Energie & Umwelt

Wie wir alle 2030-2050 leben werden

Auf jeden Fall: ganz anders, möglicherweise ohne Flugzeug und ohne Auto. Über das Buch von Marcel Hänggi "Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance" erfahren wir alles, auch wie wir 2030 bis 2050 leben werden. Wir werden nicht mehr fliegen, das ist eine Erkenntnis, die uns schnelllebige Westler alle erschreckt. Denn das ist es ja,  w as wir mit Wonne machen: Rasen. Fliegen ist ja Rasen mit großem Energieaufwand. Von Rupert Neudeck

 

Das gleiche gilt ja von den Elektroautos: Wer elektrisch fährt, nimmt den Nachfragedruck vom Erdöl weg. „Sollten Elektroautos tatsächlich einen signifikanten Anteil am Erdölmarkt erreichen, fiele das ins Gewicht“. Benzin werde billiger und die Autos mit Verbrennungsmotoren könnten für gleich viel Geld weiterfahren. Der Autor hält dagegen: Für die Autoindustrie sei das Elektroauto vor allem eine Strategie, ihr Mobilitätsmodell über eine Verknappung des Erdöls hinaus zu retten und andere Energiequellen für das Auto nutzbar zu machen: Kohle, Atomkraft oder Sonnenenergie.

 

Das ist das Buch eines _ in den Worten von Reinhard Loske gesagt – Suffizienzgrünen. Wenn man den hypertrophen motorisierten Individualverkehr reduziert, „löse man sich von den mit dem Verbrennungsmotor entstandenen Erwartungen an Geschwindigkeit, Leistung, Fahrzeuggröße und individuellen Fahrzeugbesitz – dann wird man den Restverkehr sinnvollerweise elektrisch betreiben“.

 

Der Autor geht auch auf die augenfälligsten Kosten ein, die der motorisierte Individualverkehr in unserer Moderne gehabt hat, der aber nicht unter Massaker oder Massentod läuft, sondern unter n.K.: „nützliche Kosten“. Seit seiner Erfindung habe das Auto nach Schätzungen 40 Mio. Menschen getötet. Jedes Jahr kommen nach der Weltgesundheitsorganisation 1,2 Mio. Tote und 45 Millionen Verletzte (davon 20 Mio Schwerverletzte) hinzu. Das Buch bleibt da nicht stehen. Das so der Autor – seien nur die Unfallopfer. Rechne man die Opfer von Luftverschmutzung und Lärmbelastung dazu, so dürften jedes Jahr weltweit 3 Millionen Menschen vom Auto getötet werden“.

 

Nicht ohne Grund waren die italienischen und deutschen Faschisten die größten Fans des Automobils und der Autobahn. Die Nazis inszenierten Landschaft. Man pflanzte Eichen, um den auf der Autobahn Dahinrasenden ‚deutsche Landschaft’ zu bieten. Heute würden Autobahnraststätten Dörflichkeit imitieren.

 

Ein Philosoph Paul Virillo wird zitiert: Der dromokratische Geist – hergeleitet von Dromos (dt.  Geschwindigkeit), also die Herrschaft der Geschwindigkeit – „wirkt wie ein permanenter Angriff auf die Welt und, durch sie hindurch, wie ein Angriff auf die Natur des Menschen“, Ivan Illich, wahrscheinlich der Patron aller Suffizienzpolitiker, war der Meinung, dass jede Geschwindigkeit von mehr als 25 Stundenkilometern nicht mehr sozialverträglich sei.

 

Konsequenz, unausweichlich: „Den motorisierten Individualverkehr zivilisieren heißt, motorisierte Individualfahrzeuge in Zahl und Geschwindigkeit unter die Schwelle zu drücken, ab der sie nur schaden. Den motorisierten Individualverkehr zivilisieren heißt, das Auto abschaffen, wie wir es kennen.“

 

Hänggi folgert – und so klar hat mir das bisher kaum jemand gesagt und ich würde mich gern darauf einstellen: Täglich hundert Kilometer zur Arbeit pendeln, könne selbst mit der Bahn nicht vernünftig sein. Und er zieht die Konsequenz, die wir alle nicht ziehen wollen: „Luftverkehr als Massenverkehrsmittel dürfte nie nachhaltig möglich sein“. Ich würde statt des Modebegriffs „nachhaltig“ immer „vernünftig“ schreiben. „Für Fernreisen wird man sich künftig mehr Zeit nehmen müssen. „Der Tourismus über lange Distanz wird den Komfort klimatisierter Luxusflughäfen an jedem beliebigen Zeil nicht aufrechterhalten können, aber der durchreiste, vom Flugzeug ‚getötete’ Raum wieder auferstehen“.

