lassend, in Grauschleiern und Mief dem gefühlten Ende entgegen harrend. Es scheint einfach, wenn man nicht betroffen ist, sich aus der sprichwörtlich selbst erlernten Hilflosigkeit, Lähmung und des gefühlten Eingesperrtseins in der selbst gezimmerten Todeszelle zu befreien. Doch es ist für den, der betroffen ist, mehr als der Versuch das Unmögliche möglich zu machen. Gelingen kann es jedoch auf jeden Fall nur in einer Vorwärtsbewegung.

Manchmal sitzen wir nun halt im Leben irgendwo fest. Wobei genau betrachtet das Sitzen an sich nicht das eigentliche Problem darstellt, sondern unser Beharrungsverhalten, unser Trägheitsmoment, unsere Zweifel, Ängste, unsere Borniertheit, schlicht unsere ganze psychologische Sesselfurzerei, die dazu geführt hat, dass wir uns damit abfinden, dass wir irgendwo festsitzen und uns irgendwer oder irgendwas von dem abhält, was wir eigentlich wollen: Leben, Vorwärtsleben.

Folgt man der Bibel, so saß der gute alte David in der Bibel mit dem Rest der Mischpoke genauso fest, als der für seine Zeit schon arg Testosterongeschwängerte Goliath jemanden von ihnen zum Zweikampf herausforderte. Na, welcher äußere oder innere Riese steht denn gerade vor Ihnen? Keiner, dann mal los, nutzen sie ihre Freiheit und genießen sie ihr Leben in Unabhängigkeit und Freiheit.

Und der Rest? Veränderung steckt in jeder Pore von uns. Das Leben ist eine einzige Veränderung. Dies zu verstehen, aber auch dann in eine Bewegung zu übersetzen, sich alleine oder mit Hilfe eines bedeutsamen Anderen aus der erlernten Hilflosigkeit und damit verbundenen Lähmung zu befreien, kann eine schier unmögliche Herausforderung darstellen. Dort wo wir aufhören uns zu verändern, sterben wir innerlich. Aber leider geben immer mehr Menschen, wie oben gesehen, irgendwo auf, in ihrem Leben vorwärts zu gehen, sich nach neuem Land auszustrecken, weil dieser monströse, innere Goliath einen furchterregenden Schatten in ihr Herz hinein wirft.

Unser biblischer David hat auf jeden Fall Goliath mit nur einem Steinchen umgehauen, um ihn dann anschließend mit seinem Schwert ein wenig zurechtzustutzen.

Vorwärts also: Change to get ahead!

Oder wie in unserem biblischen Falle: Change to get a head. Ein wenig kognitive Flexibilität braucht es halt immer, wenn man loslassen muss. Also ab damit, denn stinken tut der Fisch ja eh immer zu erst einmal am Kopf oder denken sie einfach mal wieder an Francis Picabias Klassiker Der Kopf ist rund damit das Denken die Richtung ändern kann, während sie den Klassiker von Wolfsheim in den Sonnenuntergang summen.

Wolfsheim: Kein Zurück

(Quelle: mdczr / YouTube)

Denken Sie immer daran vorwärts ist nicht nur eine Bewegung, sondern auch eine Geisteshaltung und Aufforderung, das Neue zu wagen. Oder besuchen Sie doch mein Seminar zum Thema Vorwärts(leben) am Donnerstag, den 16. Juli 2015 in Offenbach (mehr Infos finden Sie ab nächster Woche auf meiner Facebookseite [https://www.facebook.com/pages/Ulrich-B-Wagner/221963781275533?ref=hl] oder im Internet unter: www.ulrichbwagner.de).

In diesem Sinne, wünsche ich uns Allen mehr spielerische Leichtigkeit im Umgang mit unseren inneren Türstehern.

Ihr Ulrich B Wagner

Über Ulrich B Wagner:

Ulrich B Wagner, irrsinn, das positive denken
(Foto: © Ulrich B. Wagner)

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Christoph Schroeder

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