Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Versuch über die Grenze – ein philosophischer Ausflug

 

In den letzten Wochen habe ich mich im Rahmen dieser Kolumne verstärkt mit Konflikt und Veränderung auseinandergesetzt. Ich möchte Sie heute zu einem kleinen philosophischen Ausflug verführen und Ihnen einige persönliche Überlegungen zum Thema Grenze anbieten. Es ist auch ein Ausflug über die Grenze der bisherigen Kolumnen, die doch immer auch sehr stark an unsere Lebens- und Arbeitswirklichkeit ausgerichtet waren. Von Zeit zu Zeit empfinde ich es jedoch sehr hilfreich, einen von unseren Anforderungen und Zwängen losgelösten Blick einzunehmen und diesen frei durch den Raum gleiten zu lassen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich ein Stück auf meiner Reise begleiten würden, und vielleicht entdecken Sie ja auch so die eine oder Anregung, die dann in Ihren Alltag transferiert werden kann.

 

In dem Wort Grenze schwingt für mich persönlich immer auch der Begriff des Abenteuers, des Neuen und der Andersartigkeit mit. Bilder des Aufbruchs, der Vorfreude auf Neues, ja eine fast kindliche Neugier stellt sich hier bei mir ein. Andererseits haben Grenzen auch etwas mit kämpfen, Schutz und Rückzug zu tun. Es gibt Spezialisten, die als Schmuggler, Flüchtlinge, Händler, Weltenbummler, Troubadoure, Schriftsteller, Tänzer, Musikanten, Yogis u.v.a. in oft höchst geschickter Weise mit Grenzen umzugehen wissen, dabei mitunter sehr gefährliche Abenteuer erleben und deren Erzählungen und Geschichten uns oft auch als Handlungsanweisungen für unsere Lebens- und Arbeitswelt dienen können.

 

Doch Grenzen sind für uns im Alltagsgebrauch auch etwas gewöhnliches und auf den ersten Blick selbstverständliches. Doch neben der Fragen wem oder was sie nützen, sollten wir uns auch hier die Frage stellen: Was tun sie in sich, was bringen sie hervor, für was stehen sie? Grenzen werden jeden Tag aufs Neue von uns geschaffen und treten in vielfacher Gestalt auf, als räumliche, soziale und zeitliche Grenzen. Grenzen sind somit etwas spezifisch menschliches.

 

Auch Tiere setzen Grenzen, markieren ihre Reviere oder Plätze. Sie vollführen dies jedoch in einer sehr direkten Art und Weise. Wir  hingegen ordnen unsere Welt durch Symbole und schaffen so eine eigene symbolische Welt. Im Zentrum des menschlichen Symbolschaffens steht schließlich die Vielfalt der von ihm erzeugten Grenzen. Sie gewähren ihm Schutz, sie garantieren ihm seine Besonderheit und schaffen Klarheit.

 

Grenzen beschreiben das Innen und Außen, das menschliche Miteinander von Etablierten und Außenseitern. Sie schaffen, im negativen Sinne, den Ausschluss, das nicht Dazugehören des Ausgeschlossenen (der Ausgrenzung) auf der anderen Seite der Münze, das Konzept des Dazugehörens, der Vereinnahmung und damit der Begrenzung des Lebensraums und der Definition des Ichs auf der anderen. Hier zeigt sich nun diese bemerkenswerte Dialektik. Der Mensch will Grenzen, aber andererseits ist er immer auch daran interessiert, Grenzen zu durchbrechen, sie zu überblicken und mehr oder weniger listenreich zu dehnen, zu überschreiten oder ganz einfach nur zu ignorieren.

 

Dort, wo es natürliche Grenzen gibt, wie Gebirge, Meere und den Tod, versieht der Mensch sie mit Symbolen und Ritualen. Somit weisen auch sie schließlich den Charakter des Geschaffenen auf. Grenzen werden zu künstlichen Orientierungslinien, durch die der Mensch symbolisch festgelegte Unterbrechungen von Vorgegebenem erschafft. Wir benötigen Grenzen, um das Leben in seiner Komplexität und fast grenzenlosen Möglichkeitsraum in nicht allzu großen, noch genießbaren und verdaulichen Teilstücken erfahrbar zu machen. Grenzen sind die Marker und Richtanker, die uns Rückmeldung über uns geben, und uns so eine Identität schenken. Denn erst durch Abgrenzung und Ausgrenzung entsteht Identität und Persönlichkeit.

 

Das gleiche gilt für die Zeit. Um beispielsweise dem Zeitablauf eine gewisse Ordnung zu geben, zerstückeln wir den kontinuierlichen Fluss der Zeit in Jahre, Tage und Minuten. Wir schaffen Intervalle, um uns symbolisch und begrifflich über den Prozess des zeitlichen Fortschreitens Klarheit zu verschaffen. Folgten wir dabei anfänglich noch einem Natur gegebenen Lebensrhythmus, unserer inneren Uhr, so verwandelte sich dieses naturgegebene Zeitempfinden im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt zu einem künstlichen, äußeren Zeiterleben. So scheint die Zeit losgelöst von uns zu existieren. Zu Beginn verbanden wir die Zeit noch mit naturgegebenen Symbolen und Konnotationen, die für uns fühlbar waren und uns durch unser alltägliches Leben begleiteten. Indem diese Zeitgrenzen sich jedoch immer abstrakter und künstlicher gestalteten, wurden sie für uns intuitiv nicht mehr lesbar, und verloren dadurch ihre allgemeine Gültigkeit. So muss heutzutage jeder einzelne für sich selbst erneut Symbole und Rituale finden, die ihm zeitliche und geistige Abgrenzungen ermöglichen.

