Kolumnen

Me, myself and I – Unverhofft kommt oft

Die wöchentliche Business-Kolumne von Ulrich B Wagner mit dem Titel "Me, myself and I – eine Reise in sich hinein und über sich hinaus"

Heute: Unverhofft kommt oft: über Beinahekatastrophen und ihre großen Brüder

 

„Denn jeder Anfang ist nur Fortsetzung, und das Buch der Ereignisse ist immer aufgeschlagen, mittendrin.“
(Wislawa Szymborska, Liebe auf den ersten Blick, in „Auf wiedersehen. Bis morgen“, Gedichte, Suhrkamp, 1998)

 

Wislawa Szymborska erzählt in ihrem wunderschönen Liebesgedicht die Geschichte zweier Liebenden, die fest davon überzeugt sind, dass ein plötzliches Gefühl sie vereint hat, obwohl der Zufall schon lange mit ihnen gespielt hatte. „Noch nicht ganz Schicksal brachte er sie mal zusammen, mal auseinander, versperrte den Weg, sprang zur Seite, kichernd. Es gab Zeichen, Signale, zwar unleserliche, na und?“

Wislawa Szymborska spricht hier sehr schön das Phänomen der selektiven Wahrnehmung an, des nicht registrierten Augenblicks, der nicht wahrgenommenen Hinweise und verpassten Möglichkeiten. Das Phänomen, das hier im Fall der schließlich doch gefundenen Liebe ein positives Happyend findet, kann in anderen Fällen den Übergang von einer Beinahe- zu einer echten Katastrophe darstellen.

In einer vor kurzem veröffentlichten Studie von Tinsley, Dillon und Madsen zum Thema Risikomanagement (How to Avoid Catastrophe, Harvard Business Review, April 2011), zeigen die Autoren sehr eindrucksvoll, wie oftmals zahlreiche kleine Fehler ein späteres großes Unglück ankündigen. Mehr Achtsamkeit sowie ein offenerer und konstruktiver Umgang mit Fehlern würde demnach nicht nur helfen, Krisen besser vorherzusehen, sondern auch, ihr Entstehen zu vermeiden.

Menschen neigen dazu, Beinahekatastrophen nicht nur zu ignorieren, sondern sie sogar falsch oder auch gar nicht zu interpretieren. frei nach dem Motto: „Bisher ist ja immer alles gut gegangen“. Was mit kleinen, oft unbemerkten Fehlern beginnt, die sich im Alltag einschleichen und bis dato keinen unmittelbaren Schaden angerichtet haben, kann, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern und/oder der Faktor Glück sich verabschiedet, in einer echten Katastrophe enden. Häufig gehen kleine Unachtsamkeiten, Ungereimtheiten und Abweichungen diesen Katastrophen voraus und können damit unbemerkte, verschwiegene oder ignorierte Vorboten einer Krise sein.

In den letzten Wochen und Monaten wurde im Zuge der Griechenlandkrise immer wieder von der mangelnden Disziplin und der fehlenden Leistungsbereitschaft von Teilen der griechischen Bevölkerung, den administrativen Defiziten des griechischen Staates oder den betrügerischen Machenschaften beim EU-Beitritt diskutiert, ohne erkennen und zugeben zu wollen, dass man bereits vor über 10 Jahren gewusst hat, was auf einen zu kommt. Man hat es schlichtweg ignoriert, ohne daraus auch nur eine Maßnahme zur Gegensteuerung zu ergreifen.

Europa wurde als Selbstläufer gesehen, der die Griechen verkraften könnte, wie der Berliner Professor Herfried Münkler es in seinem Spiegel-Essay von dieser Woche nannte. 

 

 Auch in Unternehmen ist es meist eine Verquickung von Umständen, kleine, scheinbar unbedeutsame menschliche oder technische Fehler oder auch falsche Unternehmensentscheidungen. Erst wenn das Wetter sich dreht oder “begünstigende“ Umstände den Prozess befeuern, entstehen dann aus diesen vormals latenten Fehlern echte Katastrophen.

