Management

„Bin ich Unternehmer oder was?“ Von der multiplen …

… Persönlichkeit in jedem von uns – von Andrej Schindhelm , Spezialist für Führungskräfteentwicklung, zertifizierter Gehirnentfaltungstrainer und ein Gründungsmitglied der Münchner Unternehmermanufaktur .

 

Worum geht es? Kurz gefasst: Um das Bewusstsein unterschiedlicher Facetten in sich und den bewussten Umgang damit im beruflichen Kontext

 

„Unternehmer!“ Was für ein klangvolles Wort: etwas unternehmen, selbständig sein Leben in die Hand nehmen, ein Unternehmen gründen und erfolgreich führen … zudem in der französischen Version des Entrepreneurs noch mit einem Hauch von Eleganz und Chic belegt. Wer möchte nicht ein solches Bild von sich haben? Kann man „Unternehmer lernen“, oder ist das eine Gottesgabe, und die einen haben es nun mal, und die anderen bleiben auf ewig im Lohn- und Gehaltsverhältnis?

 

Abgesehen davon, dass meine positive Belegung schönfärberisch verklärt ist, berufliches Unternehmertum mehr als ausreichend Risiken und Tiefen bietet und für viele nie erstrebenswert sein wird: In jedem von uns steckt ein Anteil von Unternehmer, ob wir es bisher wahrgenommen und eingesetzt haben oder nicht. Ich bin davon überzeugt, dass ein bewusster Umgang mit dieser Erkenntnis persönliche Chancen eröffnet, egal, in welchem beruflichen Kontext man sich gerade befindet. Folgendes Modell finde ich sehr hilfreich, weil es durch seine Vereinfachung für Klarheit sorgt:

 

Alle Hauptfunktionen in einem wirtschaftenden Unternehmen kann man den Kategorien 

– des Produzierens,

– des Ordnen, 

– und des Steuerns zuordnen.

 

Das Produzieren beinhaltet die eigentliche Wertschöpfung, egal ob es sich um eine Produktion oder eine Serviceleistung handelt. Es erzeugt das substanzielle Gut, welches am Markt gegen Erlös angeboten wird. Diese Funktion wird meist von der Berufsgruppe der Experten oder Fachkräfte wahr genommen. Die Funktion des Ordnens bietet die erforderlichen stabilisierenden Rahmenbedingungen und Stützprozesse, inklusive der Mess- und Regelkreisläufe in der Produktion. Dafür zeichnen üblicherweise Manager verantwortlich. Das Steuern beinhaltet den visionären Blick in die Zukunft, die darauf aufbauenden Strategien und den Umgang mit äußeren und inneren Veränderungen. Gängig ist, dass diese Funktion in den Händen des Unternehmers, der Geschäftsführung bzw. einiger weniger ausgesuchter Manager liegt. Jedem in einer Firma Tätigen ist üblicherweise klar, welche Funktion er in welcher Rolle ausübt (Ausnahmen bestätigen diese Regel). Wichtig ist, dass alle drei Funktionen bedient werden mit einem Bewusstsein der Bedeutung der jeweils beiden anderen für das gemeinsame Ergebnis. Denn zum Kollaps reicht das Patzen in einem Bereich, der Erfolg braucht jedoch alle drei Mütter: ohne Experten gäbe es zu wenig Qualität, ohne Manager zu wenig Stabilität, und ohne Unternehmer zu wenig Fortschritt.

 

Dieses Modell kann für verschiedene berufliche Umstände dienlich sein:  

 

Ein-Mann/Frau-Betrieb

Wer alleine ist, muss zwangsläufig alle drei Funktionen in sich vereinen. Natürlicherweise hat ein Mensch einen besonderen Hang zu einer der Rollen, meist abhängig davon, was er bisher gemacht hat und was ihm besondere Befriedigung bereitet hat, z.B. als ein guter Handwerker, guter Verkäufer oder guter Organisator. Die Besonderheit dieser Facette ist üblicherweise der Grund für den Schritt in die Selbständigkeit: hier war er besonders gut, hiermit gedenkt er als Selbständiger mehr Erfolg zu haben als im Angestelltenverhältnis. Die Herausforderung entsteht, wenn die beiden anderen Funktionen gefragt sind. Es kann sich jeder vorstellen, dass nur wenige Menschen gleich gut in allen drei Rollen sind. Eine übernimmt meist Kontrolle über die anderen. Mit unterschiedlichen Folgen: ein dominierender Experte produziert hohe Produkt-Qualität, mag dabei aber die Wirtschaftlichkeit vernachlässigen. Der dominierende Manager ordnet und überwacht vorbildlich nach ISO-Norm, könnte aber mangels kreativer Ideen Stillstand erzeugen. Und ein „Über-Unternehmer“ mag eine Menge visionärer Ideen starten, die jedoch mangels konsequenter Umsetzung im Sande verlaufen. Aber dies passiert eher selten: Viele Kleinunternehmer sind viel mehr Experte als Manager als Unternehmer. Es ist wichtig, sich selbst darüber ehrliche Klarheit zu verschaffen: wo liegt meine persönliche Stärke, um diese zu kultivieren, und bei welchen schwächeren Funktionen sollte ich  Unterstützung holen, z.B. in Form von Weiterbildung, Zukauf von Know-How oder Outsourcing der Aufgabe? Auch bei einer Ein-Mann/Frau-Firma ist die Harmonie aller drei Rollen Voraussetzung für dauerhafte Stabilität.