 

Man erfährt über dieses sehr dicke, gründliche auch manchmal etwas redundant geschriebene Buch alles, was wir über uns in den nächsten 30 Jahren an Verhaltensänderungen erleben werden. Vielleicht erst mit Gewöhnungsbedürftigkeit, dann aber wohl auch mit mehr Lebensfreude.

 

Es sind zehn große Kapitel: In ihnen werden die Kohlewelt, die Nahrung, Raum und Zeit unter den Prämissen unserer Raserei, die Verliebtheit in Größe und Macht, manchmal auch Macho-Macht beschrieben. Um dann in den Kapiteln „Verschleiß“ und „Potenziale“ schon die neue Zeit anzusagen. Das ganze mündet in dem großen Kapitel, das dann nur noch „Freiheit“ überschrieben ist.

 

Es sind die gründlichsten Kapitel über die Frage, wird es eine große Ersetzbarkeit durch alternative und erneuerbare Energien geben können? Darauf gibt es nur eine imperativische Antwort:  Ja, denn „weiterzufahren wie bisher ist langfristig unmöglich und heute ökologisch schon unverantwortlich“. Der Autor versucht die verschiedenen Studien und Schätzungen gerecht einzuschätzen. Es gibt die Optimisten, die der Meinung sind, dass es eine Umstellung geben kann, um den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Es gibt aber auch Skeptiker, die wie Ted Trainer in Australien meinen, dass wir eine „Abkehr von der bisherigen Konsumgesellschaft“- also auch Abschied vom Wachstumszwang  brauchen. Er halte die Szenarien für die Windkraftanlagen für zu optimistisch.

 

Laut EON Netz hätten die deutschen Windkraftanlagen nur durchschnittlich 11 Prozent ihrer Kapazität erreicht. In Europa gäbe es Platz für etwa 25 Onshore Windkraftwerke im Gigawattbereich, aber Europa verbrauche so viel, wie 350 Gigawatt-Windkraftwerke produzieren.

 

Der Autor ist bescheiden und gibt gar nicht erst vor, dass er jemandem eindeutig Recht geben kann. „Als Nicht-Energieexperte ohne wissenschaftliches Institut im Rücken kann ich die Szenarien nicht inhaltlich bewerten. Als Wissenschaftsjournalist müsse er sie aber trotzdem beurteilen Als Außenseiter kann er erkennen, welche richtigen oder falschen Fragen gestellt werden  und welche Interessen dahinter stehen.

 

Der Autor greift ausgiebig auf Hermann Scheer zurück, der gezeigt habe, wie die erneuerbaren Energien von der etablierten Energiewirtschaft schlecht geredet würden.

 

Der Autor liegt ganz auf Scheers Linie: Man müsse den Umbau des Energiesystems WOLLEN, weil man ein anderes Energiesystem brauche – und das „nicht als Arbeitsplatzgenerator und schon gar nicht als Motor für weiteres Wirtschaftswachstum“.

 

Der Autor geht allen Fragen nach und prüft in Ruhe alle Argumente und gibt seine nachvollziehbare Meinung dazu kund. Die Frage der Kosteneffektivität ist auch nicht die richtige. „Sie wäre relevant, wenn es darum ginge, kurzfristig eine begrenzte Menge CO2 einzusparen“. Es gehe aber darum, eine neue Struktur der Energiebereitstellung und- Nutzung zu errichten, die dauerhaft die Emission von CO2 bannt. „Kurzfristig kosteneffektiv zu handeln, das würde bedeuten, das zu tun, was am billigsten ist“.

 

Das – so Hänggi – wäre langfristig eben nicht effektiv. Aus dieser Dialektik – die auch das Ende der reinen Marktlösung  und des Profit-Handelns erkennen lässt – kommt man nicht mehr heraus. Das wäre, so an einer der wenigen ironischen Stellen des Buches, „als begänne man den Totalumbau eines Hauses damit, dass man die Fenster putzt“.

 

Sprachlich sind da einige Begriffshülsen, die in einer Mode entstanden sind, der der Autor zu Teilen auch nachgibt. Nachhaltig ist eben so ausgelutscht, dass ich immer vernünftig sagen würde, um das Wort nicht verkommen zu lassen. Es sind aber auch so ungetüme Worthubereien wie „aufmerksamkeitsökonomisch“ und „quersubventionieren“. Da würde ich um des Inhalts wegen mich auf andere verstehbare Worte einlassen. Es gibt sie.

 

Quelle: © Franz Alt 2011

Rupert Neudeck 2011

Grünhelme 2011

 

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