 

Faszinierend sind für mich darüber hinaus auch immer wieder die bewussten Überschreitungen von Grenzen und die damit verbundenen Rituale. So wie die Grenze an sich Ordnung definiert, so ordnet wiederum das Ritual die Grenzverletzung. Das Hinüberschreiten in eine andere Wirklichkeit wird so gerade erst durch das Ritual für den Einzelnen erfahr- und begreifbar.

 

Es ist somit charakteristisch für Grenzen, dass sie nicht exakt sind, denn sie sind immer künstliche Unterbrechungen von etwas von Natur aus Kontinuierlichem. Auch die Zeit ist etwas Kontinuierliches, erst der Mensch teilt sie ein, ordnet sie und fügt sie in Grenzen. Dazwischen gibt es jedoch immer auch eine twighlight zone, ein Dazwischen der Ordnung, das Tiefe und Verschobene, das direkt unter der Oberfläche des Geordneten schlummert. Es gibt die geschaffenen Zwischenräume, die Niemandszeit des Sonntags, als Grenze zwischen zwei Arbeitswochen, oder das Niemandsland, welches symbolisch die Trennung von Staaten anzeigt.

 

Das ganze Leben verläuft hierdurch mäandrierend – abweichend von einer geraden Linie, es gleicht von oben betrachtet eher einem fortwährenden Ausschlenkern und Neu-Orientieren. Auf der Ebene des biographischen Lebens sind diese Abweichungspunkte von der Linie durch für uns sehr selbstverständliche Ankerpunkte gekennzeichnet, wie beispielsweise Geburtstage, Einschulung, Volljährigkeit, Hochzeiten und Begräbnisse. Durch die damit verknüpften Rituale werden  Niemandszeiten oder Übergangszeiten, Grenzen in unserer sozialen Zeit, angedeutet.

 

Solche Niemandszeiten und Niemandsländer sind von großer symbolischer Bedeutung. Sie trennen Räume und Perioden, sie haben zumeist den Anschein des Heiligen, des Unberührbaren, des Tabus und des Schutzes. Sie bezeichnen und markieren somit auch die Trennung des Vorher und Nachher in einem Veränderungsprozess.

 

Die Entfernung von der Natur mit der Betonung des Verstandes und der Vernunft, der „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) hat uns in alltäglichen Lebensfragen enorm geholfen und das Leben freier, planbarer und vielleicht auch auf die eine oder andere Weise einfacher  gemacht. Auf der anderen Seite hat uns diese Entzauberung auch von einer natürlichen, sprich von der Natur bestimmten Form des Erlebens entfernt. Diese bewussten oder unbewussten, ehemals durch Naturkräfte bestimmten, fast selbstverständlichen Räume des Außeralltäglichen müssen nun durch jeden Einzelnen in mühsamer Selbstfindung neu gezogen und definiert werden, um sich selbst als sinnhaftes Ganzes in der Welt  zu empfinden.

 

Fehlen nämlich exakte Grenzen, ob psychologische, wie z.B. ein konkretes Selbstkonzept und/ oder eine eindeutige Persönlichkeitsbeschreibung, oder auch soziale oder geografische, so kann es zu Verunsicherung, Verwirrung und Konflikten kommen. Es ist somit im menschlichen Leben als auch im sozialen Miteinander von existentieller Bedeutung durch Symbole Grenzen zu verdeutlichen und deren Überschreiten mit Ritualen zu versehen.

 

Grenzen sind somit etwas Ambivalentes. Zum einen schafft sie der Mensch, um sich zu schützen, um sich zu verbergen und um Ordnung zu gewährleisten bzw. soziales Miteinander planbar und damit menschliche Kommunikation und Handeln möglich zu machen, zum anderen stacheln sie seine Neugierde unablässig an, sind sie ein fortwährender Anreiz, um mit allerhand Tricks und Kniffen überschritten zu werden, um hinter sie zu blicken oder um insgeheim etwas über sie hinüberzuschaffen.

 

Darin liegt das eigentlich Spannende im Menschen, denn ohne diese Neugierde und ohne die Lust an der Grenzverletzung und der damit einhergehenden Veränderung würden Menschen und Kulturen immer im gleichen Zustand verharren. Diesem Wechselspiel von Begrenzung und Entgrenzung unterliegt auch unsere Arbeitswelt. Sich damit von Zeit zu Zeit aktiv auseinanderzusetzen kann so auch ein Finden und Wiederfinden des Einsseins in der Veränderung ermöglichen.

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

  

ElSchnuppero

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