 

Firmen im Wachstum

Wenn eine Firma expandiert und in der Mitarbeiterzahl wächst, kann häufig der Effekt der (nicht)wandelnden Persönlichkeiten sichtbar werden. Der oder die Firmengründer zeichnen sich meist durch eine technische Expertise und unternehmerischen Tatendrang aus. Mit der Einstellung von Mitarbeitern und der damit einhergehenden Aufgabenteilung müssen die Firmengründer einen Rollenwechsel bzw. eine Rollenschärfung durchlaufen. Die Herausforderung dabei werden oft im Delegationsverhalten deutlich: Wie viel können sie loslassen, ist es eine echte Delegation oder werden nur die unangenehmen Dinge selektiv abgeschoben? Wird die Qualifikation von angestellten Experten als Bedrohung der eigenen Position empfunden, so dass zum Eigenschutz Wissen gezielt gehortet wird? Mit welchem Grad des Vertrauens kann einem angestellten Manager die Kontrolle über wichtige Kenngrößen überlassen werden? Expandiert eine Firma, erreicht sie irgendwann den Punkt, wo der Unternehmensgründer Position beziehen muss, in welcher Funktion und Rolle er sich zukünftig einbringen wird. Das muss nicht zwingend in der Unternehmensleitung sein. Ich kenne erfolgreiche Firmengründer, die sich sehr wirkungsvoll auf die Expertenrolle konzentrieren konnten, nachdem sie das Steuern ihrer Firma einem angestellten Geschäftsführer übertragen haben. Ein mutiger Schritt mit dem Bewusstsein für ein funktionierendes Ganzes und den eigenen Anteil daran.

 

Reife komplexe Firmensysteme

Je größer und etablierter die Unternehmung, desto kleiner ist üblicherweise die Größe und Wirkwucht des „eigenen Rädchens“. Die noch aus dem Industrialisierungszeitalter stammende gängige Arbeitsteilung reduziert den Beschäftigten meist auf eine Teilmenge einer Rolle und Funktion. Nachdem der Großteil repetitiver Tätigkeiten mittlerweile automatisiert ist, wird dieses Modell immer weniger zukunftsfähig: In der Wissens- und Informationsgesellschaft können weitere Produktivitätspotenziale nur durch Aufgabenintegration ausgeschöpft werden. Abläufe müssen von denen mitgestaltet werden, die sie durchführen. Rationalisierung durch Arbeitsteilung ist nur bei integrierten Aufgaben produktiv. Mitarbeiter, die Abläufe mitbestimmen und mitgestalten, werden an dieser Erfahrung wachsen: Weil sie sich auch mit den Rollen und Facetten einbringen können und müssen, die bisher ungefordert waren. Eine Situation, die enormes Potenzial an Engagement und Kreativität zum Wachstum der ganzen Firma freisetzen kann. Um dieses Potenzial zu heben, bedarf es eines Wandels an Einstellung und die systematische Etablierung eines leistungsfördernden Führungsstils.

 

Konsequenz:

Welcher Anteil dominiert Ihre momentane berufliche Situation? Malen Sie sich ruhig mal ihr eigenes Tortendiagramm und schätzen Sie ein, wie groß Ihr aktuell eingebrachter Anteil an „Unternehmer“, „Manager“ und „Experte“ ist. In welcher Rolle schlummert noch Potenzial, und welche Rahmen-bedingungen sind erforderlich, um dieses zu heben? Ich erinnere mich bei solchen Überlegungen gerne an die überlieferte Weisheit, dass das Leben zu 10 % aus Sachzwängen besteht, und zu 90 % daraus, wie wir darauf reagieren. An meiner persönlichen Quote arbeite ich nahezu täglich …

 

 

—————————————————– 

 

Zum Autor Andrej Schindhelm:

Der Autor Andrej Schindhelm (Jg. 1966) ist gelernter Betriebswirt und hat international als Kaufmännischer Leiter und Projektleiter in verschiedenen Branchen im Produkt-, Anlagen- und Beratungsgeschäft praktiziert. Er ist selbständig tätig als Spezialist für Führungskräfteentwicklung, zertifizierter Gehirnentfaltungstrainer und ein Gründungsmitglied der Münchner Unternehmermanufaktur:  www.unternehmermanufaktur.de.

ElSchnuppero

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.