Energie & Umwelt

Fachinterview mit Justus Schütze über Strompreise und Stromhandel

Fachinterview mit dem Strommarktexperten Justus Schütze über die Leipziger Strombörse und den Stromhandel, falsche und richtige Strompreise sowie die Social Energy Plattform www.buzzn.net zur Direktvermarktung von ökologisch erzeugtem Strom ohne Margen für Zwischenhändler. (Zum Audio-Podcast: hier.)

 

Guten Tag Herr Schütze. Sie sind Strommarktexperte und haben durch ihre zehnjährige Tätigkeit als Stromhändler u. a. an der Leipziger Börse tiefe Einblicke in den Strommarkt und die Gestaltung der Strompreise erhalten. Dann erfolgte – wie Sie es im Vorfeld nannten – die Wandlung vom „Saulus zum Paulus“. Bitte stellen Sie sich unseren Zuhören kurz vor und erläutern Sie, was es mit dieser Wandlung auf sich hat.

JS: Erst einmal vielen Dank, Herr Brümmer, dass ich heute hier zu Wort kommen darf. Mein Name ist Justus Schütze, ich bin 40 Jahre alt, verheiratet und wohne in Wolfratshausen bei München. Nach meinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in England habe ich ein Trainee-Programm als Börsenmakler in Frankfurt am Main absolviert. Zu dieser Zeit (das war im Jahr 1998) wurde der deutsche Strommarkt liberalisiert. Das sah ich damals als Chance an, von Anfang an in diesem neuen Markt mit dabei zu sein. So habe ich dann als Stromhändler für verschiedene Energiekonzerne gearbeitet, zuletzt für die Firma Vattenfall. Dort war ich unter anderem auch für die Umsetzung des europaweiten CO2-Emissionsrechtehandels zuständig, der im Jahr 2005 begann, aber eben auch für die Vermarktung von Atomstrom an der Leipziger Börse. Im Jahr 2007 – dem Jahr, in dem es mehrere Störfälle in den AKWs von Vattenfall in der Nähe von Hamburg gab – habe ich dann beschlossen, dass es für mich keinen rechten Sinn mehr macht, weiter für einen Atomkonzern zu arbeiten. Stattdessen habe ich mir gedacht, dass es jetzt Zeit für mich ist, meine Kenntnisse vom Börsengeschehen lieber den erneuerbaren und dezentralen Energien zugutekommen zu lassen. Insofern also meine Wandlung vom Saulus zum Paulus, obwohl ich dazu sagen möchte, dass ich aus einem ökologisch sehr bewussten Elternhaus stamme und mein Ausflug in die Welt der Finanzen und des Energiehandels eigentlich eher aus einer gewissen Neugier heraus passiert ist.

Über die Details, wie es an der Leipziger Strombörse zugeht, weiß nur ein kleiner Kreis von Insidern Bescheid. Lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen werfen und erzählen Sie doch bitte, was Sie aus dieser Zeit als Fazit mitgenommen haben.

JS: Die Leipziger Strombörse EEX ist für mich eigentlich das Symbol eines kaputten Energiemarktes. Zum einen, weil dort ein krasses Ungleichgewicht herrscht zwischen den wenigen Produzenten und den vielen Nachfragern von Strom. Zum anderen, weil sich in diesem Markt Strom aus Erneuerbaren Energien sowie aus hocheffizienter Kraft-Wärme-Kopplung, der eigentlich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber konventionellem Strom haben müssten, trotzdem nicht ohne Subventionen durchsetzen kann. Man könnte also sagen, dass die Preise an der EEX falsch sind, da sie erstens keinen echten Wettbewerb widerspiegeln und zweitens die ökologischen und sozialen Folgen der Stromerzeugung schlicht nicht enthalten.

Sie sprachen eben von „falschen Strompreisen“. Was genau ist daran falsch und wer zieht uns Verbraucher über den Tisch?

JS: Wie gesagt, die Preise im heutigen Strommarkt sind deshalb falsch, weil sie in keinem Wettbewerbsmarkt entstehen. Und auch den sozialen und ökologischen Fußabdruck des Produkts Strom nicht widerspiegeln. Über den Tisch gezogen wird also jeder von uns, der nicht direkt an den privaten Gewinnen der Stromkonzerne teilhat, sondern auf dessen Schultern die Folgeschäden der konventionellen Energiewirtschaft abgeladen werden. Eben nach dem Motto: Gewinne privatisieren – Verluste sozialisieren.

