Kolumnen

Wie viele Einwohner hat die Stille?

… aus der wöchentlichen Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus".

    Heute:  Wie viele Einwohner hat die Stille?*
                ein verspäteter Nachruf auf die großartige polnische Lyrikerin
Wislawa Szymborska

 

Nicht ohne Reiz ist diese schreckliche Welt,
nicht ohne Morgen,
für die es aufzuwachen lohnt.

                                               (Wislawa Szymborska)

 

Es ist laut da draußen…

Stimmen schwirren durch den Äther, das Rauschen der Nachrichten wird zum quälenden Tinnitus, zu immer enger werdenden Räumen bei gleichzeitig immer größer Ausdehnung und Weite in den sozialen und privaten Raum. Es war Peter Handke, der Platos Höhlengleichnis im Medienzeitalter als „Zeitgenössisches Schattendasein vor dem Fernseher“ übersetzte. Welches Schattendasein führen wir nunmehr erst Recht in Zeiten des Internets?

Wie viel Kakophonie verträgt der gesunde Menschenverstand überhaupt? Von unserer Seele, unserem psychischem Gleichgewicht gar nicht erst zu sprechen?

Seit Tagen rasen Gedankenfetzen, Worthülsen, Nachrichtensplitter und sonstige Aufgeregtheiten durch meinen Kopf, treiben ihren Schabernack mit dem Kolumnisten, jagen ihn von einer Ecke in die andere. Evozieren ihn, regen auf, entzünden, um ihn schließlich doch nur zu ermüden: ACTA, ein Recht auf Scharia in Deutschland, wie DIE ZEIT kürzlich anregte, der Abgang Whitney Houstons in den Untiefen der Hotelbadwanne, aufblitzende Ideensplitter, Informationsdauerfeuer, Junk-Food und Nachrichtenmüll, der wollende Geist zum Schattendasein verbannt.

Gegen diese Schattenexistenz setzt Peter Handke, *der Urheber meines Kolumnentitels, sein Schreiben. In seinem Buch Mein Jahr in der Niemandsbucht beschreibt er in einem kuriosen Momentum diese außergewöhnliche Kraft: Immer, wenn der Nachbar zu laut wird mit dem Rasenmäher, geht er an den Zaun zum Beistiftspitzen. Eine furiose Demonstration seines lautlosen Handwerks.

Ans Schreiben gehen: füge der Stille etwas hinzu; bringe etwas heim aus der Stille“, heißt es an anderer Stelle in seinem Buch Gestern unterwegs und später Die Begeisterung erkennst Du am Einkehren der Ruhe. Ruhe, Stille kommt also nicht einfach so daher, sie kehrt ein an die Orte, an denen sie willkommen geheißen wird.

Am 01. Februar diesen Jahres verstarb die große polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska in Krakau. Als sie 1996 für ihr literarisches Werk den Nobelpreis verliehen bekam, lobte sie das Nobelpreiskomitee als den Mozart der Poesie, die die Eleganz der Poesie mit der Wut eines Beethovens verbunden habe.

1923 in Posen in Westpolen geboren und bereits im Alter von acht Jahren mit den Eltern nach Krakau gezogen, war Wislawa Szymborska eine der 12 Frauen unter den bisherigen 108 Preisträgern des Literaturnobelpreises.

Ihr Gedicht Liebe auf den ersten Blick (in Auf Wiedersehen. Bis morgen, Gedichte Suhrkamp 1998) ist für mich nach wie vor eines der schönsten zeitgenössischen Gedichte überhaupt, da es von den unmerklichen Momenten, des unbewussten Aufeinandertreffens, des Vergessens und des Wiederfindens handelt. Es ist auch das Gedicht, das den polnischen Regisseur Kristof Kriezlowski zu seinem Film Drei Farben Rot inspirierte. Sie hat, wie keine Andere, das alltägliche Leben mit der tiefen Reflexion der menschlichen Existenz verbunden, wie der Schriftsteller und Literaturkritiker Stefan Chwin es in seinem Nachruf zum Ausdruck brachte.

 

Es ist jedoch so ein Ding mit der Poesie. Wie viele von uns lesen (noch) Gedichte, nehmen sich die Zeit und lassen vielleicht dabei die Ruhe einkehren? Wislawa Szymborska schrieb hierüber ein sehr schönes Gedicht, das ich Ihnen an dieser Stelle gerne weitergeben möchte:

 

Manche mögen Poesie

Manche –
das heißt nicht alle.
Nicht einmal die Mehrheit, sondern die Minderheit.
Abgesehen von Schulen, wo man mögen muss,
und von den Dichtern selbst,
gibt’s davon etwa zwei pro Tausend.

Mögen –
aber man mag ja auch die Nudelsuppe,
mag Komplimente und die Farbe Blau,
mag den alten Schal,
mag auf dem Seinen beharren,
mag Hunde streicheln.

Poesie –
was aber ist das, die Poesie.
Manch wacklige Antwort fiel
bereits auf diese Frage.
Aber ich weiß nicht und weiß nicht und halte mich
daran fest,
wie an einem rettenden Geländer.

(Wislawa Szymborska. in Auf Wiedersehen. Bis morgen Gedichte. Herausgegeben und übertragen von Karl Dedecius, Suhrkamp,1998)

 

Poesie kann ein rettendes Geländer in den Stürmen des Lebens sein, sie gibt Halt und vor allem schenkt sie, nein sie lässt Ruhe und Stille in unser Leben einkehren und öffnet so den Blick auf das Wesentliche, das wirklich Bedeutsame im Leben.

Wislawa Szymborska galt, trotz ihres Erfolgs, als öffentlichkeitsscheu. Sie könne sich nicht ständig zeigen und von acht Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht reden, reden, reden. Sie müsse Zeit zum Schweigen haben, denn Poesie entstehe im Schweigen.

Vor mir, neben den Stichpunkten zur heutigen Kolumne, der abgegriffene Gedichtband mit den Zeichen der Zeit, Kaffee-, Tee- und Rotweinflecken, eine Notiz mit dem Bleibstift, ein Eselsohr am Seitenrand. Erinnerungen und Zeitfenster tun sich auf und werden zu greifbaren Orten der Stille. Vielleicht brauchen wir alle ein wenig mehr Schweigen, mehr Orte der Stille, für uns, im Privaten, wie auch in Unternehmen. Ich denke, es könnte uns nicht schaden und in einigen Fällen vielleicht sogar sehr hilfreich sein.

Denn nicht ohne Reiz ist unsere schreckliche Welt, wie eingehend zitiert, wir müssen ihn nur im Strudel der Dauerberieselung auch wiedererkennen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mehr Mut zur Stille

Ihr Ulrich B Wagner

 

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie.

Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing, AGITANO-Expertenprofil und Facebook (Ulrich B Wagner).

 

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