Kolumnen

Same, same but different?! Was bedeutet eigentlich autochthon?

… die monatliche Genusskolumne "GENIUS LOCI: infinito marche – unendliche Marken" aus der italienischen Region Marken von Paul Nauwerk (Sommelier) und Ulrich B Wagner.

Soll nach Barrique, Terroir und Sponti nun autochthon zum Kultbegriff der Weinliebhaber avancieren? Ist autochthon also doch nur ein weiterer Modebegriff für Weinsnobs? Bitte nicht, sagen die Weinkolumnisten von Genius Loci, Paul Nauwerk und Ulrich B Wagner. Wir trinken und genießen sie einfach, die autochthonen Weine.

Eine kleine Begriffsbestimmung.

Was bedeutet eigentlich das in letzter Zeit immer häufiger zu vernehmende Wörtchen autochthon, und was hat das Ganze bitteschön mit Wein zu tun?

Einer der zehn Könige des untergegangenen mythischen Inselreiches Atlantis, das der griechische Philosoph Platon in seinen um 360 v.Chr. verfassten Dialogen Timaios und Kritias erwähnte, trug den Namen Autochthon. Laut der Erzählung sei Atlantis um 9600 v. Chr. nach einem gescheiterten Angriff auf Athen in Folge einer Naturkatastrophe innerhalb eines einzigen unglückseligen Tages und der darauffolgenden Nacht schließlich untergegangen. Keine Reben. Kein Wein. Eine intellektuelle Sackgasse. Und nun?

Der Begriff autochthon entstammt dem Griechischen. Es enthält die Worte autos – selbst und chthon – Erde und bedeutet so viel wie: an Ort und Stelle entstanden, bodenständig, in Tradition und Kultur verwurzelt. Oder in unserem Kontext ausgedrückt: Autochthone Reben sind einheimische Sorten, die seit Anbeginn des Weinanbaus (in sehr strengem Sinn!) in einem bestimmten Anbaugebiet, einer bestimmten Region kultiviert werden. Sie haben sich an den Boden und an die klimatischen Bedingungen angepasst und fühlen sich dort zuhause. Im Weinbereich spricht man daher auch von traditionellen Rebsorten der Region. Sie sind regionaltypisch. Das Gegenteil von autochthon ist allochthon: gebietsfremd. Jede internationale Rebsorte ist außerhalb ihres Ursprungs somit allochthon.

Aber wann sprechen wir denn nun von autochthonen Reben, und wie lange dauert es überhaupt, bis eine oft aus guten Gründen eingeschleppte Rebsorte einheimisch wird? Vier oder gar 23 Generationen? Gleichzeitig jedoch sprechen manche von autochthonen Neuzüchtungen. Zu recht! Geisenheim, Weinsberg und Geilweilerhof, die bedeutendsten Rebzuchtanstalten der Welt, lassen grüßen. (Darauf einen autochthonen Rheingauer Müller-Thurgau!)

Jede Rebsorte ist autochthon, irgendwo. Auch diejenigen, die am weitesten verbreitetet sind, wie Chardonnay und Merlot: In Burgund respektive Bordeaux.

Ist autochthon also doch nur ein neuer Modebegriff, wie eingehend bereits vermutet?

Beispiel Italien

Italien gilt als eines der reichsten Länder der Welt, was die Vielfalt der Rebsorten angeht. In seinen Weinbergen wachsen rund 350 bekannte Varietäten. Einige sind weltberühmt. Andere haben nur regionale oder lokale Bedeutung. Weitere 330 namentlich bekannte Rebsorten existieren nur noch als genetisches Material in Genbanken. Und schließlich gibt es schätzungsweise 1200 Sorten, die noch gar nicht katalogisiert sind, weil von ihnen nur noch einzelne Stöcke existieren. Insgesamt gibt es so gesehen in Italien nur relativ wenige allochthone, sprich internationale Rebsorten. Von den annähernd weit über 1800 verschiedenen Rebsorten Italiens (Quelle: Italienisches Institut für Außenhandel, 2010) sind fast alle autochthon, bzw. halbautochthon eingewöhnt, das heißt, sie schwappten zumindest vor Jahrzehnten aus den Nachbarregionen herüber. Und auch wenn es nur wenige internationalen Rebsorten gibt, wie Merlot und Co., so wurden diese doch massiv neugepflanzt, und das auf Kosten der autochthonen Rebsorten. Der Merlot beispielsweise war und ist tatsächlich in, auch in den Marken. Aber keine Sorge, irgendwann wird auch er authochthon geworden sein. Gleiches gilt für die Syrah, die sich, ebenso wie wir, sehr wohl fühlt in den Marken.

