Wirtschaft

Deutschland 2030 – wie wir leben und arbeiten werden (Teil 4)

Deutschland 2030 – wie wir leben und arbeiten werden (Teil 4)

 

Der vierte und letzte Teil von „Deutschland 2030 – wie wir leben und arbeiten werden“ möchte die Diskussion über den Vortrag von dem Zukunftsforscher Prof. Dr. Horst W. Opaschowski bei dem 18. Herbstgespräch der schwäbischen Arbeitgeberverbände bayme, vbm und vbw in Augsburg hinausführen und unterstützen.

 

Die Zukunftsforschung als wissenschaftliche Disziplin verfolgt das Ziel, die Entscheidungsträger in der Politik und der Wirtschaft rechtzeitig in die Lage zu versetzen, zukünftige Risiken zu erkennen und Chancen zu nutzen. Opaschowski hatte in seinem Vortrag nun exemplarisch zehn eindeutige Entwicklungstrends für unsere Arbeits- und unsere Lebenswelt in Deutschland für das Jahr 2030 aufgeführt:

 

Verlängerung der Lebensarbeitszeit und abnehmende Anzahl an Erwerbstätigen, Werteverschiebungen und Leistungsexplosion, Zufriedenheits- statt Besitzorientierung, zunehmende Sinnorientierung, Umkehrung des Individualisierungstrends zugunsten von Familie und Freunden, zunehmende Bedeutung des Alters, das Thema Gesundheit wird einen beinahe religiösen Charakter annehmen und die Arbeitswelt wird weiblicher (Teil 2 und Teil 3).

 

Allerdings bergen einige weitere Entwicklungstrend ein weitaus größeres Konfliktpotential und höhere Risiken als die gerade genannten – sie sind allerdings in ihrer Ausgestaltung auch schwieriger abzuschätzen, da noch unklar ist, inwieweit und in welchem Ausmaß wir sich bietende Chancen nutzen werden, um die Risiken abzufangen. Ein paar Beispiele:

 

1. Stichwort soziale Sicherungssysteme: Aufgrund des technischen Fortschritts, steigender Arbeitsproduktivität und zunehmender internationaler Arbeitsteilung werden insgesamt vermutlich mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert, als durch neu entstehende kompensiert werden kann. Immer mehr einfache Tätigkeiten werden beispielsweise von Hightech-Maschinen ersetzt, die qualifizierte Arbeitskräfte voraussetzen. Dadurch wird sich der Facharbeitermangel sukzessiv verstärken, aber gleichzeitig der Arbeitsmarkt für unterqualifizierte Arbeitskräfte noch prekärer werden. Durch die schrumpfende Zahl an erwerbstätigen Beitragszahlern, einer „Armee“ an unterqualifizierten Arbeitssuchenden und durch die Belastungen des demographischen Wandels verstärkt (höhere Rentenausgaben), werden die sozialen Sicherungssysteme zunehmend über ihre momentan ausgestalteten Grenzen belastet.

 

2. Stichwort ungeregelte Zuwanderung: Problematisch gestaltet sich in diesem Zusammenhang die Ausgestaltung und Umsetzung der Zuwanderung aus – also ob qualifizierte Facharbeiter oder unqualifizierte Wirtschaftsflüchtlinge, deren Integration zusammen mit besonderen Projekten der Qualifikation zunächst noch moderiert werden muss. Auch Opaschowski hat dieses Problemfeld skizziert: „Die Weltbevölkerung wandert und wächst. Deutschlands Bevölkerung dagegen schrumpft.“ Entscheidend sei nun, wie Deutschland die zu erwartende und auch benötigte Zuwanderung regelt. Die mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit, ungeregelter Zuwanderung und Überforderung der sozialen Sicherheitssysteme verbundenen Risiken fasste Opaschowski dabei prägnant als „Arbeiten ohne Ende, Armut ohne Grenzen und Leben ohne Sicherheit“ zusammen. Oder konkreter formuliert: Eine mögliche Wohlstandswende, nicht moderierte Zuwanderung und überforderte soziale Sicherheitssysteme könnten die Großstädte zu Konfliktzentren eines zunehmenden Verteilungskonfliktes werden lassen.