Verantwortlich hierfür ist das, was in der Psychologie selektive Wahrnehmung genannt wird. Ein Phänomen, bei dem nur einige bestimmte Aspekte der Umwelt wahrgenommen, andere wiederum ausgeblendet werden. Solange alles gut geht, werden Fehler nicht als solche gesehen und damit auch nicht thematisiert. Warum auch nicht, mögen Sie sich denken, wenn bisher doch Alles wunderbar geklappt hat. Leider oftmals auch nur bisher. Nämlich genau so lange, bis die Umstände sich ändern bzw. neue Faktoren und Rahmenbedingungen auftreten, die das bisher Ignorierte ans Tageslicht spülen. Durch dieses Verhalten blenden wir jedoch das Risiko aus und werden zudem in der Folge fatalerweise meist auch noch risikofreudiger. Es ist eine „Augen zu und durch“- Mentalität, die lehrreiche Fehler ignoriert, statt sie dafür zu nutzen, die Arbeit in der Folge zu verbessern, und um zukünftig Risiken und Katastrophen im Vorfeld zu vermeiden. Frei nach dem Motto: „Es ist ja nichts passiert…“

Eine weitere Form der selektiven Wahrnehmung, der sogenannte „Outcome-Bias“ besteht darin, dass Menschen, die mit einem positiven Ergebnis konfrontiert sind, sich mehr mit dem positivem Ergebnis an sich beschäftigen, als auf die in der Regel unbeachteten, dahinterliegenden, komplexen Prozesse.

Häufig sind in Unternehmen oder in der Politik diejenigen, die den Schlamassel verbockt haben, schon wieder weg, und die Suppe haben dann andere auszulöffeln. Aber auch dort, wo dies nicht der Fall ist, wird häufig nicht dazugelernt, und Fehler nicht als das erkannt, was sie sind: ein kleiner Schatz.

Nachhaltigkeit und langfristiger Erfolg beruhen auf der Fähigkeit aus Fehlern zu lernen. Hierzu ist es aber erst einmal notwendig, diese auch sehen zu können, sie sehen zu wollen und schließlich der Mut, diese auch zu benennen.

Häufig trifft man jedoch in Unternehmen eher auf eine Kultur, die dazu verführt, Fehler zu vertuschen oder an nachgelagerte Stellen und Bereiche weiterzureichen, und seine Hände, frei nach dem Motto: „Den Letzten beißen die Hunde“, unter dem Deckmäntelchen des unwissenden Unschuldslamms auf Kosten Anderer rein zu waschen.

Eine konstruktive Fehlerkultur benötigt Freiräume, in denen ohne Zeitdruck offen über Abweichungen und vermeintlich kleine Fehler miteinander gesprochen werden kann. Dies gelingt jedoch nur in einem gemeinsamen Miteinander, das auf Sicherheit und Vertrauen, statt auf Misstrauen und Schuldzuweisungen aufgebaut ist. Nur so ist eine konstruktive Ursachenforschung möglich an Stelle einer aktionistischen Symptombehandlung, in deren Verlauf alle Beteiligten hektisch auf die Blase im Teppich hüpfen, ungeachtet des Wissens um die Tatsache, dass diese an anderer Stelle wieder an Erscheinung tritt.

 

 Diese Veränderung in der Unternehmenskultur kann gelingen, wenn alle Beteiligten sich verpflichten, Verantwortung zu übernehmen, und lernen, offen zu kommunizieren, sowie Fehler als das anzuerkennen, was sie sind, nämlich Möglichkeiten, sich zu verbessern und dazuzulernen. Dieser Wandel in der Unternehmenskultur funktioniert nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis der Bereitschaft, sich immer wieder kritisch und konstruktiv mit sich selbst und Anderen auseinanderzusetzen. Denn erst wenn eine offene Fehlerkultur nach dem Motto: „Augen auf und dabei“ zur alltäglichen Routine wird, in der der Mut, Fehler auch einzugestehen, unterstützt und anerkannt wird, können Krisen und Katastrophen zukünftig auch im Vorfeld vermieden werden.

Ich wünsche uns Allen zukünftig den Mut zu einer offenen und lehrreichen Fehlerkultur.

Ihr

Ulrich B Wagner

 

Ulrich B Wagner

Zum Autor:

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Ulrich Wagner arbeitet als Managementberater und systemischer Coach mit den Schwerpunkten Business- und Personal Coaching, Kommunikations- und Rhetoriktrainings, Personalentwicklung, Begleitung von Veränderungsprozessen und hält regelmäßig Vorträge und Seminare.

Zu erreichen: via Website www.ikcm.de, via Mail uwagner@ikcm.de, via Xing und Facebook (Ulrich B Wagner).

ElSchnuppero

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