Aus diesen Erfahrungen heraus kam ja der von Ihnen beschriebene Wandel vom „Saulus zum Paulus“. Mit Partnern zusammen haben Sie dann einen Paradigmenwechsel herbeigeführt und das erste soziale Energieportal für die Direktvermarktung von selbstgemachtem Strom gegründet. Bitte erklären Sie kurz das Prinzip dieser Social Energy Plattform namens „buzzn“ (www.buzzn.net).

JS: Das Prinzip ist ganz einfach. Bei buzzn teilen private Stromgeber ihre überschüssige, selbstgemachte Energie mit den Stromnehmern über einen gemeinsamen Pool, den „People Power Pool“. buzzn ist dabei nur die Plattform, also eigentlich ein Werkzeug. Es entsteht ein geschlossener Kreislauf aus Strom und Geld zwischen den Benutzern von buzzn. Der Paradigmenwechsel besteht darin, dass es keiner großen Energiekonzerne mehr bedarf, sondern dass die Gemeinschaft der Benutzer sich mithilfe unserer Plattform selbst versorgen kann.

 

Ist das nun eine Ergänzung zu bestehenden Stromverträgen, oder kann man auf diese dann ganz verzichten?

JS: Was die Einspeiseseite angeht, ist unser Stromgebervertrag eine Ergänzung zum Netzanschlussvertrag des Stromgebers mit seinem lokalen Netzbetreiber, und ggf. auch eine Ergänzung zum Einspeisevertrag, sofern er einen solchen abgeschlossen hat.

Was die Bezugsseite angeht, ersetzt unser Stromnehmervertrag allerdings komplett den bisherigen Liefervertrag zwischen dem Stromnehmer und seinem bisherigen Lieferanten. So, wie es heute immer der Fall ist, wenn ein Letztverbraucher seinen Lieferanten wechselt.

Wie hoch ist der Aufwand, einerseits für diejenigen, die Strom aus ihrem Mini-Kraftwerk anbieten, wie auch für die, die direkt selbstgemachten Strom über buzzn beziehen wollen?

JS: Unser Team übernimmt den Wechselprozess sowohl für die Stromgeber als auch für die Stromnehmer vollständig. Der Aufwand für zukünftige buzzn Benutzer besteht also nur darin, sich aufzuraffen und uns den Auftrag zu erteilen. An dieser Stelle vielleicht noch der Hinweis, dass wir jetzt erst einmal mit Stromgebern starten, die ein Blockheizkraftwerk (BHKW) betreiben. Später werden wir aber auch Stromgeber mit anderen Erzeugungsanlagen bei buzzn aufnehmen können, z. B. solche mit Wind-, Wasser und Solaranlagen.

Wie steht es um die Abnahmegarantie und auch die Versorgungssicherheit?

JS: buzzn garantiert jedem Stromgeber die Abnahme seiner gesamten Netzeinspeisung. Unsere Stromnehmer genießen dieselbe Versorgungssicherheit wie konventionelle Letztverbraucher auch. Dass es beim Lieferantenwechsel zu Stromausfällen kommen kann, ist übrigens ein Schauermärchen, denn der Strom fließt immer an Steckdose. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass es beim Lieferantenwechsel Schwierigkeiten gibt, ist der lokale Grundversorger gesetzlich verpflichtet, einzuspringen.

Ist das Stromportal für jeden geeignet, also auch für mittelständische Betriebe, oder eher nur für Privathaushalte?

JS: buzzn ist für jeden Stromgeber oder Stromnehmer geeignet, dem es in erster Linie um ein neues, demokratisches Energiesystem geht. Bei buzzn hat jede Kilowattstunde ein Gesicht. Es ist egal, ob es das Gesicht eines mittelständischen Unternehmers ist, der seinen Betrieb mit einem Blockheizkraftwerk ökologisch sinnvoll beheizt und dabei gleichzeitig auch noch überschüssigen Strom erzeugt, den er dann als Stromgeber über buzzn teilt. Oder ob es das Gesicht einer Mieterin ist, die in ihrer Wohnung sehr sparsam mit Strom umgeht und sich als Stromnehmerin bei buzzn dafür mit einem Anti-Mengenrabatt finanziell belohnen möchte.

