Deutschland

Wie misst man Wohlstand? Diskussion über Alternativen zum BIP

Das Statistische Bundesamt hat die aktuelle Diskussion um alternative Messgrößen zur Messung des Wohlstands und der Lebensqualität jenseits des eindimensionalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufgegriffen und die wesentlichen Ansätze zusammengefasst:

Bei der Frage, wie man den Wohlstand und die Lebensqualität der Menschen in einem Land statistisch messen kann, war in der Vergangenheit der Blick häufig verengt auf wirtschaftliche Größen wie das Bruttoinlandsprodukt und dessen Wachstumsrate. Der im September 2009 vorgelegte Bericht der Stiglitz-Kommission hat die Diskussion über die adäquate Messung von Wohlstand und sozialem Fortschritt noch einmal neu entfacht. Als Folge davon hat sich inzwischen ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens darüber durchgesetzt, dass es sinnvoll ist, über die rein wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft hinaus, weitere unparteiische Analysen durch eine umfassende und konsistente Sozialberichterstattung bereitzustellen, die auch Aspekte der Nachhaltigkeit beinhaltet.

Ausgangs­punkt Debatte Bruttoinlandsprodukt (BIP) = Wohlfahrt? Stiglitz Bericht, 2009 / EU Kommission-Initiative „BIP und mehr“
Bereiche Materieller Wohlstand Lebens­qualität
  1. Statistische Erfassung der Haushalts­produktion
  2. Einkommens­verteilung und Konsum nach Haushalts­gruppen
  3. Vermögens­bildung und -verteilung
  1. Multi­dimensionale Messung durch ein Set von Indikatoren
  2. Wichtige Bereiche sind unter anderem Gesundheit, Bildung, Sicherheit, Umwelt, sozialer Zusammen­halt sowie die daraus resultierende Lebens­qualität
  3. Neben objektiven auf subjektive Indikatoren
Nach­haltige Entwicklung von Wohl­stand und Lebens­qualität
Diskussions­foren Enquete-Kommission des Bundes­tages, Eurostat, OECD, UNECE

Eine erste Reaktion auf den Stiglitz-Bericht kam vom deutsch-französischen Ministerrat im Februar 2010, der den Wirtschafts-Sachverständigenräten der beiden Länder den Auftrag erteilte, eine Expertise zu den Umsetzungsmöglichkeiten der Empfehlungen der Kommission zu erarbeiten. Diese Expertise wurde im Dezember 2010 vorgelegt. Im November desselben Jahres veranstaltete das Statistische Bundesamt gemeinsam mit der Deutschen Statistischen Gesellschaft in Wiesbaden ein wissenschaftliches Kolloquium zum Thema Wohlfahrtsmessung. Intensiv diskutiert wurde dieses Thema auch im Rahmen der Statistischen Woche 2011 in Leipzig unter dem Titel „Jenseits des Bruttoinlandsprodukts – die Vermessung der Wohlfahrt“. Ausführlich debattiert wurde dieses Thema auch in einigen wirtschaftswissenschaftlichen und statistischen Fachpublikationen u. a. im „Wirtschaftdienst“ 2009 und 2010 und „Ifo-Schnelldienst„.

Für die weitere Entwicklung in Deutschland dürften die Ergebnisse der Bundestags-Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eine entscheidende Bedeutung für die zukünftige Arbeit auf diesem Gebiet haben. Hierzu hat die Projektgruppe 2 der Enquete-Kommission, die sich mit dem Thema „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators“ befasst, bereits einen Zwischenbericht vorgelegt. Auch der Ergebnisbericht des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin hat die Themen Lebensqualität, Fortschritt und Nachhaltigkeit aufgegriffen. Besonders Vorschlag 1 („Bürgerdialog zu Zukunftsfragen der Lebensqualität: Vision 2040 – für meine Kinder“) der Arbeitsgruppe Wohlstand, Lebensqualität und Fortschritt im Berichtsteil „Wovon wollen wir leben?“ könnte für die Entwicklung der amtlichen Statistik wichtige Anregungen geben.

Auf der internationalen Ebene wurden die Empfehlungen der Stiglitz-Kommission vor allem von Eurostat und der OECD aufgegriffen und weiter diskutiert. Eurostat hatte bereits im Februar 2010 eine hochrangig besetzte Arbeitsgruppe eingesetzt, die im Januar 2012 einen Bericht vorlegte mit Vorschlägen zur Umsetzung der Empfehlungen der Stiglitz-Kommission vor dem Hintergrund der Gegebenheiten im Europäischen Statistischen System. Die OECD, die auf dem Gebiet der Messung von Wohlfahrt und sozialem Fortschritt schon vor der Einberufung der Stiglitz-Kommission sehr aktiv war, legte im Jahr 2011 einen ersten – bewusst als vorläufig bezeichneten – Entwurf für ein Indikatorenset zur statistischen Messung von Wohlfahrt vor mit dem Titel „How’s Life? Measuring Well-Being“. Im Oktober 2012 veranstaltet die OECD in Neu-Delhi ihr viertes Welt-Forum zum Thema „Measuring Well-being for Development and Policy Making“.

Der deutschen amtlichen Statistik steht bereits ein breiter Fundus von Daten zu einem großen Spektrum von relevanten Teilbereichen der Gesellschaft zur Verfügung. Sie verfügt darüber hinaus über einschlägige Erfahrungen bei der Erstellung von Indikatorenberichten. Der zweijährlich erscheinende Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland und der Indikatorenbericht zur nachhaltigen Entwicklung sind zwei herausragende Beispiele. Notwendig ist nun der Aufbau einer konsistenten und auch international abgestimmten statistischen Berichterstattung, die neben der wirtschaftlichen Leistung des Landes auch die Lebensqualität der Menschen, den sozialen Fortschritt sowie Aspekte der Nachhaltigkeit dieser Entwicklung mit einschließt.

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Enquete-Kommission „Wirtschaftswachstum, Wohlstand, Lebensqualität“

Die Enquete-Kommission „Wirtschaftswachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages hat nicht nur die Aufgabe, einen neuen Wohlstandsindikator als Alternative zum klassischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu identifizieren, die Kommission soll auch grundlegende Fragen von der Notwendigkeit und der Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Wachstums erörtern. In folgenden Artikeln finden Sie weiterführende Informationen:

Belastungsgrenzen des Ökosystems vielfach erreicht – Abschlussbericht der Projektgruppe 3 der Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität”

Konkurrenz für die Fünf Wirtschaftsweisen gefordert – Sachverständigenrat für Wohlstand und Lebensqualität schaffen

Jenseits des Bruttoinlandsprodukts werden auch Institutionen gebraucht

– „Wir vertrauen nicht allein dem Markt“ – Interview zur Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“

– Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Interview zum Thema qualitatives Wachstum

– Alternative zum BIP – Bundestag zieht Zwischenbilanz der Wachstumsdebatte

– Alternative zum BIP – Wachstumsdebatte im Bundestag Teil 2 – Zwischenbilanz

 

Marc Brümmer

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