Soziales

Zur Reproduktion patriarchaler Strukturen durch türkische Migrantinnen in Deutschland

Arrangement und Zwang: Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd liefert neue Perspektiven auf das aktuelle gesellschaftliche Problem der Integration türkischstämmiger Personen in Deutschland. Dr. Gundula Müller beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Identitätsentwicklung türkischer Migrantinnen und zeigt Möglichkeiten auf, wie die Integration türkischstämmiger Personen über interkulturelle Aufklärung und Bildung sowie die Auflösung patriarchaler Strukturen in der deutschen Gesellschaft gefördert werden kann.

Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd liefert neue Perspektiven auf das aktuelle gesellschaftliche Problem der Integration türkischstämmiger Personen in Deutschland. Dr. Gundula Müller beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Identitätsentwicklung türkischer Migrantinnen und zeigt Möglichkeiten auf, wie die Integration türkischstämmiger Personen über interkulturelle Aufklärung und Bildung sowie die Auflösung patriarchaler Strukturen in der deutschen Gesellschaft gefördert werden kann.

Die Integrationssituation türkischer Migrant(inn)en ist laut Müller problematisch, da im Verlauf der letzten 50 Jahre kein kontinuierlicher Integrationsprozess zu verzeichnen ist. Dabei schlägt sich die mangelhafte kulturelle und sprachliche Integration türkischstämmiger Personen in deren struktureller Benachteiligung nieder, nämlich dem begrenzten Zugang zum Bildungs- und Qualifikationssystem, der Wirtschaft und dem Arbeits- und Wohnmarkt. Im Gegensatz zu anderen, nicht-muslimischen Migrant(inn)enbevölkerungen wird türkischstämmigen Personen aus weiten Teilen der Mehrheitsbevölkerung eine besondere Form der Andersartigkeit unterstellt, welche sich in der islamischen Religionszugehörigkeit bündelt. Das muslimische Kopftuch symbolisiert diese zugeschriebene Fremdheit, indem es zwingend die Frage aufwirft, wie gegenwärtig Religionen in einem säkularen Staat sein sollen. Allerdings ist das Festhalten an Traditionen nicht ausschließlich auf die anfängliche Orientierungslosigkeit zugewanderter Personen im Einwanderungsland zu reduzieren, sondern die Kultivierung althergebrachter Werte muss auch im Zusammenhang mit der von der Mehrheitsgesellschaft vorausgesetzten Traditionalität türkischer Personen verstanden werden. Beispielhaft hierfür ist die mehrheitsgesellschaftliche Wahrnehmung von einer türkischen Männergesellschaft: Diese Sichtweise gründet einerseits auf dem Umstand, dass türkische Migrantinnen häufig keiner außerhäuslichen Tätigkeit nachgehen und somit im öffentlichen Raum unterrepräsentiert sind, und andererseits auf der häufig anzutreffenden Unterstellung, türkische Frauen seien Opfer patriarchaler Praktiken. Obschon der letztgenannte Aspekt vornehmlich dem modernen Selbstverständnis anderer Frauen dient, begünstigt er, dass türkische Migrantinnen die mehrheitsgesellschaftliche Erwartungshaltung bestätigen und patriarchale Strukturen reproduzieren, wodurch sie gleichzeitig ihre Fremdheit zementieren.

Die Untersuchung geht daher der Frage nach, von welchen Faktoren es abhängt, dass türkische Migrantinnen patriarchale Strukturen reproduzieren. Dabei stehen die Ehebiographien der türkischen Migrantinnen Ulcay und Jale im Mittelpunkt der Analyse. Beide Frauen wurden per Arrangement bzw. Zwang verheiratet. Ein genauerer Blick auf Heiratsarrangements zeigt, dass die Unterscheide zwischen arrangierten Ehen und Zwangsehen in patriarchalen Kontexten gering sind, denn in beiden stehen großfamiliäre Interessen, nämlich die Ausweitung von Besitz und die Konsolidierung der Familie, und nicht individuelle, im Vordergrund.

Zur Analyse der Reproduktion patriarchaler Strukturen durch türkische Migrantinnen eignen sich insbesondere die Dimensionen Familienkultur, Geschlechtsidentität, Ehe, Religiosität, Gewalt und Bildung. Nach den Ergebnissen der Studie ist die Dimension Geschlechtsidentität entscheidend, denn sowohl Ulcay als auch Jale verfestigen im Laufe ihrer Ehen die Konstruktion der weiblichen passiven Sexualität. Dabei wird die Aufrechterhaltung der passiven Sexualität beider Frauen zu großen Anteilen durch die Mutter bzw. Schwiegermutter kontrolliert, welche sich dadurch innerhalb patriarchaler Familienhierarchien Respekt verschafft und somit zu deren Fortbestehen beiträgt.

Gesellschaftliche interkulturelle Aufklärung und Bildung muss aus diesem Grund berücksichtigen, dass türkische Migrantinnen tendenziell vornehmlich als Mütter bzw. Schwiegermütter einen Beitrag an der Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen leisten. Um der Gefahr der Reduzierung türkischer Frauen auf ihre (zukünftige) Funktion als Mutter entgegenzuwirken, ist es erforderlich, die Rolle von Frauen außerhalb der Familie zu stärken, wobei deren türkische Sprachkompetenz hierbei von unermesslichem Wert ist. In einer durch die deutsche Politik zwischen den 1950er und 1970er Jahren herbeigeführten multikulturellen Gesellschaft, in welcher ein großer Anteil der Bevölkerung türkischstämmig ist, muss sich die Integrationsbereitschaft der deutschen Gesellschaft an der Anerkennung der türkischen Sprache als Medium der interkulturellen Verständigung messen lassen. Dies bedeutet konkret, türkische Sprachkurse in diversen Bildungseinrichtungen flächendeckend anzubieten, so dass die Gesamtgesellschaft an dieser Sprache teilhat. Hierfür sollten vor allem türkische Migrantinnen gezielt als Sprachvermittlerinnen eingesetzt werden.

Das Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft als emanzipiert, macht die Reflexion (fort-)bestehender patriarchaler Praktiken unerlässlich. Dabei finden derartige Auseinandersetzungen zumeist im Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse türkischstämmiger und muslimischer Personen statt, was zur Verschleierung gesamtgesellschaftlichen Sexismus beiträgt. Vor dem Hintergrund, dass Frauen in Deutschland aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert werden, indem sie beispielsweise bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit weniger verdienen als Männer, und unter Berücksichtigung der bestehenden Prostitutionsgesetze, muss sich die deutsche Gesellschaft die Kritik der Doppelmoralität gefallen lassen.

(Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd)

Christoph Schroeder

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