Auf den Punkt gebracht: Die Vorteile von Buzzn sind?

JS: Jeder Benutzer von buzzn leistet einen aktiven Beitrag zu einem gemeinschaftlichen, ökologischen und selbstbestimmten Energiesystem. Bei buzzn geht es vor allem um die Freude am Teilen und Tauschen von selbstgemachter Energie und die daraus resultierende Unabhängigkeit von den Konzernen. Natürlich gibt es auch kleine finanzielle Vorteile. Unsere Stromgeber erhalten etwas mehr für ihren vermarkteten Strom als bisher, und die Stromnehmer zahlen in der Regel etwas weniger als beim konventionellen Lieferanten. Der Vorteil von buzzn ist in erster Linie aber das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich die Macht über ihre Energieversorgung wieder zurückholt. Nicht umsonst ist unser Slogan „People Power“.

 

Abschließend möchte ich Sie noch um Ihre Einschätzung zu dem gegenwärtig ausgehandelten Atomausstieg und zu der Energiewende bitten. Sind wir auf einem guten Weg? Wo liegen die Risiken?

JS: Auch wenn die Regierung erst durch die traurigen Ereignisse in Japan und den massiven Druck von der Straße dazu gezwungen werden musste, ist es aus unserer Sicht gut, dass der Atomausstieg jetzt kommt. Denn die Atomwirtschaft war und ist eine chaotische Wirtschaftsform, die jetzt unbedingt schnell beendet werden muss.

Aller letzte Frage mit der Bitte um eine knackige Antwort: Mal angenommen die Bundesregierung bündelt die Energiekompetenz in einem Energieministerium und bestellt Sie zu dem neuen Energieminister. Was wären Ihre ersten und wichtigsten Amtshandlungen?

JS: Die derzeit strittige Brennelementesteuer würde ich fallen lassen. Stattdessen würde ich das bestehende Handelssystem für CO2-Emissionsrechte ausweiten, und zwar auf atomare Strahlungsrechte. Jeder Betreiber eines Atomkraftwerkes müsste diese vom Staat ersteigern, wenn er beabsichtigt, aus Uran Strom zu erzeugen. Die Erlöse aus der Versteigerung würden in einen Fonds fließen, aus dem die Aufräumarbeiten des atomaren Chaos, also z. B. die Endlagerung, mitfinanziert werden. Jedes Jahr würden weniger Strahlungsrechte versteigert werden, bis irgendwann gar keine mehr versteigert werden. Das ist dann das Ausstiegsdatum, wie es von der Mehrheit der Bevölkerung im demokratischen Prozess, z. B. einem Volksentscheid, festgelegt wurde.
Der Charme an Strahlungsrechten ist, dass man das dazu nötige Cap & Trade-System samt Infrastruktur einfach aus dem CO2-Emissionsrechtehandel kopieren kann. Später könnte man es auf weiter umweltbelastende Parameter ausweiten, wie z. B. auf die Zerstörung von Artenvielfalt, die Versiegelung von Landschaft, das Abholzen von Urwald und dergleichen.

Im Ergebnis wäre dies die Internalisierung von ökologischen und sozialen Schäden, die dazu führt, dass aus den vorhin besprochenen falschen Preisen wahre Preise werden. Diese wahren Preis würde dazu führen, dass die künstliche Verbilligung von Atomkraft aufhört, der Strompreis an der Börse vorübergehend steigt, und die erneuerbaren, effizienten und sparsamen Technologien sich aufgrund ihrer niedrigeren Gestehungskosten von ganz alleine in einem gesunden Marktumfeld durchsetzen. Die heutigen Subventionen für die Erneuerbaren Energien sowie die Kraft-Wärme-Kopplung könnten somit entfallen.

Herr Schütze, vielen Dank für das interessante Gespräch!

JS: Sehr gerne Herr Brümmer.

 

Das Interview führte Marc Brümmer von der AGITANO-Redaktion.

 

ElSchnuppero

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