 

1-2. Teillösung: Hierin liegt wohl unbestreitbar die größte Herausforderung für unsere Gesellschaft. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen gab in der Eingangs angesprochenen Rede (Teil 1) auch eine Antwort auf die zwei Probleme „Facharbeitermangel aufgrund des technischen Fortschritts“ und „demographischer Wandel“ – den laut der Ministerin zwei wesentlichsten Herausforderungen für den deutschen Arbeitsmarkt: „Der Arbeitsmarkt muss weiblicher, internationaler und älter werden.“ Dabei benötigen zwei Problemgruppen jedoch besondere Aufmerksamkeit, um Fehlentwicklungen zu vermeiden: alleinerziehende Frauen und unterqualifizierte Migranten. Die einen benötigten eine bessere Kinderbetreuung, die anderen müssten näher ans Berufsleben herangeführt werden. Kooperationen mit den Industrie- und Handelskammern sowie Berufslotsen in den Schulen wären hilfreich. Eine einfache Rechnung: Je höher die Anzahl an (effektiven) Qualifizierungsmaßnahmen ist und je besser die Kinderbetreuung ausfällt, desto weniger Hilfsempfänger und desto mehr erwerbstätige Beitragszahler für unsere sozialen Sicherungssysteme gibt es. Zusätzlich ließen sich natürlich auch alle Einkommensarten zu gleichen Teilen für die Sicherungssysteme heranziehen, so dass der Faktor Arbeit entlastet wird.

 

3. Stichwort globale "lead firms": In den vergangenen zwanzig Jahren sind nach dem Ende der Spaltung der Welt in Ost- und Westblock rund 3 Milliarden Menschen in die globale Arbeitsteilung eingetreten und stehen nun in unmittelbarem Wettbewerb insbesondere zu den niedrig qualifizierten Arbeitnehmern in den alten Industrieländern. Auf diese Weise existiert am breiten Sockel der zunehmend internationalisierten Wertschöpfungsketten ein harter Wettbewerb unter den Produzenten, während an der Spitze dieser Ketten der Wettbewerb durch eine immer größere Konzentration der Unternehmen immer geringer wird. Diese "lead firms" können mit Hilfe verschiedener Markteintrittsbarrieren (z.B. patentierte Technologien, langfristige Verträge, Markennamen etc.) eine oligopolistische Marktstruktur befestigen. Die durch den Wettbewerb initiierte Steigerung der Kosteneffizienz nimmt dann ab, während sich die steigenden Gewinne immer weiter konzentrieren. Dieser Entwicklungstrend wird kontrovers diskutiert. Wie und ob eine internationale Regelung diesen Entwicklungsprozess entschärfen kann, ist daher ungewiss.

 

Für eine Übersicht über die weiteren Brennpunkte unserer Gesellschaft in 20 Jahren bietet sich Opaschowskis Buch "Deutschland 2030 – Wie wir in Zukunft leben" an. Der Zukunftsforscher untersucht darin umfassend die Themengebiete: Wohlstand, Arbeit, Konsum, Umwelt, Medien, Sport, Unterhaltung, Urlaub, Wohnen, Kultur, Bildung, Soziales, Werte und Vorsorge.

 

Antworten und Hilfestellungen aus Unternehmer- und Unternehmensperspektive bietet das Roman Herzog Institut. Es geht der Frage nach, wie ein Zukunftsentwurf für Arbeit in Deutschland aussehen könnte, welche Entwicklungsmöglichkeiten unter den Bedingungen der Globalisierung denkbar sind, wie Arbeiten und Leben in eine neue Balance gebracht werden müssen und wie die Unternehmen auf die Herausforderungen reagieren können.

 

Zukunftsforschung bedeutet, Risiken erkennbar zu machen und Chancen aufzuzeigen. Sie fordert dazu auf, aktiv an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken. Nur langfristige Konzepte können das Vertrauen der Bürger in die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft stärken.

 

Verfasser: AGITANO-Redaktion, Marc Brümmer.

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