Kolumnen

Eine Reise in sich hinein und über sich hinaus

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner

 

Heute: Harmonie verblödet oder warum wir so dringend mehr Konfliktfähigkeit benötigen

 

„Der Ursprung aller Konflikte zwischen mir und meinen Mitmenschen ist, dass ich nicht sage, was ich meine, und dass ich nicht tue, was ich sage“.



Martin Buber

 

Wir alle kennen sie: Konflikte! Von wollen kann jedoch meist keine Rede sein. Tief in uns verspüren wir oft eine fest verankerte Aversion gegenüber Konflikten. Wir versuchen, sie zu vermeiden, sie zu ignorieren oder sogar aktiv zuzudecken, um in der Folge erkennen zu müssen, dass wir mit unserem konfliktscheuen, um nicht zu sagen feigen, Vermeidungsverhalten die Situation meist nur verschlimmbessert haben.

 

Konflikte gehören zu unserem Alltag. Sie sind – richtig ausgetragen – das Salz in der Suppe. Sie schaffen Innovationen, Verbesserungen und ermöglichen Zukunft. Wir können Konflikten nicht entfliehen. Denn Individualität heißt Differenz, und Differenz bedeutet im Alltag nun mal meist Dissens. Der wiederum, natürlich immer vorausgesetzt, dass auch alle Beteiligten über eine ausreichende Konfliktfähigkeit verfügen, hilfreiche Informationen über die Situation und das soziale Miteinander ans Licht bringt.

Darüber hinaus bietet er auch für alle Beteiligten enorme Lernmöglichkeiten, um sich und die anderen Konfliktbeteiligten nicht nur besser verstehen zu können, sondern vielleicht auch die Einsicht und das Feingefühl, um Probleme zukünftig frühzeitiger zu benennen und damit Konflikte gar nicht erst eskalieren zu lassen.

 

Beharrlich hält sich jedoch nach wie vor das feste Vorurteil, dass Unternehmen, Familien oder Freundschaften nur durch das harmonische Miteinander, das Einverständnis untereinander und die vermeintliche Rücksicht aufeinander zusammengehalten werden.

 

Nur selten setzt sich leider die Einsicht durch, dass es gerade nicht die Harmonie ist, die den sozialen Kitt im Zwischenmenschlichen bereitstellt, sondern der Umgang mit Konflikten.

 

Selbstverständlich gilt es an dieser Stelle ganz klar die Abstufungen im Auge zu behalten, die zwischen einer kontrafaktischen (friedhöflichen) Pseudoharmonie und einer kommunikativen oder schlimmstenfalls sogar physischen Massenschlägerei bestehen. Konflikte können nur dann positiv genutzt werden, wenn sich alle Beteiligten über gewisse Regeln verständigen, und auf diese Weise eine tragbare Konfliktkultur aushandeln, an die sie sich in der Folge auch halten.

 

Es sind meist einfache Regeln, die in Konfliktsituationen hilfreich sind. Ich möchte an dieser Stelle nur einige kurz aufführen (Sie können sie ja nach Belieben ergänzen):

 

– Eine ziel- und lösungsorientierte Moderation des Konflikts, gerade am Anfang, wenn nötig, durch einen externen Berater begleitet. Später sollte diese Position des Moderators jedoch durch ein geeignetes Teammitglied besetzt werden.

– Ausreden lassen

– Zuhören

– Sich Zeit nehmen

– Respekt und Achtung

– Aufmerksamkeit und Achtsamkeit

– Vermeiden von kommunikativen Totschlägern

– Kein herabsetzendes Verhalten

– Keine Schläge unter die Gürtellinie (Denken Sie immer daran: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ s. GG §1)

– Verbot des Bloßstellens und Mundtot-machens

– etc.

 

Selbstverständlich gibt es im Alltag immer wieder auch Konflikte, die selbst durch Moderieren, Flehen und Appellieren nicht verhandelbar werden. Was also tun? In diesem Fall bedeutet den Konflikt zu lösen, sich selbst vom Konflikt zu lösen, in dem man vom Spielfeld auf die Tribüne ausweicht, und sich zu den Unbeteiligten setzt. Sollte dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich sein, bleibt immer noch der Ausstieg oder die Trennung. In diesem Fall muss man leider den oder die Anderen ziehen lassen oder ggf. selbst gehen. „Denn alles verändert sich, es sei denn irgendwer oder –was sorgt dafür, dass es bleibt wie es ist“, wie Fritz B Simon einmal trefflich bemerkte. Veränderungsbereitschaft, der Wille, sich auf Neues einzulassen, muss daher meines Erachtens als eine der Grundvoraussetzungen für Konfliktfähigkeit angesehen werden.

 

Darüber hinaus ist es aber auch hilfreich, anzuerkennen, dass gewisse Konflikte aus ihrer Natur heraus – dies gilt insbesondere auch in unternehmensspezifischen Kontexten – einfach nicht lösbar sind, da bekanntlich die Problemlösung von heute schon das Problem von morgen in sich birgt. Unterschiedliche Ziele, differente Anforderungen der einzelnen Bereiche oder persönliche Bedürfnisse machen die Menschen automatisch zu Konkurrenten und eine endgültige Konfliktlösung damit oft unmöglich. Wir könnten daher, selbst wenn wir es wollten, nicht immer wohlwollend sein. Denn unsere Ziele, unser Verständnis von ihnen und damit unsere Interessen kollidieren fast unvermeidlich miteinander.

 

Was verbindet uns dann aber im Konflikt? Wie schaffen wir es dann, Konflikte im Interesse des Gesamtziels nutzbar zu machen und als Anstoß  für Veränderungen und Verbesserungen anzunehmen?

Über Verständigung! Was uns nämlich zusammenführt, ist das gemeinsame Verständnis des Konflikts und der dahinter liegenden Probleme. Es ist der Blickwechsel über den eigenen Tellerrand hinaus, der das Verständnis schafft, dass der Andere in seiner Andersartigkeit, gerade auch in seiner anderen Sicht der Dinge, von mir benötigt wird, auch um meine eigenen Ziele zu erreichen. Konflikte können somit Identität schaffen, ein Gefühl von Zugehörigkeit und ein nachhaltiges Teamverständnis.

 

So verstanden, bergen Konflikte einen wahren Schatz für Unternehmen, aber auch für die am Prozess Beteiligten. Sie weichen starre, verhärtete Grenzen auf, schaffen Verständnis für die Zwänge und Abläufe des Anderen und können im gemeinsamen Aushandeln zu nachhaltigen Verbesserungen und Innovationen führen. Anders gesagt: Konflikte sind, intelligent ausgehandelt, schlicht und einfach produktiv.

 

Wenn wir also auch noch in Zukunft erfolgreich sein wollen, sollten wir endlich damit aufhören, Konflikte durch Konfliktimpotente, den friedhöflichen Pseudoharmonisten und den kommunikativen Totschlägern, verdecken zu lassen, oder für den Unternehmenserfolg durch Machtspielchen vergiften und unbrauchbar machen zu lassen. Es gilt, Konflikte offen auf den Tisch zu legen und mit passenden Strategien und Verhaltensweisen im Interesse aller nutzbar zu machen.

 

Konfliktfähigkeit ist daher – meines Erachtens – die Schlüsselqualifikation der Zukunft. Fördern und fordern Sie dahingehend in Ihrem Unternehmen eine offene und konstruktive Konfliktkultur. Der  Erfolg wird Ihnen Recht geben.

 

 

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Profil des Autors:

 

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

 

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

ElSchnuppero

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