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Wie gewiss ist die Gewissheit?

…Über Wirklichkeitserfindungen und die Versuchungen der Gewissheit. Ulrich B Wagner ist sich gewiss: Nichts ist gewiss. Denn unsere Wirklichkeit konstruieren wir selbst: Unsere Wahrnehmung wird geprägt von unseren Erfahrungen, unserem kulturellen Hintergrund, unserer Bildung. Für ein friedliches Miteinander sieht Wagner deshalb nur die Lösung, dass man den anderen und seine Weltsicht anerkennt und versucht, seine Sicht auf die Wirklichkeit nachzuvollziehen. Als größte Sünde sieht er es an, die eigene Perspektive als unumstößliche Gewissheit anzunehmen.

In seiner heutigen Kolumne “QUERGEDACHT UND QUERGEWORTET- Das Wort zum Freitag” setzt sich Ulrich B Wagner mit der Frage: Was ist eigentlich die Wirklichkeit? auseinander.

Vielleicht beziehen die Dinge um uns ihre Unbeweglichkeit nur aus unserer Gewissheit, dass sie es sind und keine anderen, aus der Starrheit des Denkens, mit der wir ihnen begegnen.

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Wir sehen nicht, was wir nicht sehen, und was wir nicht sehen, existiert nicht.

Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet. Sie verpflichtet uns zu einer Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit.

Umberto Maturana, Der Baum der Erkenntnis

 

Die größte Dummheit ist die Gewissheit

Dass Dummheit eine heimliche und unheimliche Weltmacht darstellt, vor der leider keiner im alltäglichen Leben gefeit ist, habe ich letzte Woche schon an einigen Beispielen dargelegt. Doch Anfang der Woche durchfuhr es mich im Rahmen eines „netten“ Gesprächs unter „Freunden“ wie ein Blitz: Die größte Dummheit und die größte Verblendung ist mit Sicherheit die Gewissheit. Die Gewissheit, dass das, was wir sehen, glauben, fühlen und meinen, zu erkennen, am Ende des Tages auch in der Realität so ist, wie wir es sehen. Was uns mit Gewissheit erfüllt, kann oder darf in unserem Alltag und unter unseren kulturellen Voraussetzungen keine Alternative haben. Es ist schlicht das, was es ist. Punkt. Dass am Ende des Tages es gar wir sind, die eigenhändig diese vermeintliche Wirklichkeit erschaffen, will uns nicht in den Sinn kommen. Dass wir als Einzelne unvermeidlich für die Sicht unserer Dinge selbst verantwortlich sind, schon gar nicht. Es sind immer die Anderen, die der Wahrheit nicht ins Auge schauen können.

Je dümmer, je sicherer, je gewissheitsschwangerer

In den 80er Jahren haben die chilenischen Biologen Humberto R. Maturana und Francisco R. Varela mit ihren Arbeiten zu den biologischen Wurzeln des Erkennens ein weiteres Mal am Übel der Gewissheit gerüttelt, und so zahlreiche Soziologen, Psychologen und Philosophen mit ihrem Begriff der Autopoiesis geprägt, was so viel bedeutet wie „sich selbst erschaffen“.

So konnten sie mit naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen zeigen, was seit Menschheitsgedenken von Weisen, Mystikern und Philosophen vermutet wurde, die Einheit von Subjektivität und Objektivität, von Ich und Welt, von Sein und Bewusstsein.

Nichts existiert unabhängig von uns

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Was ist die biologische Grundlage für unser Miteinander? (Bild: A.Dreher / pixelio.de)

Dies bedeutet aber im Umkehrschluss, dass nichts, rein gar nichts was sich sagen lässt, unabhängig von uns existiert. Alle von uns behauptete vermeintliche Gewissheit ist gefärbt von unseren Träumen und Sehnsüchten, der Arbeitsweise oder Nicht-Arbeitsweise unseres Gehirnstüberls, unserer Kultur, unseres Umfelds und der Art und Weise unseres Erkennens, oder, um es mit den Worten von Francisco Varela auszudrücken: „Jedes Wissen hängt von der Struktur des Wissenden ab.“

Dass in so manchem bescheuerten Streitgespräch gehörte: „Sei realistisch, sei objektiv!“, bedeutet somit nach Maturana nur, dass der andere sich wünscht, dass der Diskussionspartner endlich so denkt wie er selbst.