Aber noch beliebter, zumindest vor Ort, in den vielen Strandrestaurants der Marken, sind zurzeit zwei autochthone Rebsorten, nämlich Passerina und Pecorino. In Deutschland müssen sie sich zwar erst noch herumsprechen, doch wir sind sicher, dass sie auch hier viele Liebhaber finden werden, und möchten sie Ihnen, nicht zuletzt aus diesem Grund, gerne näher vorstellen.

Die wenigen internationalen Rebsorten Italiens stammen fast ausnahmslos aus Frankreich, denn der französische Einfluss in der Weinwelt war im 19. und 20. Jahrhundert überwältigend. Mittlerweile ist das jedoch vorbei. Frankreich gilt nicht länger als Vorbild, und inzwischen finden sich überall auf der Welt bestausgebildete Oenologen, und in den meisten Anbaugebieten besinnt man sich der traditionellen, autochthonen Rebsorten.

 

Was zunächst wie ein Marketingnachteil aussah, wandelt sich jetzt in einen Vorteil. Ist es nicht so: Sie kannten bereits den allochthonen Pinot Grigio, der im Veneto autochthon ist und bei uns Grauburgunder heißt, aber sie kannten noch nicht die Passerina? Umso besser! Eine Neuentdeckung.

Was ist nun das besondere an sogenannten autochthonen Rebsorten?
Was macht autochthone Rebsorten so interessant für Weingenießer?

Zunächst sind sie ein riesiger Fundus an Neuentdeckungen für neugierige und experimentierfreudige Weinfreunde, und sie bieten ungeahnte (und manchmal auch ungewollte) Geschmackserlebnisse.

Außerdem sind es Rebsorten, die oft über Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende Bezug zum Land und zu den Winzervorfahren haben. Sie sind perfekt aufeinander abgestimmt. Sie passen einfach zueinander.

Sie drücken den Geschmack der Region oft authentischer aus als die internationalen Rebsorten. Zum einen, weil sie sich über lange Zeit aufeinander eingestimmt haben. Zum anderen, weil sich in alten Rebsorten natürlich mehr Geschmackstradition bewahrt hat, als in den modernen, die Großmutter noch nicht kannte.

Ein Wein schmeckt im Ansatz aber immer auch ein wenig nach dem Geschmack und der Vorliebe des Winzers. Und Geschmacksvorlieben werden bekanntlich von der Umwelt geprägt. Wie beim Kochen schmeckt der Kellermeister jeden Wein ab, und erst wenn er ihm „rebsortentypisch“ und „regionaltypisch“ genug schmeckt, wird er abgefüllt. Das ist natürlich der traditionelle Idealfall. Denn die Geschmacksvorlieben einer Region spiegeln sich in ihren Weinen wider, und bei den traditionellen Rebsorten eben auf traditionellere Art.

Zurück zum Ursprung lautet also die Devise, wenn man sich für autochthone Rebsorten stark macht.

Bei unseren Beispielweinen Ampor und Curtes aus dem Hause Le Corti dei Farfensi schmeckt man die regionale Eigenart der Marken auf ganz besondere Weise heraus.

Im Ampor, zu 100% aus der autochthonen Passerina gekeltert, schmeckt man die Sanftheit und Harmonie der schönen Hügellandschaft. Beim Curtes, zu 100% aus autochthonen Pecorino-Trauben, schmeckt man die ausgewogene Mineralität und Fülle der kalkgeprägten Böden. Es sind Weine mit einem deutlichen Bezug zu ihrer Herkunft, zur Kultur und zur Geschichte dieser einzigartigen italienischen Region Marken mit einer einzigartigen territorialen Identität.

Wir wünschen Ihnen einen autochthonen Weingenuss auf Ihrer persönlichen Reise durch die Genusswelt von Genius Loci auf www.geniusloci-italia.it.

Ihr Paul Nauwerk und Ulrich B Wagner

 

Zu den beiden Autoren:

Paul Nauwerk, Jahrgang 1971, geboren in Hamburg, studierte Philosophie, Germanistik und Anglistik in Köln. Über einen Studentenjob im Weinfachhandel kam er in die Weinbranche. In Geisenheim erwarb er das internationale WSET Honours Diploma und wurde in den Club der Weinakademiker aufgenommen. Er ist Mitglied der Deutschen Sommelierunion. Seit 2005 arbeitet er als selbständiger Weinberater, Referent und Weintester. Seit 2011 ist Paul Nauwerk zudem unabhängiger Partner von Genius Loci.

Ulrich B. Wagner, Jahrgang 1967, studierte Psychologie, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Kommunikation, Coaching und Managementberatung (ikcm) mit Sitz in Bad Homburg und Frankfurt am Main und gleichzeitig Dozent an der european school of design für Kommunikationstheorie sowie Werbe- und Konsumentenpsychologie. Zugleich ist er der Marketing- und Kommunikationsberater von Genius Loci.

Genius Loci ist zu erreichen: via Website, via Mail, AGITANO-Unternehmensprofil und Facebook.

 

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