Ich denke, in diesen durch Fanatismus, Engstirnigkeit und Verblendung geprägten Zeiten, würde es uns ganz gut tun, sich den Klassiker der beiden (Maturana/Varela, Der Baum der Erkenntnis – die biologischen Wurzeln des Erkennens) mal wieder zu Gemüte zu führen. Mir macht es auf jeden Fall Hoffnung, zu lesen, dass das Erkennen des Einzelnen keine Repräsentation der Welt da draußen darstellt, sondern ein andauerndes Hervorbringen der Welt durch den Prozess des Lebens selbst.

Die Konstruktion der Wirklichkeit

Auch wenn wir am Ende des Tages in unserer Wirklichkeits(er)findung versuchen, uns durch Kommunikation, durch Sprache, Zeichen, Gesten, Gefühle und Andeutungen mit unseren Mitmenschen abzustimmen, tragen wir trotzdem, jeder einzelne von uns, eine eigene Konstruktion der Welt und damit der Wirklichkeit in uns.  Negieren wir dies und grenzen wir die Sicht des Anderen a priori als Unsinn und als unrealistisch aus, so tun wir schlicht und einfach nichts anderes, als unser Gegenüber und sein mit seinen besonderen Erfahrungen verbundenes Sein zu negieren.

Platons „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, könnte uns allen in diesen diffusen Zeiten hilfreich sein. Bei Platon steht dieses, leider zur Allerwelts-Floskel heruntergekommene Zitat, für die Entwicklung der eigenen Erkenntnis, von der Entlarvung des Scheinwissens, über das bewusste Nichtwissen, hin zur Weisheit des Wissens um das Gute.

Wir brauchen ein offenes Miteinander

Wir brauchen daher dringend endlich ein offenes Miteinander, oder wie es Humberto Maturana auf den Punkt brachte: Dies ist die biologische Grundlage sozialer Phänomene: Ohne Liebe, ohne dass wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit keine Menschlichkeit. Alles, was die Annahme anderer untergräbt – vom Konkurrenzdenken über den Besitz der Wahrheit bis hin zur ideologische Gewissheit – unterminiert den sozialen Prozess, weil es den biologischen Prozess unterminiert, der diesen erzeugt. Machen wir uns hier nichts vor: Wir halten keine Moralpredigt und predigen nicht die Liebe. Wir machen einzig und allein die Tatsache offenkundig, dass es, biologisch gesehen, ohne Liebe, ohne Annahme anderer, keinen sozialen Prozess gibt. Lebt man ohne Liebe zusammen, so lebt man heuchlerische Indifferenz oder gar aktive Negation des anderen.

Vielleicht gibt es am Ende ja doch noch ein wenig Hoffnung.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen mehr Mut, der Versuchung der Gewissheit zu widerstehen.

Ihr

Ulrich B Wagner

Ulrich Wagner
QUERGEDACHT & QUERGEWORTET – Das Wort zum Freitag (Foto: © Ulrich B. Wagner)

Über Ulrich B Wagner

Ulrich B Wagner (Jahrgang 1967) ist Diplom-Soziologe, Psychologe, Schriftsteller und Kolumnist. Sein Studium der Soziologie, Psychologie & Rechtswissenschaften absolvierte er an der Johann Wolfgang von Goethe Universität, Frankfurt am Main. Zusammen mit Professor Karl-Otto Hondrich arbeitete er am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema  „Sozialer und kultureller Wandel“.

Ulrich B Wagner ist Dozent an der european school of design in Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt  Kommunikationstheorie, Werbe- und Konsumentenpsychologie, sowie Soziologie und kultureller Wandel und arbeitet als Berater sowie systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikation und Konzeptentwicklung, Begleitung von
Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Mail ulrich@ulrichbwagner.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

Katja Heumader

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